![]()
Von Sokrates über Alexis Sorbas bis Papandreou haben die Griechen stets gewusst, was gut ist: leben und genießen – aber nicht unbedingt selbst bezahlen. Ganz schön weise! Wir können von den Griechen lernen; fangen wir gleich damit an. Egal ob im Büro, bei der Parkplatzsuche oder in der Liebe – Griechifyer profitieren, während andere die Arbeit machen. Das große Hellas: ein leuchtendes Vorbild seit der Antike, wie Dietmar Bittrich und Stefan Stutz wissen.
In 70 kurzen Kapiteln wird uns potentiellen Griechifyern das Rüstzeug für ein sorgenfreies Leben an die Hand gegeben. Griechifizieren lohnt sich nicht nur bei der Steuererklärung, der Arbeitsverweigerung oder dem Beziehen öffentlicher, speziell europäischer Transferleistungen. Es gibt überhaupt keinen Bereich, indem sich der Import von griechischem Savoir-vivrre nicht lohnen würde. Griechify … your Stammbaum, your Bahnfahrt, your Putzfimmel, your Alter, your Dokumente, your Präsenzpflicht, your Rhetorik, your Papierkrieg, your Nachwuchs.
Veredelt ist das ungemein nützliche Büchlein durch Sprüche, die das Leben schrieb, und Illustrationen, die Herz und Verstand erfreuen. Griechenland – ein Erfolgsmodell. Es steht für pure Daseinsfreude, Genuss und die Fähigkeit, das Leben als Geschenk zu nehmen. Aber lesen Sie selbst, was Dietmarios Bittriklos uns an hellenischer Weisheit mit auf den Lebensweg geben möchte! Drei Beispiele von vielen:
Schonen! Computer schonen, Körper schonen, Geist schonen. Eine vergleichende Studie zur Bildschirmarbeit überraschte im April 2011 die «Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen». Erste Überraschung: Das griechische Wort Ergonomie (ergon – Arbeit, nomos – Regel) ist im Land seiner Herkunft unbekannt. Zweite Überaschung: Bei griechischen Büroangestellten finden sich europaweit die geringsten Belastungen durch Bildschirmarbeit! Maushand, Sehnenscheidenentzündung, Karpaltunnelsyndrom und all die Symptome an Nacken, Schultern, Augen, die in Mitteleuropa als «Repetitive Strain Injury Syndrom» bekannt sind, tauchen in Hellas kaum oder gar nicht auf.
«Von allen Europäern gehen die Griechen am besten mit ihren Computerarbeitsplätzen um», folgert der heimische Experte Nikos Tsitsirikos. Zugleich jedoch verzeichnet das Land eine vielbeachtete Aktivität: Bildschirmschoner laufen hier am längsten und am häufigsten, in Regierungsbüros gewöhnlich den ganzen Tag über. Der Sicherheitsexperte: «Im Schonen sind wir Griechen Spitze.» Und wir bald auch! Wo nicht pausenlos Bildschirmschoner laufen können, rät der Forscher dazu, mehrere Chatfenster zu öffnen, um Aktivität vorzutäuschen. «Abonnieren Sie außerdem Feeds und Tweets, studieren Sie die Bewegungen der griechischen Fußballnationalmannschaft, verlagern Sie Ihre Vetternwirtschaft ins Netzwerk und loggen Sie sich im Hängematten- Modus bei Social Games ein.»
Jahrmarktgelder aus Brüssel eintreiben. Zunächst sah es nach einem tragischen Unfall aus, dann erwies es sich als Glücksfall. Um das Ansehen der Europäischen Union in seinem Land zu erhöhen – in Griechenland gilt die EU als schamloser Ausbeuter –, ließ der Schausteller Traianos Liberopoulos sein Kettenkarussell mit selbst entworfenen Euro-Schaukeln ausstatten. Die Gelder konnte er aus Brüssel eintreiben, aus dem Topf für «Werbemaßnahmen zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Akzeptanz der gesamteuropäischen Identität» (auch Genitiv-Topf genannt).
Vielleicht war es misslich, dass nur die Finanzierung aus Brüssel kam, die Schaukeln jedoch vor Ort gefertigt wurden nach dem Beihilfekodex für die thessalische Betonstahlproduktion. Sicher war auch unter dem Eindruck der Krise die Fliehkraft im ganzen Land zu groß. Jedenfalls brach gleich die erste Schaukel beim Probelauf und schleuderte die Ehefrau des Schaustellers dreiundzwanzig Meter weit in eine illegale Mülldeponie. «Seither beziehe ich Witwenrente vom griechischen Staat, eine weitere vom Stahlwerk und eine dritte vom europäischen Beihilfefonds für die Erhaltung des traditionellen Schaustellergewerbes.» Glückwunsch! Außerdem nimmt Liberopoulos seit dem Unfall reichlich Fakelaki entgegen, die gutgefüllten Umschläge, und zwar von Freunden, die lästige Verwandte auf seinen Schaukeln auf die Reise schicken wollen. Auch die thessalische Produktionsfirma befindet sich im Aufwind.
Pragmatisch sein. Nicht so genau nachfragen. Entspannen. Genießen. Geld nicht unnütz beiseitelegen und schon gar nicht in Schlitze stecken, aus denen nicht sofort ein Gegenwert herausspringt. Euros rasch ausgeben, denn sie verlieren schnell an Wert. «Für den Letzten bleiben die Borsten», heißt ein altes Sprichwort von der Insel Kreta. Es bezieht sich auf Grillfeste und auf Leute, die nicht schnallen, worum es im Leben geht. Der Bürgermeister der kretischen Party-Hochburg Chersonissos scherzt: «Die Borsten heben wir immer für die Deutschen auf, die zahlen Millionen dafür. Ich glaube, sie putzen sich damit die Zähne. Wir nennen es Transfer-Union.» Das hört sich ebenfalls eher nach
einem Übersetzungsfehler an, trifft aber die Sache.
Leider sind viele Deutsche mittlerweile zu synthetischen Borsten übergegangen, wollen selber was essen und mögen ihr Erspartes nicht hergeben. Wie leiert man trotzdem Geld aus ihnen heraus? «Man erinnert sie an die Nazi-Zeit und vergleicht sie mit Hitler», rät Giannis Kapsis, Mitglied der sozialistischen Regierungspartei Pasok. Kapsis hat das so gemacht. Wir, die wir möglicherweise selbst Deutsche sind, müssen notfalls andere Wege finden. Die Richtung ist klar: Wer jemandem Schuldgefühle einimpfen kann, kommt leichter ans Geld, leichter ans Ferkel und braucht nicht zu sparen. Versuchen wir’s!
«Das deutsche Wort Sparschwein habe ich jahrelang mit Spanferkel übersetzt, bis Joschka Fischer mich auf die fremde Bedeutung aufmerksam machte. Ich musste ihm sagen: Sparschwein lässt sich nicht ins Griechische übersetzen, so etwas haben wir nicht. Ich bin bei Spanferkel geblieben.»
(Maria Karagounis, Simultandolmetscherin beim EU-Parlament)