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Er ist ein Mann, der sein Geld auf beneidenswerte Weise verdient. Dietmar Bittrich fährt als Reisebegleiter eines Kreuzfahrtschiffes seit Jahren um die Welt. Sein Zuständigkeitsbereich: «Aufmunterung und Trost der Passagiere.» Nebenbei schreibt er, vermutlich nachts in der Kajüte bei einem gepflegten Roten, aufmunternde, tröstende Bücher mit Titeln wie Das Gummibärchen-Orakel der Liebe, Das Weihnachtshasser-Buch oder Achtung, Gutmenschen! (allesamt bei rororo erschienen).
In seinem neuen Opus macht er Menschen mit dem Faible fürs Reisen, also eigentlich uns allen, 1000 Orte madig – Länder und Städte, Regionen und Sehenswürdigkeiten. Und immer lautet das Urteile: Kannst du knicken. Musst du nicht hin. Lass es sein. Wir haben es also, formal wie inhaltlich, mit einem Miesmacher-Buch zu tun. Was sagt man dazu?! Zum Beispiel dass es hinreißend lustig ist, weil es einem die Lachtränen in die Augen treibt. Dass man es Menschen schenken sollte, die es in die weite Welt zieht. Und auch jenen anderen, die touristisch längst die Reißleine gezogen haben und sich zum Urlauben in die innere Emigration zurückziehen, nach Balkonien oder in den Schrebergarten.
Dieses Buch gehört eigentlich auf die Kabarettbühne. Sollte Bittrich einmal die aufmunternd-tröstliche Seefahrerei an den Nagel hängen, wäre er gut beraten, sich im Bonner Pantheon, in Schmidts Tivoli oder an anderen einschlägigen Lustspielorten auf die Bühne zu stellen und ein Best of ... seiner 1000 Orte, die man knicken kann zum Besten zu geben. Nicht dass Sie meinen, hier würden irgendwelche irgendwo gehypten touristischen Spezialdestinationen niedergemacht, das schweineteure Wellness-Resort im tiefsten Dschungel von Kambodscha, die frisch entdeckte Grabkammer eines Maya-Fürsten, der Survival-Trip auf der Seidenstraße für Manager und andere High-Performer.
Nein, es sind die Orte und Gegenden, an die es uns Ottonormal-Touristen üblicherweise hinzieht. Venedig, Markusplatz. Paris, Montmartre, Diana-Tunnel, Champs-Élysées. Kopenhagen, Tivoli, Louisenholm. London (komplett). Blaue Moschee, Ronda, Akropolis, Abu Simbel, Machu Picchu, Copacabana. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt: Es geht um bzw. gegen alles, was uns bislang auf unseren Reisen lieb und teuer (vor allem Letzteres) war. Bei Bittrich reiht sich eine großartige Gemeinheit an die andere – so richtig amused dürfte die Tourismusindustrie über dieses Sperrfeuer an übler Nachrede nicht sein! Aber nicht dass Sie meinen, der Autor stünde mit seinem Urteil allein da; hier wird zwar geholzt, aber auf hohem Niveau. Als Zeugen der Anklage fungieren Massen schlauer Leute: Nobelpreisträger, Politiker, Wissenschaftler, Schriftsteller, Filmemacher und andere Weitgereiste.
Damit Sie auf den Geschmack kommen, machen wir hier probehalber mal zwei Städte und ein Land nieder: kostenlos und unverbindlich. (Exquisit sind übrigens in den 1000 Orten nicht nur die zitierten Kennerurteile, auch die Tipps haben es in sich, wie man lästige Mitreisende los wird, den Ehegatten, die Schwiergermutter, die duselige Nachbarin aus dem Reisebus etc.!)
PARIS, eine Ansammlung peinlicher Sehenswürdigkeiten. Eiffelturm: sechs Millionen Touristen pro Jahr; «weil viele von ihnen aus Verzweiflung über den schlechten Blick in die Tiefe sprangen, ist die Plattform in fast 300 Metern Höhe seit einiger Zeit verglast.» Champs-Élysées: «Frittenbuden, Planet Hollywood, McDonald’s, Löwenbräukeller, grottige Straßencafés und Filialen der abgenudeltsten Modeketten säumen das, was Uneingeweihte für eine Prachtstraße hielten. Es handelt sich um eine für Militärparaden angelegte Meile, die an Nationalfeiertagen von Nuklearbombern überdonnert wird.» Louvre: «Das laut Henri Matisse ‹zweitdümmste Gesicht der Porträtmalerei› hängt hier, die Mona Lisa, wegen der kurzsichtigen Studienreisenden unter Panzerglas.» Und das meinen zwei Kenner über die – Hallo Phrasenschwein! – Stadt der Liebe: «Mag ich nicht, will ich nicht, finde ich zum Kotzen.» (Karl Valentin) Brillant auch Dieter Bohlen: «Paris – ist das nicht die bescheuerte Blondine, die im Hilton wohnt?»
SCHOTTLAND. Vergessen wir Edinburgh, Glasgow und das Loch Ness, gehen wir gleich aufs Ganze: «Die Schotten sind nicht geizig, sie geben nur einfach kein Geld aus. Ihre Landschaft ist nicht eintönig, sie ist vielmehr auf mannigfaltige Weise monoton. Und das Wetter ist keineswegs regnerisch, sondern bietet faszinierende Varianten von Niederschlag: Nebel, Hochnebel, Kriechnebel, Nieseln, Sprühregen, Platzregen, Landregen, Dauerregen, Starkregen, gefrierender Regen, Graupelschauer, Hagelschauer, Wolkenbrüche, Schneeregen, Schneeschauer, Schneestürme und zuweilen Gewitter. Und das alles nicht mit großen, langweiligen Abständen, sondern ineinander übergehend.» So, das war’s mit Schottland. Aus und vorbei. Land’s End.
ROM. Die italienische Kapitale gilt als der einzige Ort Italiens, an dem Ndrangheta, Mafia, Cosa Nostra und Camorra harmonisch zusammenarbeiten. Vielleicht auch ein Grund für das Urteil des geschätzten Großmimen Marcello Mastroianni: «Man muss Rom nicht hassen, um es zu kennen. Aber es hilft enorm.» Generell gilt, dass zum Glück nicht alle Wege nach Rom führen. Weil: «Einigen Unglücklichen hat man eingeredet, sie müssten alte Ruinen sehen. Andere wollen die Sixtinische Kapelle spielen hören. Wieder andere möchten dem Papst eine Audienz erteilen. Berühmt geworden ist Rom zuletzt vor allem als Ziel amtsmüder Lehrer. Keine andere europäische Stadt garantiert derart gründliche Hörstürze, in keiner schwimmt so viel Asselkot im Trinkwasser. Bereits ein zehntägiger Aufenthalt, so die Lehrergewerkschaft, reicht für eine Frühpensionierung.»