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Für Dieter Moor und seine Frau Sonja war es ein unvergesslicher Spätsommertag. Als sie zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Brandenburg ihren Hof Hof sein ließen und zu einem gemeinsamen Ausflug aufbrachen. Just an diesem Tag stürzte ein Flugzeug auf ihrer Schafweide ab. Es war, und nur das ist hier wichtig, der Tag, an dem die Moors Sabine Schneider kennenlernten. Vor Jahren hatte sie ein kleines Restaurant im Elsass geführt. Ein Familienbetrieb, der bald zum Geheimtipp wurde, zu einem Muss für «normale» Feinschmecker wie für «Sterne-, Hauben- und Guide-Michelin-Köche». Bei einem kleinen Imbiss in Sabines Garten verstanden sie schnell, weshalb ihre Küche so gerühmt wurde. Aus dieser Begegnung ging eine Freundschaft hervor – und ein hinreißend illustriertes Buch über traditionelle Bauernküche: ganz & einfach. tempofrei kochen ist ein Gaumenschmaus und ein Augenschmaus zugleich. Einfach saulecker!
Was an der Küchenkunst seiner Kochbuchpartnerin Sabine Schneider so besonders ist? Vielleicht DASS sie nichts Besonderes darstellen will. Keine spektakulären exotischen Zutaten, keine Molekularküchen-Experimente, keine abgefahrenen Neukreationen – einfach nur Natur. «Stellen Sie sich vor, dieses Essen würde ganz genau nach dem schmecken, woraus es gemacht wurde, und aus nix anderem. Stellen Sie sich Ihr Lieblingsgericht ‚pur’ vor. Pur und rein und echt. Und dennoch eine winzige Nuance anders, als Sie es kennen. Irgendwie voller. (…) So schmeckt das Essen von Sabine: wie frisch verliebt.»
Sabine Schneider hat das Kochen in den Genen, davon sind alle überzeugt, die sie und ihre Kochkunst näher kennen. Sie selbst führt ihr Talent auch auf biographische Glücksfälle zurück: Als Flüchtlingskind verschlug es sie 1945 aus dem zerbombten Berlin nach Bayern, an den Chiemsee. Ihre Großmutter lehrte sie, die einfachen Dinge kulinarisch zu schätzen: Löwenzahn, Giersch und Sauerampfer fürs Kräutersüppchen, Beeren, alle halbwegs genießbaren Pilze. Die süßen und herzhaften Leckereien der schlesischen Küche, die sie durch andere Flüchtlinge früh kennen und lieben lernte. Duftendes, selbst gebackenes Brot. Brachsen und andere Chiemseefische.
Später die ersten mediterranen Eindrücke, als sie einen Sommer lang in Südfrankreich auf einer Obstplantage aushalf: Olivenöl und Knoblauch, Huhn und Hase in Wein geschmort, köstliche Gemüse in sämigen Saucen, «Erinnerungen an Geschmäcker und Gerüche und an Gerichte, die ich bewahrt habe». Und statt wie geplant Chemie und Biologie zu studieren, bekam Sabine Schneider drei Kinder – und wurde zu einer begnadeten Köchin: zu Hause, dann im Elsaß, später in Ungarn.
Dieter Moor hat seine ganz eigene Kochgeschichte,. sie hat einen eindeutig männlichen Touch. Weil er nicht zur Kategorie der Tanzparkett-Casanovas zählte, die Frauenherzen im Sturm erobern, musste er in einer anderen Disziplin brillieren, um bei seiner «Kategorie-1-Frau» überhaupt eine Chance zu haben. Wie ihm das gelungen ist, erzählt der Moderator der ARD-Kulturmagazins titel thesen temperamente im Kapitel Küchentanz mit dem ihm eigenen Witz und Charme. Kurz und gut, der Moor hat seine Schuldigkeit getan und kochen gelernt (wegen einer Filmrolle sogar mal für zwei Wochen im Hexenkessel einer Profiküche). Gut kochen gelernt, wie man nach der Lektüre dieses inspirierenden Koch- und Essbuchs vermuten darf. (Und mit der Frau füs Leben hat es ja dann auch geklappt …)
Das zur Vorgeschichte. Mit Sabine Schneider und Dieter Moor flanieren wir durch sechs Kapitel, die das Terrain abstecken. Kapitel 1: Mit Gemüse und Kräutern durch das Jahr. Kapitel 2: Die fünf Säulen der ländlichen Küche (Mehl, Eier, Milchprodukte, Kartoffeln, Speck). Kapitel 3: Die traditionelle Küche rund um das Fleisch. Kapitel 4: Das liebe Federvieh. Kapitel 5: Die Fische. Kapitel 6: Der fruchtige Abschluss.
Es sind nicht nur die vielen köstlichen Gerichte, die uns dieses Buch lieben lassen: Frühlingssüppchen aus Wildkräutern, Pfannkuchen mit Spinatfüllung, die elsässischen Käsknepfle, die «absolut geniale Schalottenbutter nach Alain Ducasse», Südtiroler Schlutzkrapfen, ungarisches Kesselgulasch, Bauernpastete mit Wacholder, Lammkeule im Kartoffelbett, Gockel in Riesling, Schlesisches Himmelreich, Apfelküchel.
Sabine Schneider und Dieter Moor haben auch eine Menge wirklich nützlicher Tipps auf Lager. Die optimale Technik des Spargelschälens. Bohnenkraut, Oregano und Majoran als Kräuter, die durchs Trocknen nicht an Aroma verlieren. Öle und Essige, die man unbedingt vorrätig haben sollte. Die Unterschiede beim Mehl (optimal für Nudeln und Strudelteig ist eines, das man in Österreich «das griffige» und in Bayern «Dunst» nennt, «eine Mehlform, deren Körnung zwischen Gries und Mehl liegt und die beim Müller als Nebenprodukt der langwierigen Siebvorgänge abfällt»). Das unvergleichliche Aroma von gutem Schmalz. Wie die Maultaschen zu ihrem zweiten Namen kamen, «Herrgottsbscheißerle» (der Legende nach wurde die schwäbische Nudelspezialität von einem Mönch aus Maulbronn erfunden, der auf pfiffige Weise das in der Fastenzeit verpönte Fleisch zu verbergen wusste) und vieles mehr.
Vor allem aber wird hier für das Kochen und Essen im Rhythmus der Jahreszeiten getrommelt. Es gibt die Spargelzeit, die Bohnenzeit, die Tomatenzeit, die Rote-Bete-Zeit, die Kohl-Zeit – nichts ist immer verfügbar. Dass Moor & Schneider auf die Machenschaften der Nahrungsmittelkonzerne nicht gut zu sprechen sind, versteht sich von selbst; aber was wären diese ohne uns Konsumenten?
«In der westlichen Welt wird die Hälfte aller produzierten Lebensmittel einfach weggeschmissen. Die Hälfte! (…) Gleichzeitig wird aber von den Food-Konzernen penetrant ein bedrohlicher Mangel suggeriert. Nur mit ‚effizienter industrieller Produktion von Nahrungsmitteln’, heißt es, nur mit ‚fabrikgerechter Normverwertung’ und von Konzernen ‚gesteuerter Vermarktung’ sei die Menschheit künftig zu ernähren. Das wird gebetsmühlenartig wiederholt und wiederholt und wiederholt. Und die Food-Manager schaffen es tatsächlich, dass wir Angst bekommen, zu verhungern. Anders ist nicht zu erklären, warum wir kaputte Landschaften, für immer ruinierte Böden, das Aussterben Tausender von Gemüse- und Obstsorten sowie Nutztierarten widerspruchslos akzeptieren. (…) Natürlich ist es genau andersrum: Falls wir so weitermachen, falls wir diesen Irrsinn nicht beenden, werden wir hungern. Dann werden wir wirklich alternativlos sein: tote Böden = nix zu fressen. Noch Fragen?»
Die Rezepte sind übrigens wirklich leicht nachkochbar. Der Autor dieser Zeilen, nicht gerade als All-Kitchen-Hero bekannt, hat sich an einer von Sabine Schneiders elsässischen Spezialitäten versucht, den Kasknepfle. Sie gelangen perfekt, einfach wunderbar. Da aber bekanntlich auch blinde Hühner mal ein Korn finden, hat er es einfach noch mal versucht, als sich unerwarteter Besuch ankündigte. Das Resultat: bewundernde Blicke der Gäste. Und die bange Frage: Ganz schön kompliziert, oder? Eigentlich nicht, erwidert der Knepflemacher bescheiden, es war eigentlich ganz (&) einfach …