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Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich

© Matrix Buchkonzepte Ch. Modi & M. Orlowski

Ohne die Thesen von Thilo Sarrazin wäre dieses Buch nicht geschrieben worden – «ein Anlass, den ich bedaure», schreibt Dieter E. Zimmer. Der Wissenschaftsjournalist und langjährige Feuilletonchef der Zeit greift in seiner «Klarstellung» eine Frage auf, die nach der Publikation von Sarrazins Mega-Bestseller Deutschland schafft sich ab eine von polemischer Schärfe geprägte Debatte auslöste: Ist Intelligenz erblich? Dieter E. Zimmer stellt klar: Der Forschungsstand ist eindeutig (und nur eine verschwindende Minderheit von Verhaltensgenetikern sieht das anders): Der Intelligenzquotient (IQ) ist zu rund drei Viertel genetisch bestimmt.

Frau Nahles und Herr Sarrazin

Der Zweck, den «ewigen Provokateur und Querulanten» Thilo Sarrazin aus der SPD zu schmeißen, scheint 2010 offenbar jedes Mittel geheiligt zu haben. Anders, so Dieter E. Zimmer, dürfte sich die argumentative Ignoranz nicht erklären lassen, mit der SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles und Parteichef Sigmar Gabriel die gewagte These von der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen zu einem nicht länger diskutierbaren Glaubenssatz, zur offiziellen Parteidoktrin zu machen.

«Das Leben,» so die SPD-Politikerin, «ist offen. Die Entwicklung oder Charaktereigenschaften eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen sind nicht durch ein bestimmtes Erbgut vorgezeichnet.» Der SPD-Parteivorsitzende Gabriel ging zwei Tage später noch einen Schritt weiter: «Thilo Sarrazin hat in der Öffentlichkeit so getan, als würde sich Intelligenz und Dummheit und Fleiß und Leistungsverhalten genetisch vererben, und wer das sagt …, der ist natürlich ganz nah an den ganzen Rassentheorien, die in den letzten hundert Jahren viel Verderben produziert haben.» Dies sei nichts anderes als eine «liebe Lebenslüge», kontert Zimmer; die Erblichkeit der biometrischen Intelligenz (des IQ) sei fast so hoch wie die der Körpergröße, also mehr als 70 Prozent.

Die Perlentaucher-Redaktion formuliert es in ihrem Resümee pointiert: «Von Dieter E. Zimmer lernt man, dass man doch doof geboren werden kann, aber nur zu drei Viertel.» Das ist lässig formuliert, aber deutlich richtiger als die waghalsige Ankündigung von James B. Watson, dem Begründer des Behaviorismus: «Man gebe mir ein Dutzend gesunder, wohlgestalter Kleinkinder und meine eigene spezielle Welt, in der ich sie aufwachsen lasse, und ich garantiere, dass ich aufs Geratewohl jedes beliebige von ihnen zu jeder Art von Spezialist erziehen kann – Arzt, Anwalt, Künstler, Kaufmann und Dieb, und ja, auch Bettler und Dieb, ungeachtet seiner Talente, Neigungen, Vorlieben, Fähigkeiten, Berufsinteressen und der Rasse seiner Vorfahren.»

Autoreninfo

Dieter E. Zimmer, geb. 1934, ist freier Autor und Übersetzer. Von 1959–1999 war er Redakteur bei DIE ZEIT, davon 1973–1977 Leiter des Feuilletons,...
mehr über den Autor
Doof by nature?

Jeder kann alles werden, jeder kann alles lernen – diese Auffassung ist nicht haltbar. Zimmer nennt dies «die hochgemute, bisweilen militante Doktrin von der Allmacht der Erziehung». Es sei «robust erwiesen, wie etwas in den Naturwissenschaften überhaupt erwiesen sein kann», dass die bei IQ-Tests gemessene Intelligenz bei Erwachsenen mindestens zu 60 bis 75 Prozent, bei Kindern zu 40 Prozent vom Genotyp bestimmt sei (was übrigens nichts, aber auch gar nichts mit dem Sarrazin'schen Unfug von «jüdischen und moslemischen Genen» zu tun hat).

Die Menschheit wird sich mit der ungleichen Verteilung von Begabung abfinden müssen. Aber es gibt auch Trost: Erstens, Intelligenz verteilt sich gemäß einer Glockenkurve, es sind also ebenso viele überdurchschnittlich wie unterdurchschnittlich Intelligente unterwegs. Zweitens, zwei Drittel der Weltbevölkerung sind mittelintelligent. Drittens, nicht ein fester IQ-Wert ist genetisch definiert, sondern ein Potenzial – «das Potenzial, aus und mit der Umwelt zu lernen, wie man analytisch denkt.» Und viertens, Erblichkeit ist ein Befund an Kollektiven und keine Aussage über Individuen.

Dieter E. Zimmer bezieht sich in seiner Beweisführung u.a. auf die berühmten Zwillingsstudien von 1990, das «Minnesota Twin Project». Als Basis dienten dabei die individuellen Daten von 274 zusammen aufgewachsenen und 56 getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen. Resultat: eine IQ-Erblichkeit von 75 Prozent. Für den Grundfaktor «g» (g für «general ability», «intellektuelle Grundfähigkeit») ermittelten spätere Studien sogar einen Erblichkeitsfaktor von 85 Prozent. Natürlich erscheint es gewagt, wie Jürgen Kaube in der FAZ festhält, von dieser Datenbasis auf die Menschheit hochzurechnen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass bislang keinerlei seriöse Studien die Glaubwürdigkeit dieser Werte erschüttern.

Und noch einige Klarstellungen …

Es existiert keine zwingende Korrelation zwischen IQ und Berufserfolg, das liegt auf der Hand. Für eine starke berufliche Performance bedarf es noch anderer Zutaten als der eines bestimmten Intelligenzlevels. Dennoch gelte folgende Regel immer: «Menschen mit jedem, auch dem höchsten IQ, können Hilfsarbeiter werden, und nicht wenige werden es tatsächlich. Aber niemand mit einem niedrigen IQ wird je Physikprofessor.»

All das, so Dieter E. Zimmer, ist kein Plädoyer für die Vernachlässigung einer gezielten Förderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Die Akzeptanz einer genetischen Disposition von Intelligenz bedeutet nur, sich von einem unhaltbaren pädagogischen Dogma zu verabschieden: der Beseitigung schlechterer Startchancen bezüglich Schul- und Berufserfolg durch «Optimierungsanstrengungen der Umwelt».

Und überhaupt: «Der IQ sagt nicht das mindeste darüber, wie angenehm ein Mensch für seine Mitwelt ist und wie nützlich für die Gesellschaft. Nur, wie gut und schnell er abstrakt denken kann.» Es gibt also durchaus Hoffnung für uns, das Heer der Minder- und Mittelintelligenten …