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Detlef Gürtler: Wirtschaftsatlas Deutschland

© Peter Palm (Karte)

Wirtschaft – ein Buch mit sieben Siegeln? Eine so komplizierte Angelegenheit, dass Laien sie erst gar nicht versuchen sollten zu begreifen? Das wird uns gerne weisgemacht, von denen, die allen Grund haben, wirtschaftliche Entscheidungen zu mystifizieren und so öffentlicher Kontrolle zu entziehen. Detlef Gürtler, Wirtschaftsexperte und Unternehmensberater, bringt auf kluge und originelle Weise Licht in dieses Dunkel. Sein Wirtschaftsatlas Deutschland bietet in acht Kapiteln und auf mehr als 80 großen Karten und zahlreichen Grafiken die wichtigsten Informationen über das Land und seine Bürger, aufgeschlüsselt nach Regionen. Es könnte zum Standardwerk für alle werden, die sich kompetent, aktuell und unterhaltsam über Wirtschaftsfragen informieren wollen. Dabei gelingt es Detlef Gürtler immer wieder, uns mit speziellen Informationen zu verblüffen; schon die Kapitelüberschriften wie «The energy is blowin’ in the wind», «Eine Hartzreise» oder «Plappern gehört zum Netzwerk»haben es in sich …

Deutschland bei Nacht, Deutschland bei Tag

Demografie. «Wie heißt die größte Stadt Deutschlands? Wenn man den Lexika Glauben schenken will, liegt sie ganz im Osten: Berlin, mit mehr als drei Millionen Einwohnern. Doch wenn man auf das nächtliche Deutschland sieht, drängt sich eine andere Antwort förmlich auf. Denn ganz im Westen leuchtet weit heller eine viel größere Metropole: die Rhein-Ruhr-Stadt, ein dreieckiges Gebilde mit den Eckpunkten Bonn, Duisburg und Dortmund – und mit mehr als zehn Millionen Einwohnern.»

Ressourcen & Infrastruktur. «Öl-Pipelines haben drei oder vier Buchstaben. Sie heißen RBB (Rohrleitung Rostock-Böhlen), NDO (Norddeutsche Ölleitung) oder SPSE (Societé du Pipeline Sud-Européen). Sie bilden kein richtiges Netz, manche verbinden nur einzelne Orte miteinander: Heide mit Brunsbüttel oder Wilhelmshaven mit Hamburg. Und sie enden an Orten wie Spergau, Köln-Wesseling oder Gelsenkirchen, die genau auf das angewiesen sind, was aus der Leitung quillt – dort stehen die 14 deutschen Erdölraffinerien.»

Bildung & Innovation. «Früher war das Palästinensertuch Ausdruck von Rebellion. Heute ziert der weiß-schwarz gewürfelte Baumwollschal den Hals schicker Damen um die 30. Am liebsten in der Trendfarbe Fuchsia und kuschelig weich dank eingewebter Kaschmirfäden. Dass das in Zeiten von Web 2.0 nicht ungestraft bleibt, ist klar. Die Gegner haben auf Facebook Position bezogen: «Schwarz-weiße PLO-Schals sind kein modisches Accessoire, du Idiot!»»

Unternehmen & Produktion. «Für die meisten Menschen ist sie der Inbegriff ländlicher Idylle: eine Kuh, die auf einer Wiese grast. Und sogar die meisten Stadtkinder wissen, dass diese Kuh nicht lila ist. Wenn jene Regionen, in denen die Zahl der gehalteneen Rinder die der Schweine übersteigt, etwas gemeinsam haben, dann ist es genau das: Sie sind ländlich, und sie sind idyllisch. Friesland, Eifel, Sauerland, Bayerischer Wald, Allgäu und Voralpenland – alles Gegenden, in denen man jederzeit Milch-, Käse- und Schokoladenwerbung drehen könnte.»

Gerädertes Land, Kaufkraftlosigkeit, Rattenfänger-Effekt

Arbeit & Soziales. «Die Paraderegionen des deutschen Arbeitsmarktes haben etwas gemeinsam: das Bundesland. Die 25 Kreise mit den niedrigsten Arbeitslosenquoten, zwischen 2,1 und3,5 Prozent, liegen sämtlich in Bayern. Erst danach tauchen die beiden ersten Kreise aus einem anderen Bundesland auf: der Eifelkreis Bitburg-Prüm und der Kreis Trier-Saarburg, die beide von der Nähe zum boomenden Kleinstaat Luxemburg profitieren.»

Geld & Konsum. «Deutschland ist die Autonation Europas, wenn nicht gar der Welt. Kein Tempolimit, kraftstrotzende Autokonzerne, der größte Automobilklub der Welt und der beste Formel-1-Rennfahrer aller Zeiten: alles deutsch. Die PKW-Dichte, also die Zahl der Autos in der Relation zur Einwohnerzahl, wächst weiter, trotz steigender Energiepreise bleibt auch die Fahrleistung auf hohem Niveau – und die erfolgreichste Maßnahme zur Ankurbelung der Konjunktur im Krisenjahr 2009 subventionierte den Kauf von Neuwagen.»

20 Jahre deutsche Einheit. «Als die neuen Bundesläner noch DDR hießen, sahen sie in Bezug auf ihre Industriestandorte aus wie von Adidas designt: ein Land mit drei Streifen. Die drei Nordbezirke Schwerin, Rostock und Neubrandenburg waren industrielle Diaspora … Die vier südlich angrenzenden Bezirke Magdeburg, Potsdam, Frankfurt und Berlin bilden einen geschlossenen Mittelstreifen mit 25 bis 32 Prozent Industriebeschäftigten. Und die acht südlichen Bezirke waren das industrielle Kernland der DDR, mit einem Industrieanteil an der gesamten Zahl der Erwerbstätigen zwischen 40,0 (Leipzig) und 48,4 Prozent (Suhl).»

Deutschland und die Welt. «Es gibt nicht viele Statistiken, in den die Ostfriesen Spitzenreiter sind – außer bei der Menge der über sie erzählten Witze natürlich. Und eben der Zahl der beherbergten Touristen. Mit knapp 300 Übernachtungen pro Einwohner und Jahr liegt die Urlaubsregion Ostfriesische Inseln mit Abstand an der Spitze aller deutschen Reisegebiete. Rein rechnerisch übernachtet also bei jedem Inselbewohner von Juist, Borkum oder Norderney fast jede Nacht ein Tourist …»