13.08.2014   von rowohlt

Welche Rolle spielt Geld, wenn Geld keine Rolle spielt?

«Hartnäckig wie Michael Moore und furchtlos wie Borat» (Geo): Dennis Gastmann unter Millionären und Milliardären

© www.istockphoto.com
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Wer träumt nicht mal von einem Abstecher in die Welt der Reichen und Superreichen, in jene Sphäre, die uns Normalsterblichen auf ewig versperrt ist? Dennis Gastmann, Reisereporter und Weltenbummler, ist es gelungen, in diese Geschlossene Gesellschaft vorzudringen. Bei seiner Expedition in die Hautevolee hat er mit Millionären diniert, das Geschäftsgebaren von Oligarchen studiert und Milliardären den letzten Wunsch auf Erden entlockt. Gastmanns hinreißend geschriebener «Reichtumsbericht» lädt ein zur Inspektion einer Parallelwelt, in der man – Millionen hin, Milliarden her – vielleicht doch lieber niemals landen möchte. 


Dennis Gastmann hat es geschafft, mit Promis und Highperformern zu sprechen, die unsereins bestenfalls aus der BUNTE oder der einschlägigen Fachpresse kennt. Bei all seinen Gesprächspartnern brannten ihm die immer gleichen Fragen unter den Nägeln: «Welchen Preis zahlen sie für ihren Wohlstand? Was macht Geld mit dem Kopf und dem Herzen? Wie viel Einfluss und welche Drogen nehmen sie? Welchen Wunsch hat man, wenn man sich jeden erfüllen kann? Was ist Luxus, wenn man sich jeden erfüllen kann? Welche Rolle spielt Geld, wenn Geld keine Rolle spielt? Und vor allem: Wo finde ich den Schlüssel zur geschlossenen Gesellschaft?»

DAS INTERVIEW

Wer sich mit Superreichen beschäftigt, steht vor dem Problem, zwischen Fakt, Klischee und Polemik zu unterscheiden. Wie schaffen Sie es, kritische Distanz zu den Porträtierten halten?


Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich Zwilling bin. Ich kann mich zweiteilen. Wenn ich mit einem Millionenbetrüger Bruderschaft trinke, versinkt auch der Journalist im Alkohol. Frei nach Hunter S. Thompson: Weg mit der Distanz, weg mit der Objektivität, rein in den Smoking. Erst danach nehme ich Abstand und überlege, wie ich meine Erlebnisse bewerten soll. Manchmal bin ich dann schockiert. Von meinen Abenteuern. Und von mir selbst.


Eine Herausforderung für sich war offensichtlich bereits das Heranpirschen an die Millionä- und Milliardäre, die sich hinter Wällen von Agenturen, Justiziaren und PR-Ladies verschanzen. Gab es eigentlich einen Moment, der Sie zweifeln ließ, das Material für Ihren «Reichtumsbericht» zusammenzukriegen?


Tja, ich zweifelte ein halbes Jahr. Damals schrieb ich hunderte Anfragen, dekorierte meine Worte mit Sahne und Kirschen und hoffte auf Antworten. Nicht mal einkaufen wollte ich gehen, aus Angst, den Anruf meines Lebens zu verpassen. Meistens schwieg das Telefon. Wenn es doch klingelte, überbrachte es schlechte Nachrichten. Die ehrlichste Absage bekam ich ausgerechnet von der Deutschen Bank. Anshu Jain gebe nur Fachinterviews, und deren Inhalte würde ich, mit Verlaub, niemals verstehen.

«Über Geschmack kann man streiten, aber nicht über einen Lamborghini»

Bill Gates, Warren Buffett, Boris Becker, Lady Gaga, Paul McCartney … man kann nicht jeden kriegen. Wen hätten Sie von all denen, die «njet» sagten, am liebsten getroffen – und was wäre dann die Frage der Fragen gewesen?


Paris Hilton hätte ich gerne gefragt, wie sie es schafft, so bescheiden zu bleiben. Es hieß übrigens, die Hotelerbin habe sich sehr über meine Anfrage gefreut. Doch leider, leider habe sie keine Zeit.


Abserviert vom «Schnöseldorfer Material Girl» Charlotte, und zwar stilvoll bei Erdbeeren und Champagner auf einer Bank an der Alster: dichterische Freiheit oder tatsächlicher Liebesschock im Leben des Dennis G.?


Ich wünschte, ich hätte diese Story erfunden, doch nur der Name ist ein Fake. «Charlotte» war ein Mannequin, das eigentlich einen High Performer suchte. Kultiviert, vermögend, auf Augenhöhe, mindestens 1,80 Meter. Manchmal lud sie sich zu einem Nobelitaliener ein, bestellte die Speisekarte rauf und runter, und wenn die Rechnung kam, fragte sie: «Na, Schatz, waren wir teuer?» Am liebsten speiste sie mit ihrer Clique, einer verlogenen Headhunterin und deren Lover Guy. Der Kerl sah aus wie James Bond, immer im Anzug, wahnsinnig attraktiv, doch er war so blöd wie schön. Guy vermakelte Penthäuser in Düsseldorf und sprach ausschließlich in Floskeln. Damals verriet mir Charlotte, dass ihre Freundin nur mit Guy schlief, weil er seiner Exfrau mal einen Maserati geschenkt hatte. Nach der Trennung verkroch ich mich einen Sommer lang in einer Hütte in Südostasien. Charlotte heiratete Guy.


«Lachen oder Antidepressiva einwerfen?», heißt es im Porträt der ukrainischen Operndancepop-Diva Kamaliya und ihres Oligarchenfreunds Zahoor. Waren Sie nie in Gefahr, angesichts von Protzerei und purer Dekadenz aus der Rolle zu fallen, um sich journalistisch nicht zu kompromittieren – mit der Konsequenz, rausgeschmissen zu werden?


So was ist mir schon passiert. Damals wollte ich einem Vertreter des Ku-Klux-Klan erklären, dass ich Multi-Kulti-Fan bin. Er lächelte nur kalt und betonte, dass er gute Freunde in Deutschland habe. Seither schlucke ich meinen Ärger einfach runter, was bei Kamaliya und Zahoor tatsächlich schwer fiel. Während die Kämpfer auf dem Kiewer Maidan zwischen Holzpaletten und Abfall hausten, ließen sie es sich in ihrem goldenen Palast gut gehen. Im Atrium stand ein Falke und hinter dem Haus lag im Sommer eine Superyacht im Dnjepr. Damit fuhr Kamaliya manchmal zum Shoppen in die City, wenn die Straßen verstopft waren.

Katar 2022 und der Club der toten Arbeiter

Warum Katar? Haben Sie im Nachhinein die Reise in das «reichste Land der Erde» bereut – ein moderner Sklavenhalterstaat, in der ungeheurer Reichtum auf den Knochen rechtloser Fremdarbeiter akkumuliert wird?


Bereuen ist das falsche Wort, denn Abenteuer sind mein Reichtum. Aber Reisen in solche Länder verlaufen immer ähnlich: Erst Angst, dann leise Euphorie, wenn man sie überwunden hat und von Tag zu Tag ein langsam, aber stetig aufsteigendes Unbehagen, das sich erst auf dem Rückflug löst. Doha ist ein faszinierender Ort und ich bin mir sicher, dass Katar 2022 eine perfekte WM inszenieren wird. Dann allerdings ist die Mannschaft der toten Bauarbeiter wesentlich größer als alle anderen Teams zusammen.


Letzte Frage: Fantasieren wir mal einen großen Geldregen herbei, der über Ihnen niedergeht. Was würde Dennis Gastmann mit den vielen Millionen anfangen: wo leben, wie logieren, umgeben von welchen Statussymbolen?


Ich bin da ganz bescheiden. Ein Haus am Meer würde mir genügen. Und dazu ein hübsches Auto vielleicht. Mit Flügeltüren.

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