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Denis Johnson und ein Ausflug ins Thriller-Genre? Ein Hardboiled-Text im Geiste Dashiell Hammetts: derb, blutig, schrill? Der Meisterliterat hat für den amerikanischen Playboy tatsächlich einen vierteiligen Fortsetzungsroman verfasst: Keine Bewegung! Ein Panoptikum gescheiterter Existenzen und existenzieller Grenzsituationen, ein literarisches Wagnis, in dem mindestens so viel Pulp Fiction wie film noir steckt: Am Ende läuft es für den Helden auf die schmerzvolle Frage «Geld oder Hoden?» hinaus. FAZ-Rezensent Alexander Müller hat den coolen, strikt innerhalb der Konventionen der Genre-Literatur bleibenden Groschenroman offensichtlich mit einigem Vergnügen gelesen. «Denis Johnson beweist hinsichtlich Spannungsaufbau und Charakterzeichnung sein untrügliches Geschick. Die Lakonie seiner Sprache kommt hier glänzend zur Wirkung. Stark sind auch die pointierten Dialoge, die vom Kalauer bis zur abgeklärten Kneipenweisheit alles enthalten, was der Verbrecher- und Verliererjargon hergibt.»
Wenn Gourmetköche sich einen Spaß machen wollen, kochen sie Fastfood, verfeinern die Rezepturen aber so raffiniert, dass sie dem staunenden Gast zur kulinarischen Offenbarung werden. Auch literarische Spitzenkönner gönnen sich und ihren Lesern gelegentlich das Vergnügen, mit Zutaten trivialer Genreliteratur originelle Kreationen anzurichten. Und so liefert nun Denis Johnson, der zuletzt mit seinem opulenten Vietnamepos «Ein gerader Rauch» ein literarisches Mehrgangmenü vom Feinsten kredenzt hatte, mit «Keine Bewegung!» ein extrem scharf gewürztes Schnellgericht aus der Krimi-Küche.
Der Maestro hat zuerst einmal beherzt ins tiefe Genrefass gegriffen und allerlei Versatzstücke herausgeholt. Als sich Jimmy, ein Kleinganove vom Typ ewiger Verlierer, wenig aussichtsreich mit größeren Ganoven anlegt, kreuzt sich sein Fluchtweg mit dem Anitas, einer superattraktiven Frau vom Typ sexy Indianerin, die soeben von ihrem Gatten, ausgerechnet einem Staatsanwalt, geschieden wurde. Gemeinsam mit ihrem Ex und einem korrupten Richter hat sie gut zwei Millionen Dollar unterschlagen, ist aber von den sauberen Ehrenmännern ausgetrickst worden.
Jimmy und Anita teilen ab sofort Bett und scharfe Waffen, um den Kampf mit Gangstern und gesetzlosen Juristen aufzunehmen. Rasch entwickelt sich ein temporeiches Krimi-Kammerspiel, in dem keiner keinem trauen kann, jeder sich vor jedem fürchten muss und niemand dem anderen auch nur das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt – bis schließlich nach etlichen überraschenden Plotdrehungen das komplette Personal, jedenfalls der überlebende Teil, wie ein Rudel tollwütiger Hunde ineinander verbissen ist.
Gewürzt wird der rasante Aberwitz mit grob gehackter Pulp Fiction, dem feinen Salz von Hollywoods Schwarzer Serie, vielerlei Beigaben von Sex und Gewalt, je einer Messerspitze 9/11-Hysterie und Golfkriegstrauma, einer dezenten Prise indianischer Mythologie – und das Ganze schließlich mit einer frisch geschlagenen Showdown-Sahnehaube hübsch angerichtet.
Schon nach wenigen Seiten schwindet die Skepsis des Lesers: Die Sache schmeckt vorzüglich – trotz ihrer kruden Rezeptur oder eben deshalb. Denn ein Klischee, hat Umberto Eco einmal bemerkt, sei peinlich, hundert Klischees seien jedoch ergreifend. Und wenn ein Könner wie Denis Johnson sich ihrer bedient und sie kongenial auftischt, ergeben sie eine Mahlzeit, deren Geschmack uns durchaus an allerlei Vertrautes erinnert, obwohl wir sie in dieser Form noch nie vorgesetzt bekamen.
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Klaus Modick)