Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

David Wagner: Vier Äpfel

© Matrix Buchkonzepte C. Modi & M. Orlowski

«Lange bin ich nicht gern in Supermärkte gegangen», so beginnt David Wagners Roman Vier Äpfel, ein Einstieg in bester Proustscher Manier. «Eine verblüffend einfache Versuchsanordnung, ein vielschichtiges Kunststück» (taz). Nach der Lektüre dieses philosophisch grundierten, melancholischen und doch federleichten Textes stellt sich die Frage, warum das Sujet Supermarkt in der Literatur faktisch nicht vorkommt – obwohl wir doch, wie Wagner bemerkt, ungleich mehr Lebenszeit zwischen Nudelgängen, Hygienedepots und Tiefkühlschränken verbringen als in der Kirche.

Notizen und Reflexionen, durchnummeriert von 1 bis 144, dazu 52 Fußnoten, das Ganze auf 156 Seiten – sieht so ein Roman aus? Warum nicht! David Wagner, der seit seinem Debütroman Meine nachtblaue Hose (erschienen 1999 im Alexander Fest Verlag) als eine der wichtigsten Stimmen der jüngeren deutschen Literatur gilt, gelingt es am Ende, diese wundersamen Prosaminiaturen, schwebende Partikel zwischen Banalität und Sensation, so zu kunstvoll zusammenzufügen, dass sich die inquisitorische Genrefrage von selbst erledigt. Also auf zum Apfelmann!

Von Spinat zu Spinoza

Ein namenloser Mann, der Ich-Erzähler, wandert durch einen Supermarkt irgendwo am Prenzlauer Berg. Es könnte ein besonderer Tag für ihn werden, meint er. Denn wann passiert es einem schon mal, dass man vier Äpfel auf die Waage legt und diese exakt 1000 Gramm anzeigt? Oder könnte es vielleicht sein, dass Äpfel im Zeitalter genetischer Zurichtung bereits exakt auf ein Normgewicht von 250 Gramm hin gezüchtet werden können?

Was ihm, dem Flaneur mit dem Einkaufswagen, unterwegs in der Warenwelt begegnet, steht nicht nur für sich selbst. Auch wenn er das in seiner aktuellen Lebenssituation am allerwenigsten gebrauchen kann: Alles – die Pizza, das Marmeladenetikett, die Nudelpackung, der Joghurtbecher – ist geeignet, ihn an L. zu erinnern, die geliebte Frau, die ihn nach kurzer Ehe verließ. «Meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht.» L. lässt ihn auch hier nicht allein, «als Wiedergängerin und Supermarktgespenst» ist sie stets an seiner Seite. Welche Farbe Küsse wohl haben, hatte L. einst sinniert, eine quälende Erinnerung. «Küsse aber, denke ich, lassen sich nicht einfrieren, das unterscheidet sie von den Himbeeren.»

Warum Tiefkühlpizzen tieftraurige Wesen sind, wie 13 Fischstäbchen in eine Packung kommen (eine zutiefst metaphysische Frage!), wie raffiniertes Sounddesign maximalen Abverkauf fördert, was der verführerische Duft am Bäckerstand mit chinesischem Haar zu tun hat, dies und vieles mehr erfährt man in Wagners Supermarkt-Roman ganz nebenbei. Das wird leichtfüßig und schwermütig dem Leser frei Haus geliefert. Aber ob wir wohl noch einmal in unserem Leben Kaiserbarsch (auch bekannt als Granatbarsch!) zubereiten bzw. in einem Restaurant bestellen werden, das darf bezweifelt werden.

Autoreninfo

David Wagner, geboren 1971, veröffentlichte 2000 seinen Debütroman «Meine nachtblaue Hose». Sein Roman «Vier Äpfel» stand auf der Longlist zum...
mehr über den Autor
Pfandflaschenrückgabefaulheit, Umlandgurke, Überbackkäse

Vielleicht gibt es ihn bald wirklich, den superschlauen Einkaufswagen, der uns via Etikettcode Geschichten über die Waren erzählt, die wir gerade zur Kasse schieben? «Vielleicht trage ich selbst dann einen Empfänger im Ohr, mit dem ich eine Mango sagen höre, ich bin eine Mango, ich komme aus Thailand und bin vor fünf Tagen gepflückt worden. Vielleicht sagt sie das sogar mit einer fernöstlich-asiatischen Schwingung in der Stimme oder mit einer Südseefärbung, die mir sofort Gauguin vor Augen führt. Vielleicht werde ich mit diesem Empfänger auch die Milch sagen hören, hier spricht deine Milch, ich komme vom Biobergbauernhof der Familie Aumüller, von einer Kuh, die Alma heißt, aber ich bezweifle, ob ich das wirklich so genau wissen will.»

Überscharfe Bilde entstehen vor unserem inneren Auge, die das Konsumparadies zu einem hyperrealen Ort werden lassen. Rewe, Penny, Aldi, Edeka, Horte des hemmungslosen Materialismus – und doch eine Umgebung, die zu Meditation und Transzendenz einlädt? Der Wagnersche Supermarkt ist vieles in einem: Paralleluniversum, Abbild des Lebens, Reflexionsraum und Objekt dezidierter Konsumkritik. Vor allem aber fungiert er als Assoziationsmaschine, die den Erzähler (und uns mit ihm) in die 70er und 80er Jahre zurückkatapultieren, als es noch Tante-Emma-Läden zuhauf gab und Supermärkte noch ganz am Anfang ihrer atemberaubenden Karriere standen.

«Mit David Wagner ist einer der scharfsinnigsten Beobachter des Alltags wieder da», freut sich die FAZ. Und wir mit ihr.