![]()
Für riskante Alleingänge ist CIA-Veteran Edward Stone bekannt; Harakiri-Operationen sind geradezu sein Markenzeichen. Doch dieses Mal überspannt er den Bogen: Beim Versuch, durch eine Politik gezielter Nadelstiche die südlichen Sowjetrepubliken im Kaukasus zu destabilisieren, zerreißt das Netzwerk der Agency. Nicht alle werden Stones Alleingang überleben …
Einen Tag nach der Vertreibung des Schah aus dem Iran im Januar 1979 beendete Harvard-Absolventin Anna Barnes ihren Crashkurs bei der CIA. Für die Agency war es en Katastrophenjahr. Speziell in Zentralasien und im Mittleren Osten ist es schwer, neue verlässliche Agenten zu rekrutieren. Das, was Anhänger des Ayatollah Khomeini in den Straßen von Teheran erklärten oder enttarnten Freunden Amerikas antaten, schlug den Männern und Frauen in der CIA-Zentrale in Langley schwer aufs Gemüt. «Zeiten wie diese sind allen Geheimdiensten verhasst, weil sie ihr ganzes Konzept in Frage stellen. Jeder Geheimdienst fußt auf dem stillschweigenden Versprechen: Wir halten euch die Treue. Wir werden euch nie verraten, euch niemals dem Feind ausliefern.» Das war schon in Zeiten normalen Geschäftsverlaufs gelogen, in Phasen dramatischer Umwälzungen wie jenen im Iran blamierten sich solche Versprechen als tönerne Phrasen, als nackter Zynismus.
Anna Barnes war explizit nicht als CIA-Agentin, sondern als NOC rekrutiert worden, als «Non-Official Cover». Deckname: Amy L. Gunderson. Man war in Langley auf die zielstrebige Doktorandin im Fachbereich Osmanische Geschichte wegen ihrer immensen Fremdsprachenkenntnisse aufmerksam geworden; wer wie sie fließend Französisch, Türkisch, Persisch und Deutsch sprach, muss nach CIA-Logik solche Talente in den Dienst der nationalen Sache stellen. Kaum ist die letzte Unterrichtsstunde der inoffiziellen Agentin vorbei, macht ihr auch schon Edward Stone, ein hoher Beamter des CIA-Innendienstes, seine Aufwartung.
Stone ist so etwas wie die graue Eminenz unter den Agency-Mitarbeitern, einer der alten Garde, der sich seinen Ruf als Hardliner an allen Fronten des Kalten Krieges redlich erworben hat. Ein Strippenzieher in Sachen «nationaler Sicherheit», einer, der sich nie in die Karten schauen lässt. Die 29-Jährige ist kurz davor, ihren ersten Job als Undercover-Agentin in London anzutreten. Anders als sie scheint Stone sehr genau zu wissen, wofür man Anna braucht. Es wird einige Wochen und diverse schreckliche Vorkommnisse dauern, bis sie begreift, dass er sie – wie viele andere Agenten und «Non-Officials» der Agency – für die Durchführung eines verwegenen Plans zur Destabilisierung der südlichen Sowjetrepubliken Abchasien, Aserbeidschan, Armenien, Kasachstan braucht …
Die Weltmacht Russland in ihrem machtvollen Zentrum anzugreifen, wäre für die Vereinigten Staaten ein wahnwitziges Risiko, der reine Selbstmord. Also lautet die Parole: Subversion statt Konfrontation. Denn, so Stone, «die Sowjetunion ist ein einziges, instabiles Kartenhaus, das nur darauf wartet, weggepustet zu werden. An den Rändern fällt alles auseinander. Ein einziges Chaos …»
In Istanbul, wo Anna Kontakt mit dem lokalen CIA-Bürochef Alan Taylor aufnimmt, überschlagen sich derweil die Ereignisse – in jener Stadt, «in der die Spionage erfunden wurde, deren bloßer Name jahrhundertelang ein Synonym für Verrat und doppeltes Spiel war…, die Stadt, in der zur Zeit des vorletzten Sultans Abdülhamid II. angeblich die eine Hälfte der Bevölkerung damit beschäftigt war, die andere Hlfte auszuspionieren.» Im Mittelpunkt der geheimdienstlichen Ermittlungen steht der windige Jack Rawls, der sich als kanadischer Dokumentarfilmer ausgibt, tatsächlich aber an einer Operation von strategischer Relevanz feilt. Rawls hetzt nicht nur gegen die «antimuslimischen russischen Usurpatoren»: Sein Plan ist offenbar, eine Privatarmee aus Extremisten nationalistischer Minderheiten aufzubauen, zu allem entschlossenen Dschihadisten aus Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan oder Turkestan.
Stones Plan ist, in großem Stil, also mit Geld, Waffen und logistscher Hilfe, eine Bewegung «Freiheit für Turkestan» ins Leben zu rufen – ein typischer Geheimdienst-Popanz. Dafür ist der CIA-Mann auch bereit, über Leichen zu gehen. Nicht alle, die Anna und Taylor für das Harakiri-Unternehmen im südrussischen Hinterland anzuwerben versuchen (wie der armenische Arzt Aram Antoyan), werden lebend aus der Sache herauskommen. Als die CIA antirussische Rebellengruppen in Afghanistan immer massiver zu unterstützen beginnt, gerät die Situation außer Kontrolle. Das «Netzwerk» der CIA zerreißt – und einige Agenten werden förmlich zum Abschuss freigegeben. Schwund ist immer – das weiß keiner besser als CIA-Agent Edward Stone …
Mit gewohnt lässiger Souveränität erzählt David Ignatius in seinem spannenden Thriller die Geschichte eines politisch hochbrisanten Komplotts. Was bei anderen schnell zu B-Movie und Politklamauk verkommt, ist bei ihm auf den Punkt genau recherchiert und dazu noch exzellent geschrieben. Der renommierte Kolumnist und Herausgeber der Washington Post, der in den USA als der Spezialist für CIA-Operationen im Nahen Osten gilt, verfügt offenbar über ein beachtliches Insiderwissen. «CIA-Agenten bewundern Ignatius, weil er besser als jeder andere Schriftsteller die Feinheiten ihres Geschäfts versteht», verrät Ex-CIA-Direktor George Tenet. Als Ignatius’ Thriller Der Mann, der niemals lebte erschien, zeigten sich selbst kritische Köpfe wie Bob Woodward und Seymour Hersh, beeindruckt, die den Watergate-Skandal bzw. das Massaker von My Lai und US-Folterpraktiken in Abu Ghraib aufdeckten.