Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Daniela Dahn: Wehe dem Sieger!

© picture-alliance/dpa, Fotograf: Wolfgang Kumm

Dass die Berliner Buchpräsentation in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg schon lange vor Beginn restlos ausverkauft war, lag sicher nicht nur an der Anwesenheit des SPD-Politikers und Publizistin Egon Bahr. Daniela Dahn ist vor allem im Osten Deutschlands eine bekannte Größe: als Fernsehjournalistin, Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruch und engagierte Autorin. Ihr neues Buch Wehe dem Sieger! dürfte jede Menge Staub aufwirbeln, werden hier doch all die Fragen diskutiert, die anderswo gar nicht erst gestellt werden.

„In Daniela Dahns Schriften vollzieht sich die mitreißende, kritische Zeremonie der Negativität, die sich an der Wirklichkeit abarbeitet, bis die Wirklichkeit unter der Fülle der Erklärungen allmählich nachgibt und eine andere wird:“ Was der spanische Schriftsteller Jorge Semprun in seiner Laudatio zum Ludwig-Börne-Preis anspricht, lässt sich an Dahns neuem Essay bestens studieren. Ihr Buch liefert Diskussionsstoff in Hülle und Fülle. Über unbelehrbare Marktapologeten und politische Krisengewinnler, zwanzig Jahre freien Fall nach der Wende und die immer wieder schöne Frage, ob es ein Grundrecht auf Revolution gibt.

Zum Einlesen einige Textpassagen aus Wehe dem Sieger!

Ohne Osten kein Westen

Der Sozialismus hätte sich nicht zwei, drei Generationen halten können, wenn er nicht in einigen Bereichen auch einen Freiheitsvorsprung gehabt hätte. (…) Wäre also denkbar, dass die beiden so unterschiedlichen Geschöpfe (Kapitalismus und Sozialismus, d. R.) während der ganzen Zeit ihrer Doppelexistenz zusammengehangen haben? Dass ihre Immunsysteme ganz auf das andere abgestimmt waren, und ihre Botenstoffe und die Wachstumszellen und die Aggressionsschübe und das Glückshormon auch? (…) Am Ende war es die Ironie der Geschichte, dass jede Seite die andere überwinden wollte, ohne zu ahnen, dass sie allein gar nicht lebensfähig ist …

Der Westen hat seine Beute verloren. Die Vereinigung stellte sich für viele Ostdeutsche recht bald als westlicher Beutezug dar. Er hat sich ins Gedächtnis eingebrannt – der Ausverkauf durch die Treuhand, der Millionen Arbeitslose zurückließ, der Immobilienkrieg gemäß dem Prinzip Rückgabe vor Entschädigung, das Ostdeutsche benachteiligende Sonderrecht, der unumgängliche, aber völlig überzogene Austausch der Eliten. 1990 war das beste Geschäftsjahr der Deutschen Bank in ihrer hundertjährigen Geschichte. Im Westen des Landes entstanden zwei Millionen neue Arbeitsplätze, du die Zahl der Einkommensmillionäre erhöhte sich um 40 Prozent. Zwanzig Jahre danach ist der Osten kein blühender Garten. Unter der (untreuen) hand hat sich die einst fette Beute,zumindest für die Bürger, in ein Fass ohne Boden verwandelt.

Autoreninfo

Daniela Dahn, geboren 1949 in Berlin, Journalistikstudium in Leipzig, danach Fernsehjournal-istin. Seit 1981 arbeitet sie als freie Autorin; Mitglied...
mehr über die Autorin
Eine feine Prise Systemvergleich

Die herablassende Nichtachtung der Beitrittswilligen und ihrer sonderlichen Mitgift hat die vermeintlichen Sieger von Anfang an Autorität gekostet. Angetreten mit dem Gestus von Befreiern, wurden sie von vielen als Besatzer wahrgenommen. Was Günter Gaus vor der Wende wiederholt den „irrationalen, totalitären Antikommunismus“ der großen Mehrheit in Westdeutschland nannte, steigerte sich danach nicht selten zu bemitleidenswerter Komik. (…) Gibt es denn wirklich keinerlei Neugier auf die unvollendeten Ideen, aber auch auf die praktischen Erfahrungen dieses Experiments, die seit der Wende auf der Straße liegen und auf diesem für sie ungeeigneten Platz zwangsläufig mit Füßen getreten werden?

Der Westen hat die Fassung verloren. Unmittelbar in und nach der Wende war das Bedürfnis nach Aufdeckung und Aufarbeitung in der DDR groß. (…) Als viele Ostdeutsche jedoch merkten, dass die sieger das DDR-Bild verengten auf Totschlagworte wie Unrechtsstaat und totalitäre Diktatur und das größte Verbrechen unausgesprochen das Volkseigentum gewesen sein soll, dass also die Vergangenheit gedeutet wurde, um einen Vermögensabfluss von Ost nach West einzuleiten, das waren viele nicht mehr bereit, sich an dieser Debatte zu beteiligen.

Der Westen hat seine Unschuld verloren

Wenn ich mir bewusst mache, was mein Grundvertrauen in das System der Bundesrepublik erschüttert hat, dann war es nicht das koloniale Gabaren gegenüber den Ostdeutschen. (…) Worauf ich nicht vorbereitet war und woran ich mich auch niemals gewöhnen werde, ist, in einem Land zu leben, das Angriffskriege führt. Was meine Erwartung an einen Rechtsstaat nachhaltig erschüttert hat, war die Sicherheit im Fehlgehen, mit der sich die politische Klasse nach propagandistischem Furor in den völkerrechtswidrigen und auch im Ergebnis unheilvollen Krieg gegen Serbien gestürzt hat, ohne diesen Irrtum jemals einzuräumen.

Der Westen könnte die Demokratie verlieren. Der offensichtliche Trumpf des Westens im Kampf mit seinem globalen Gegenspieler war immer die Demokratie. Die Teilhabe an ihr war für viele Osteuropäer das Motiv, sich gegen ihre diktatorische Ordnung zu stellen. Wie konnte es innerhalb von nur zwanzig Jahren geschehen, dass ausgerechnet die Vorzüge dieser unumstrittenen westlichen Hauptattraktion kaum mehr verteidigt werden?

Der Westen hat Alternativen gewonnen. Prof. Immanuel Wallerstein, Yale University: „Wir können zuversichtlich davon ausgehen, dass das gegenwärtige System keine Zukunft hat. Doch welche neue Ordnung als Ersatz ausgewählt werden wird, können wir nicht voraussagen, denn diese Entscheidung erwächst aus dem Gegeneinander einer unendlichen Vielzahl von Einzelbestrebungen. Früher oder später aber wird ein neues System installiert. Das wird kein kapitalistisches System sein. Es wird jedoch möglicherweise weitaus schlimmer (noch polarisierender und noch hierarchischer) oder auch viel besser (nämlich relativ demokratisch, relativ egalitär). Das Ringen um die Auswahl eines neuen Systems ist jetzt die wichtigste, weltweit ausgetragene Auseinandersetzung unserer Zeit.“