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Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund

© Sebastian Kleinschmidt

Im Februar 2008 trafen sich Daniel Kehlmann und Sebastian Kleinschmidt, Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form, in Berlin zu einer Reihe von Gesprächen über, wenn man so will, Hund und die Welt. Unter dem Tisch stets dabei: Nuschki, eine kultivierte, freundliche, charakterlich einwandfreie Promenadenmischung. Leider ging Kehlmanns treuer Begleiter und Wohngenosse kurz darauf in den Hundehimmel ein. Aber allein seine Präsenz hat die beiden Gesprächsteilnehmer in ihrem Langzeitinterview erkennbar inspiriert. Im Disput dieser beiden schlauen Köpfe hat jedes Thema Gewicht, ob es um Tod oder Tiere, Götter oder Genies geht. In Requiem für einen Hund «vereinen sich Humor und wissenschaftliche Intellektualität aufs Schönste» (Spiegel Online). Bei rororo liegt der philosophisch-literarische Disput jetzt in einer schmalen bibliophilen Ausgabe vor.

Man wird vor Neid doch manchmal blass angesichts der vielen wie in Stein gemeißelten klugen Sätze. Und fragt sich, wie die stets auf Augen- und Verstandeshöhe agierenden Disputanten selbst ellenlange Zitate auf Zuruf aus dem Ärmel zu zaubern in der Lage sind, ganz egal ob Goethe oder Kant, Schopenhauer oder Nietzsche, Fontane oder Rilke. (Vielleicht kommen neben enormer Belesenheit und einem phänomenalen Gedächtnis doch so profane Dinge wie kleine Karteikärtchen zum Tragen, wer weiß das schon?)

Zum Einlesen einige Schnipsel aus dem Gespräch zwischen Daniel Kehlmann (dk) und Sebastian Kleinschmidt (sb):

Menschensüchtige Hunde, befreiender Humor

TIERE. dk: «Wir fühlen uns ständig im falschen Leben eingesperrt. Das Tier kennt diese Selbstentfremdung nicht. Deswegen sind Tiere auch immer graziös. Grazie heißt, in Bewegung eins mit sich zu sein.» sk: «Grazie ist das eine. Hinzu kommt das Aussehen, die Kleidung. Tiere sind im allgemeinen auch besser angezogen als wir.. Man staunt immer wieder, es gibt keinerlei Geschmacklosigkeit in der Natur, oder nur in den seltensten Fällen. Ganz im Gegensatz zur Menschenwelt.» dk: «Der Hund ist das einzige Tier, das evolutionär auf den Menschen gesetzt hat. Er hat sozusagen auf ihn gewettet. Er wurde sehr früh sein Freund, und die beiden Spezies gingen den Weg gemeinsam.» sk: «Das Schwanzwedeln des Hundes zum Beispiel: Selbst wenn man sich mit Händen und Füßen dagegen sperrt, die Freude überträgt sich. Ein Resonanzphänomen. Freude zeugt Freude.» dk: «Resonanzphänomen, ja, und es ist so stark, weil das Tier eins mit sich ist. Wenn der Hund sich freut, freut er sich ganz. Dadurch ist es so ansteckend.»

HUMOR. sk: «Man darf getrost sagen: Sie haben mit der Vermessung der Welt der Geschichte des Lachens, von der man befürchten mußte, sie sei bereits zu Ende, ein schönes und an staunenswerten Episoden reiches Kapitel hinzugefügt. (…) Da stellt sich die Frage, hat diese Erfahrung des heiteren, ja komödienhaften Schreibens Ihre Ansichten über Romanpoetik verändert?» dk: «Das kann ich eigentlich nur persönlich, also biographisch beantworten. Die Arbeit an diesem Roman hatte etwas ungeheuer Befreiendes. Ich habe viel am Meer gearbeitet, am Mittelmeer und an der Nordsee, und ich bin viel am Strand spazierengegangen. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich in einem dunklen, stickigen Haus alle Fenster aufgemacht. (…) Ich mußte mir erst einmal selbst Mut machen. Denn man hat doch immer die Angst, in die Falle des Trivialen zu tappen. Und da schrieb ich also an einem Roman, in dem Leute auf Pferden ritten und Musketen abfeuerten. Da denkt man schon mal, um Gottes willen, was machst du, bist du plötzlich Karl May geworden?»

Autoreninfo

Daniel Kehlmann, wurde 1975 als Sohn des Regisseurs Michael Kehlmann und der Schauspielerin Dagmar Mettler in München geboren. 1981 kam er mit seiner...
mehr über den Autor
Trivialität als Gefahr, Tod als ersehntes Zur-Ruhe-Kommen

FIKTION & GESCHICHTE. sk: «Sie bezeichnen Die Vermessung der Welt ausdrücklich nicht als historischen Roman, sondern als einen Gegenwartsroman, der in der Vergangenheit spielt. Was hat Sie zu dieser Unterscheidung veranlasst?» dk: «Der historische Roman ist ein Genre der Trivialliteratur. (…) Ihr Reiz besteht in einer Art fernsehverwandtem Vergnügen, nämlich dabeizusein bei großen Augenblicken und zu sehen und zu empfinden, wie alles wirklich war. Und das behaupte ich in keinem Moment. Im Gegenteil, mein Buch spielt immer damit, dass man nicht weiß, wie es gewesen ist. Geschichtliches geht bei mir ständig in Fiktionales über. (…) Mit der Vorstellung von Wahrheit, die man als Autor hat, gilt es, sich innerhalb des Spannungsfeldes zwischen real und fiktiv nicht zu weit von der historischen Figur zu entfernen und auch nicht zu nah an sie heranzutreten.»

DER TOD. sk: «In Siebzig verweht II erklärt Ernst Jünger: „Der Tod ist keine Endstation, eher ein Umsteigen: man lässt den Körper wie einen Koffer zurück, vielleicht sogar als lästiges Gepäck.“ Das könnte doch jeder schaffen.» dk: «Eine schöne Idee, nur läuft es normalerweise nicht so ab. Das Einverständnis mit dem Tod ist schwer zu finden.» sk: «Es gibt in der Bibel das schöne Wort lebenssatt. Nach und nach wird man müde vom Leben, die Kräfte schwinden. Man sieht es an den Tieren, den Gesten alter Hunde. Altern, schreibt Cioran, ist Einwilligung in die Erschöpfung.»

Die Vermessung der Vermessung

Dies sind die zwölf Themen des schmalen, ungemein gehaltvollen Nuschki-Requiems: Tiere – Götter – Genies – Zählen und Erzählen – Humor – Fiktion und Geschichte – Der Tod – Schauspiel und Theater – Kindheit – Studium – Von der Arbeit des Schriftstellers – Ruhm. Und, ganz nebenbei, bietet dieses Gespräch zwischen Kehlmann (Jahrgang 1975) und Kleinschmidt (Jahrgang 1948) eine wahre Fundgrube für die Auseinandersetzung mit der Vermessung der Welt.