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«Daniel Kehlmann ist nun eindeutig ein Leser nach Borges-Art: ein grandioser Überblicker.» Was Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung schrieb, bestätigt sich auf jeder Seite von Kehlmanns Schriften über Literatur, die unter dem Titel Lob jetzt vorliegen. Die 15 Essays und Reden, Rezensionen und Poetik-Vorlesungen haben eines gemeinsam: Sie sind klug, kenntnisreich und souverän, Zeugnisse eines freien und originellen Geistes. Wer Lob liest, lernt viel über das Handwerk des Schreibens und die Abenteuer des Lesens. Und wird animiert, früher Gelesenes noch einmal in die Hand zu nehmen, wie Kehlmann es zum Beispiel mit Knut Hamsuns Hunger, Becketts französischer Prosa oder Thomas Bernhards Holzfällen selbst tat.
Dss Kehlmann über einen feinen Humor verfügt, wissen alle, die seinen mittlerweile in aller Welt bekannten Humboldt-Gauß-Roman Die Vermessung der Welt kennen. Speziell in den beiden hier abgedruckten Poetik-Vorlesungen, gehalten am 8. und 9. November 2006 in der Universität Göttingen (und inszeniert in Form eines großen Selbstinterviews), funkelt es nur so vor Streit- und Spottlust. Frage: Zu welchem Zwecke wurden die Goethe-Institute erfunden? Antwort: «Die Goethe-Institute sind eine wunderbare Einrichtung, die es dem deutschen Literaten ermöglicht, fremde Städte kennenzulernen und am anderen Ende der Welt vor einem erlesenen Publikum aus Düsseldorfern, Hannoveranern und Hamburgern seine Dichtung zum Vortrag zu bringen.» Und was den running gag zum Reisen mit der Deutschen Bahn angeht, hat man nur einen Wunsch: mehr davon!
Zum Einlesen einige Passagen aus den Texten zu Thomas Bernhard, J. M. Coetzee, Max Goldt, Robert Bolano und Heinrich von Kleist. Und als Bonus-Track ein Auszug aus Kehlmanns Göttinger Poetik-Vorlesungen.
THOMAS BERNHARD. «So scheint dieses Buch gleichsam von zwei kooperierenden Autoren geschrieben : einem abgründig humorvollen Beobachter der menschlichen Hinfälligkeit auf der einen Seite und einem versierten kulturpolitischen Fädenzieher auf der anderen. Wenn dieser spricht, mischen sich falsche Töne in die vielgerühmte Musikalität, und das Angebot zur Identifikation mit dem geistig weit über allen anderen Menschen stehenden Erzähler ist nur allzu billig. Wann immer aber jener an der Reihe ist, wird Holzfällen reich und grandios. Dann haben wir es etwa mit einem unvergeßlichen Bericht über ein Begräbnis in der Provinz, über Trauer und Gulaschsuppe, zu tun oder mit tief wehmütigen Sätzen über die Verluste der Freundschaften der jungen Jahre. Man wächst heran, man trennt sich von den Menschen, die einem einst alles bedeutet haben, man beginnt sie zu hassen und schreibt wutschäumende Bücher gegen sie.»
J. M. COETZEE. «Seitdem sich die Idee, daß Kunst innovativ zu sein habe, auch beim bürgerlichen Publikum durchgesetzt hat, findet man in allen Sparten das Phänomen der kalkulierbaren Provokation, der erwartbaren Avantgarde. (…) Die echte Avantgarde erkennt man im Gegensatz dazu nach wie vor und immerdar an der Ratlosigkeit der Kritiker. J. M. Coetzee, der vielleicht bedeutendste experimentelle Romancier unserer Tage, ein Schriftsteller existentieller Düsternis und formaler Überraschung, löst sie zuverlässig mit seinen Romanen aus – auch wenn die meisten davon kurz nach dem Erscheinen schon als Klassiker galten.»
MAX GOLDT. «Denn Goldts Literatur ist emphatisch nichtnarrativ. Da bewegen sich keine Charaktere, sondern Gedanken, es gibt keine Handlung, und meist sind da keine anderen Hauptdarsteller als die deutsche Sprache und die frei flottierende Aufmerksamkeit des Autors. (…) Man tut Goldt unrecht, man verkleinert seine Leistung, wenn man übergeht, welcher Mut zum Irrsinn und zur Absurdität sich hinter der Ruhe seiner Prosa verbirgt. Wer die perfekte Syntax seiner Sätze liest, wird nicht durch Zufall oft an Thomas Mann erinnert – und tatsächlich ist das einer der wenigen Autoren, zu deren Einfluß sich Goldt bekennt. Bei Goldt wie bei Mann entsteht der Witz aus selbstbewußtem Manierismus, aus einer ironischen Überinstrumentierung des sprachlichen Materials ; aber bei Goldt wird dieses Material konfrontiert mit seinem Gegenteil: dem Sprachmüll der Medien, allen Registern der Umgangssprache, der starren Knappheit der Bildergeschichte.»
ROBERTO BOLANO. «Ein uferloser, ein schlechthin ungeheuerlicher Roman. Wie sehr er noch Fragment ist und was der 2003 verstorbene Autor daran geändert hätte, hätte er lange genug gelebt, um ihn selbst für die Publikation vorzubereiten, darüber kann man nur spekulieren. (…) 2666 ist ein kühnes, wildes, hochexperimentelles Ungetüm von einem Roman. In der vorliegenden Form keineswegs perfekt – besonders der zweite, dritte und fünfte Teil haben große Längen –, ist er doch immer noch so ziemlich allem überlegen, was in den letzten Jahren veröffentlicht wurde. 2666, das kann man getrost voraussagen, wird für die Literatur Südamerikas so prägend sein wie in der vorangegangenen Generation die Hauptwerke von Márquez, Vargas Llosa und Cortázar.»
HEINRICH VON KLEIST. «Seine eigentümlich helle Metaphysik – vielleicht ist sie auch ein Grund, ihn zu lesen und aufzuführen in einer Zeit, da in unserem Kulturkeis manchmal gemeint wird, dem Andrang eines fremden Glaubensfanatismus nichts weiter entgegensetzen zu können als die eigene überwundene Religiosität. Aber die Alternativen sind nicht einfach Glaube oder Flachheit, Magie oder Entzauberung, Gebet oder Banalität. Kleist erinnert uns: Die Aufklärung ist nicht seicht, die Vernunft nicht ohne Geheimnisse, und es gibt sehr wohl eine Mystik der Klarheit. Die Wahrheit ist, daß ihm auf Erden nicht zu helfen war. Die Wahrheit ist aber auch : ihm nicht und keinem von uns. Von dieser Hoffnungslosigkeit wußte er zu sprechen in Sätzen so perfekt, in Bildern so vollkommen, dass sie uns heiter stimmen.»
DANIEL KEHLMANN. «Glauben Sie keinem Poetikdozenten. Mißtrauen Sie Interviews gebenden Autoren, seien Sie skeptisch gegenüber einer Universität, die Schriftsteller einlädt, damit sie hier vor Ihnen stehen und tun, als wüßten sie etwas. Als deutscher Autor ist man ständig, ununterbrochen, auf Schritt und Tritt, ein Befragter. Paßt man nicht auf, kann es passieren, daß man diese fragende Instanz internalisiert und sich bereits mit sich selbst beim Zähneputzen oder Schuhezubinden wie mit einer interviewenden Instanz sprechen hört.»
(Aus: Göttinger Poetik-Vorlesungen, 2006)