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«Er webt ein feines Netz untergründiger Bezüge», schrieb DER SPIEGEL in seiner Besprechung von Ruhm, Daniel Kehlmanns Roman in neun Geschichten. «Was in der einen Geschichte offen bleibt, findet in einer anderen vielleicht eine Erklärung oder Fortsetzung; was in der einen zum Rätsel wird, enthüllt sich beiläufig in einer anderen.» In der jetzt in einem bibliophilen Bändchen bei rororo veröffentlichten Erzählung Leo Richters Porträt setzt Kehlmann dieses literarische Spiel auf virtuose Weise fort. Abgerundet wird diese quasi zehnte Episode von Ruhm durch ein glänzendes Kehlmann-Porträt von Adam Soboczynski sowie durch kongeniale Illustrationen (Frank Stockton) und Fotos (Heji Shin).
«Ein Magazin wollte ein Porträt über Leo Richter veröffentlichen: acht Seiten, zwei große Fotos, vielleicht sein Bild auf dem Cover. Ohne zu zögern sagte er zu, und sofort bereute er es.» Lakonisch beginnt die Erzählung (die man in übrigen nicht nur als Leser von Ruhm als ein literarisches Kabinettstück und gewitzte Satire auf den Literaturbetrieb genießen kann).
Leo Richter wird uns als eher ängstliche, (selbst)zweiflerische Figur vorgestellt: Er fürchtet sich vor Impfungen, vor dem Elften und Dreizehnten eines Monats ebenso wie vor seiner Mutter, Schlaganfällen und Großkatastrophen. Kein Wunder also, dass ihn erste Anflüge von Panik packen, als er Guido Rabenwald begegnet, jenem Mann, der das Richter-Porträt schreiben soll. Rabenwald, um die siebzig Jahre alt und gut zwei Meter groß, eine rundum unangenehme Person, schüchtert den Schriftsteller nach allen Regeln der Boulevardkunst ein.
Dem alten Haudegen scheint es nur darum zu gehen, die dunklen Seiten von Richters Leben in die Öffentlichkeit zu zerren. Bald weiß er erschreckend viel über sein Opfer, vom trostlosen Dahinsiechen des Vaters in einem Altenheim bis zu heimlichen Affären. Richters Versuch, die Veröffentlichung zu stoppen, scheitert. Stattdessen schickt Rabenwald ihm noch eine ausufernde Liste mit «abschließenden» Fragen, von Nr. 1: «Was bedeutet der Tod für Sie? Ihr eigener, aber auch …» bis Nr. 87: «Ist Kunst immer eine solche Platzhalterschaft, oder gibt es auch eine substantiell andere?»
Am Ende löst sich ein «schon im Tageslicht nicht eben fest umrissenes Ich» auf – genau so, wie Ruhm-Leser es gewohnt sind …
«Wer porträtiert, ist zumeist parasitär. Er trifft eine Person, die von öffentlichem Interesse ist, und indem er über sie schreibt, hofft er, es möge ein Stück der Bedeutsamkeit auch auf ihn abfallen. (…) Kein Porträt ist frei von Zurichtung, täuscht aber Gegenteiliges vor, vorzugsweise, indem das ‹ich› eliminiert ist.» Mit einer Reflexion der heiklen Beziehung zwischen Porträtist und Porträtiertem beginnt Adam Soboczynski seinen klugen, hocheleganten Essay über den Mann, dessen Roman Die Vermessung der Welt eine Weltkarriere beschieden war (und ist).
Es war überhaupt ein kleiner Coup, Daniel Kehlmann als den erfolgreichsten deutschsprachigen Autor dieser Jahre für ein Porträt zu gewinnen, dessen Zustandekommen ohne mehrere persönliche Treffen undenkbar gewesen wäre. Vom ersten Kontakttelefonat mit der Rowohlt-Presseabteilung über die erste Mail an den Autor bis zum ersten Treffen im italienischen Restaurant Grünfisch in Berlin-Kreuzberg («Schweinefilet im Parmamantel mit Marsalasoße an gratinierter Polenta: schmackhaft») erzählt Soboczynski mit amüsierter Gelassenheit. Damals lebte Nuschki noch, Kehlmanns kleiner spanischer Mischlingshund, und man hat das Gefühl, dass dessen fideles Herumwuseln dem Gespräch genau das richtige Maß an Leichtigkeit und Improvisiertheit beschert haben könnte …
Entstanden ist ein wunderbar unentrücktes Bild des Autors, der, konfrontiert mit Klischees wie «Wunderkind» und «Jungstar», nur den Kopf schüttelt: «Mit 32 habe, wenn er sich nicht täusche, Jesus seine Bergpredigt gehalten. Er habe noch keinen sagen hören, das sei ein Jungprophet gewesen.» Kehlmanns erste Romane fielen in die Hypephase der sogenannten Popliteratur, «die sich der Oberfläche des Konsums zugewandt hatte, dem dekadenten Plauderton in Bars von Berlin-Mitte. Kehlmann war unter seinen Kollegen ein Nerd inmitten von Stars, traurig hoch gebildet, enorm belesen, ausgestattet mit einem Literatur- und Philosophiestudium, einer abgebrochenen Promotion über Kant und drei Büchern, die keine Leser fanden …»
So viel zu den weniger bekannten Seiten im Leben eines «Wunderkinds». Alles Weitere sollte man unbedingt in diesem so schönen wie inspirierenden Bändchen nachlesen.