Daniel Kehlmanns «Die Vermessung der Welt»
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Parallel zur Taschenbuchausgabe der Vermessung der Welt erscheinen bei rororo zwei weitere Titel von Daniel Kehlmann erschienen. Unter der Sonne: ein Sammelband mit acht Erzählungen des Autors, die erstmals 1998 bzw. 2000 publiziert und für diese Ausgabe von Kehlmann behutsam überarbeitet wurden.
Und ein von Gunther Nickel herausgegebener Band mit Materialien, Dokumenten und Interpretationen zu Kehlmanns Bestseller – einem Verkaufserfolg «hart an der Grenze der Anrüchigkeit», wie Tilman Krause in der Welt anmerkte (und zwar, als «erst» rund 450.000 Exemplare verkauft waren). Mittlerweile ist Die Vermessung der Welt in mehr als vierzig Länder verkauft und kann in mehreren Dutzend Sprachen gelesen werden, u.a. in Färöer.
Das Phänomen Kehlmann treibt seit längerem Literaturkritiker wie Literaturwissenschaftler um. Jeder, der sich damit beschäftigt, scheint eine neue Erklärungsfacette mitzubringen: die reizvolle Mischung aus Komik und Melancholie; die Figurenkonstellation Humboldt/Gauß; das freizügige Arrangement historischer Fakten; der Bildungshunger des Bildungsbürgertums; die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften; die Eigengesetze des Bestsellerbetriebs etc., Nickel hat einige der interessantesten Thesen und Mutmaßungen versammelt.
«Ich selbst stehe erstaunt und fassungslos vor diesem Phänomen», hat Daniel Kehlmann stets gesagt. Im Folgenden dokumentieren wir einige Passagen aus größeren Interviews der letzten beiden Jahre, in denen der Autor das Augenmerk auf wichtige Aspekte der Rezeption seines Buches gibt: Selbstauskünfte in Form von Interview-Schnipseln.
Deutsch … «Es ist doch auch ein respektloser und teilweise sogar aggressiv satirischer Blick auf die Fragen: Was ist deutsch? Was ist deutsche Klassik? Was ist sozusagen deutsche Wesensart. Wenn das einer ins Ausland geht, Leichen ausgräbt und überhaupt nicht verstehen kann, warum das die Eingeborenen schockiert, dann ist dies ganz wörtlich genommen ein Idealismus, der über Leichen geht.» – «Im Ausland wird das Buch auch als ein Buch über Deutschland gelesen, anders als hierzulande, wo man es vorwiegend als Geschichte zweier Käuze auffasst.»
… und beinahe klassisch! «Es hat schon beinahe etwas Komisches: Ausgerechnet ich gelte jetzt als Gralshüter der deutschen Klassik, weil in meinem Roman Goethe, Humboldt und Kant vorkommen.»
Altern. «Das Altern ist insofern tatsächlich das zweite Hauptthema des Buches, und damit verbunden der traurige Umstand, dass man, wenn man lange genug da ist, sich selbst überlebt, sich selbst historisch wird. Es gibt den schönen lateinischen Spruch als Aufschrift auf Sonnenuhren ‹omnia vulnerant, ultima necat›: Jede verwundet, die letzte bricht. Gemeint sind die Stunden. Ich finde, der große existentielle Skandal ist nicht, dass wir sterben, sondern dass wir alt werden müssen.»
Gauß. «Anders als Humboldt war Gauß den meisten Deutschen bislang sicher unbekannt. (…) Dabei gilt er Eingewiehten als bedeutendster Mathematiker seit Archimedes. Ohne die von ihm begonnene Geometrie der Räume wäre Einsteins Relativitätstheorie nicht möglich gewesen.»
Naturwissenschaften. «Man kann in der Öffentlichkeit sagen, dass man nicht weiß, was der Lehrsatz des Pythagoras und das Ohmsche Gesetz bedeuten und wird nicht abfällig angesehen. Wer aber sagt, er habe den Faust nicht gelesen, gilt zu Recht als Idiot. Dabei finden die spannendsten Abenteuer des menschlichen Geistes heute in den Naturwissenschaften statt.»
Mathematik. «Ich hatte immer eine Faszination für die poetische Seite der Naturwissenschaft. Eine Faszination für einen Bereich – insbesondere gilt das für die Mathematik –, in dem wirklich Gültigkeit herrscht und es tatsächlich Aussagen gibt, die bewiesen und wahr sind, und dies für die Ewigkeit. Ich kann die platonische Schönheit nachempfinden, die darin liegt.»
Gott – ja oder nein? «Es gibt eine schöne Antwort von Hemingway in In einem anderen Land. Jemand fragt den Erzähler: ‹Glauben Sie an Gott?› Und er antwortet: ‹Nachts.› Ich glaube nicht an den göttlic hen Designer, wie ihn die Evolutionsgegner gerne hätten. Gleichzeitig aber verstehe ich auch nicht die Empörung, mit der Naturwissenschaftler darauf reagieren, dass Bischöfe und Theologen diese These vertreten. Die Kirche muss das tun, sonst könnte sie doch zusperren.»
Zwei Wünsche frei … Frage 1: Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, wohin würden Sie fahren und wen würden Sie gern treffen? Antwort: «Ins Braunau des Jahres 1889, wo ich ein bestimmtes hilfloses und sicher sehr süßes Baby entführen und im Inn versenken würde.» Frage 2: Was ist Ihre liebste Aussteiger-Fantasie? Antwort: «Lottogewinn, Haus im Kolonialstil oberhalb von Oaxaca, große Fernsehantenne, die auch noch den US-Kabelsender HBO empfängt. Viel Personal. Panamahut. Keine Baustelle. Gilt das noch als Aussteiger-Fantasie, oder ist das zu teuer?»
Zitatquellen (in der Reihenfolge ihres Auftretens):
Focus, 2.10.2006; Der Spiegel, 5.12.2005; Die Welt, 9.11.2007; FAZ, 9.2.2006; Der Spiegel, 5.12.2005; FR, 19.8.2006; Der Tagesspiegel, 15.3.2006; FR, 19.8.2006; Die Presse, Okt. 2005.