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Ist es denkbar, dass der klassische Konzertbetrieb selbst die Schwellenangst produziert, die viele Musik liebende Menschen abhält, jene Musik live erleben zu wollen, der sie zu Hause vor der Stereoanlage lustvoll lauschen? Der südafrikanisch-britische Stargeiger Daniel Hope ist davon überzeugt. Sein zusammen mit Wolfgang Knauer, dem ehemaligen Chef des Kulturprogramms im NDR-Rundfunk, verfasster Klassikratgeber mit dem schönen Titel Wann darf ich klatschen? geht diese Schwellenangst vor dem Livegenuss von klassischer Musik im Konzertsaal an. Hier wird wirklich (fast) alles erklärt, was man sich als halbwegs gebildeter Mensch eigentlich nicht zu fragen getraut hätte. Also sagen wir: Da capo! Und am Ende heißt es: Ab ins Konzert !
Es ist die unprätentiöse, lässige und doch immer ernsthafte Art der Beschäftigung mit jenen Fragen verunsicherter Musikfreunde, die diesen Blick hinter die Kulissen des klassischen Konzertbetriebs so reizvoll macht. Hier wird nicht vom Katheder des erschlagenden Wissens doziert, sondern im Stile gut gelaunter Musikflaneure erklärt, was zu erklären ist. Zum Beispiel: Weshalb werden die Instrumente nach den Oboen-Ton gestimmt? Wieso gibt der Dirigent zu Beginn nur dem Konzertmeister die Hand? Muss es der Frack als Dienstkleidung der männlichen Orchestermitglieder sein? Wo ist der beste Platz im Saal? Ist es ein Drama, wenn der Geigerin eine Saite reißt? Wird man schief angeschaut, wenn man in Räuberzivil statt im Sonntagsfrack ins Konzert geht? Und überhaupt: Muss man Musik verstehen, um sie genießen zu können?
Geklatscht werden darf und soll – nur: wann genau, und vor allem: wann nicht? Im Spiegel-Interview verrät Hope, dass er es durchaus in Ordnung finde, auch schon einmal «nach besonders bravourösen Sätzen zu klatschen, etwa nach dem ersten Satz von Tschaikowskis Violinkonzert» (und nicht erst nach dem letzten Ton. Und wenn Frau Oberstudienrätin F. daraufhin indigniert herüberblickt, wen interessiert's.
Daniel Hopes Anspruch ist es, den Klassik-Fremdenführer zu spielen, «als eine Art Lotse, der bei der Orientierung hilft, von der Musik erzählt, von den Musikern, die sie aufführen, von dem, was auf der Bühne passiert, und auch von dem, was sich dahinter abspielt.» Er will die sich oft so altmodisch, steif und auf Etikettenwahrung bedachte Klassikwelt entstauben und mit neuem Esprit auffrischen, um vor allem junge Menschen anzuziehen. Weil er der Ansicht ist, dass diese Musik für Menschen jeden Alters mitreißend und inspirierend ist: «Ich muss gestehen – ich liebe Konzerte. Es gibt nichts Aufregenderes und Spannenderes. Beethoven, Mendelssohn, Brahms live zu ören. Das ist das Größte, nichts sonst setzt in einem einzigen Moment so viel Adrenalin und Glückshormone frei.» Nein, Klassik ist nicht rich people’s music only; andererseits dürfte auch der Satz des Komponisten Mauricio Kagel stimmen: «Musik zu hören ist zweifellos eine der extravagantesten Arten, sein Geld auszugeben.»
Überhaupt zählt Hope zu jenen Repräsentanten seiner Zunft, die die Vermittlung von Musikwissen nicht für verlorene Liebesmüh’ halten, weil Musik ihrem Wesen nach eine sich selbst erklärende Materie sei. Purer Unfug, erklärte der streitbare Künstler in seiner Kolumne in der Zeitschrift Crescendo: «Das ist das große Problem der zeitgenössischen Musik – dass sie nicht gut vermittelt wird. Moderne Stücke müssen erklärt werden, vom Komponisten oder vom Interpreten der am besten von beiden. Nur so haben sie eine Chance, verstanden zu werden und zu wirken. Sie nach der berüchtigten Sandwich-Methode einfach zwischen zwei Klassik-Hits zu packen und Kommentars herunterzuspielen, reicht in den meisten Fällen nicht aus.» Und er weist darauf hin, dass moderne Kompositionen ihre Rezeptionszeit haben (siehe Dmitri Schostakowitsch oder Henryk Gorecki).
Dass er den großen Geiger Yehudi Menuhin schon als Kind kennenlernen durfte, zählt Daniel Hope zu den biografischen Glücksfällen seines Lebens. Als er gerade mal ein Jahr alt war, zogen seine Eltern von Südafrika nach London. Die Mutter wurde erst zu einer persönlichen Vertrauten Menuhins, schließlich zu seiner Managerin.Noch wichtiger wurde der familiäre Kontakt zu Menuhin für den kleinen Daniel. Früh wusste er, dass er Geige lernen wollte, und zielstrebig verfolgte er seinen Weg. Heute ist Daniel Hope, seit 2002 Mitglied des Beaux Arts Trio, einer der wichtigen Violinisten der Gegenwart; 2007 wurde er zum dritten Mal in Folge als «Instrumentalist des Jahres» ausgezeichnet.
Zu den lustigsten Seiten dieses Buches, das das Gegenteil eines Klassik-Knigges ist, zählen die Sprüche aus Orchesterproben Zwei Kostproben: «Ein Dirigent während der Probe zu einem Hornsten: ‹Das habe ich wirklich schon besser gehört.› Antwort: ‹Aber nicht von mir.› – Der mit dem Orchester unzufriedene Dirigent Otto Klemperer während einer Probe: ‹Das Schwarze sind die Noten. Das Weiße ist das Papier.›»
Wer einen Schnelldurchgang durch die Musikepochen samt ihrer prägenden Komponisten sucht (egal ob für Jauch oder für Trivial Pursuit), wird im Kapitel 3 auf knapp 40 Seiten bestens «bedient». Auch auf die Fragen, was denn so klassisch an der Klassik oder so romantisch an der Romantik sei, wird man nach der Lektüre einigermaßen sinnvoll antworten können.
Aber was Musik ist, das wissen Sie doch, oder? Ein Teil des schwingenden Weltalls, was denn sonst …