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Es sind nicht allein die mehr als 1700 Druckseiten in Péter Nádas' Monumentalroman Parallelgeschichten, die an Robert Musils Mann ohne Eigenschaften denken lassen. Ein in jedem Sinne radikales Werk wie dieser Roman, an dem Nádas achtzehn Jahre in der ländlichen Abgeschiedenheit von Gombosszeg schrieb, kann keine einfache Lektüre sein. Wer ein sauberes Neben- und Miteinander von Haupt- und Nebensträngen erwartet, akkurat-übersichtliche Figurenkonstellationen, aufgeklärte Rätsel und sauber zu Ende erzählte Geschichten – der wird hier scheitern. Umso wichtiger ist es, einen kundigen Führer durch diesen Jahrhundertroman zur Hand zu haben: den Begleitband Péter Nádas lesen (herausgegeben von Daniel Graf und Delf Schmidt).
Zum Einlesen dokumentieren wir im Folgenden zwei Passagen aus dem Begleitband (der neben einer Vielzahl von Bildern auch Briefe, Skizzen, die Recherche-Bibliographie und ein Gespräch mit Nádas enthält). Die 1960 in Jugoslawien geborene, 1984 nach Ungarn übergesiedelte Literaturkritikerin, Schriftstellerin und Übersetzerin Viktória Radics hat in ihrem 100-seitigen Essay «Statt einer Kritik» diesen Koloss von Roman einem «close reading» unterzogen: eine faszinierende Begleitlektüre. Und die Übersetzerin des Romans, Christina Viragh (nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung), 1953 in Budapest geboren, 1960 mit ihren Eltern in die Schweiz emigriert, macht uns mit einigen zentralen Figuren aus dem Erzähluniversum der Parallelgeschichten bekannt.
«Tausendsiebenhundert Seiten, neununddreißig Kapitel, drei Bücher. Parallele Geschichten mit bizarren Verknüpfungspunkten und Wechseln, die einem unbekannten Rhythmus gehorchen, jähe Einschnitte innerhalb der Kapitel, logische und alogische Fortsetzungen, Wiederholungen kreuz und quer, Zusammenstellungen und Streuung von Themen, Motiven und Namen, Bildreime, Bedeutungsassonanzen. Ein geordnetes Chaos und ein endliches Unendliches, das in jeder Faser eine Form ergibt, die ich zwar wahrzunehmen glaube – wenn ich nur wüsste, mit welchem meiner Sinnesorgane ! – , aber nicht zu fassen vermag. Das Werk reißt mich mit, wirft mich aber immer wieder zurück, das Wirbeln der zahllosen Perspektiven lässt mich nicht innehalten. Es gibt keinen privilegierten Punkt, keinen Gipfel, von dem aus das Ganze zu überblicken wäre, weder im Roman noch in mir selbst. (…)
Mir geht es damit wie mit meinem Leben, mit allen Leben: Ich kann es, kann sie nicht zusammensetzen. Diese Romanform spiegelt überaus scharf die Lebens-Form und die unberechenbaren Schnitte des Todes wider. Indem ich nach einem Struktur-, nach einem Ordnungsprinzip suche, suche ich gleichsam nach Gott. Es gibt gelegentliche Hinweise auf ihn, lose, zufällige, die eher Zweifel wecken als Glauben. Die auffällige Parallelität reicht als Ordnungsprinzip nicht aus, die verschiedenen Überkreuzungen und Querverbindungen verweisen auf mehr. Aber worauf? Es muss noch etwas anderes geben, das wird durch den exakten Rhythmus des Textes, durch sein musikalisches Pulsieren, die Harmonien und Kontraste, die starken Disharmonien ständig suggeriert. Dieses literarische Werk hat eine Bedeutung, ein Netz von Bedeutungen: Man möge es entwirren.»
«Berlin der Wendezeit, da sind ein leicht verstörter junger Mann namens Döhring und der Kommissar Kienast, der in einem Todesfall gegen ihn ermittelt. Von diesen beiden zentralen Figuren wird zurückgeblendet zu Geschehnissen im Krieg, einem Lager an der holländischen Grenze und indirekt zum Vorkriegsberlin, wo eine Baronin von Thum zu Wolkenstein und ihr Chef, der
Nazi-Rassenbiologe Freiherr von der Schuer, dem echten Otmar von Verschuer nachempfunden, mit gesellschaftlicher Wohldressur und wissenschaftlicher Beflissenheit die Banalität des Bösen verkörpern.
Budapest 1961, eine Familie steht im Zentrum, die Lippay- Lehrs, der Familienvater ein Windbeutel erster Güte, anhand dessen der Autor die jener Zeit gemäße ungarische Untugend des Taktierens und Lavierens sarkastisch ins Auge fasst. Seine jüdische Ehefrau Erna, eine der großen Figuren des Romans, dominant, possessiv, nicht ohne Herzenswärme, wird in äußeren und inneren Dialogen präzis und unangestrengt charakterisiert. Die genaue Figurenzeichnung mit Hilfe des Dialogs und des Selbstgesprächs bestimmt auch den Budapester Gegenpol der Lippay-Lehrs, die Frauengruppe um die « rote Gräfin » Mária Szapáry, die sich allabendlich zum Kartenspiel trifft und mit ihrem Geplauder, ihren Erinnerungen und ihrem stream of consciousness dem Autor die Gelegenheit gibt, die persönlichen Schicksale mit der ungarischen und europäischen Geschichte vor, während und nach dem Krieg zu verknüpfen.
Verknüpfung, das ist genau besehen das Schlüsselwort zum Roman. Die Geschichten, etwa wie der junge Döhring sich, seine Persönlichkeit, seine Sexualität und den Ausweg aus der Einsamkeit mit der Flucht in die Einsamkeit sucht, bis ihn Kienast stellt ; wie Ágost, Frau Ernas Sohn, und Gyöngyvér ihre ausschließlich auf Sex beruhende Beziehung leben; wie Kristóf, Ágosts verwaister, bei den Lippay-Lehrs wohnender Cousin und zentrale Gestalt des Romans, der Einzige, der auch aus der Ich-Perspektive erzählt, wohl das Alter Ego des Autors, neunzehnjährig, so wie es Nádas 1961 war, wie also Kristóf sowohl zu seiner homosexuellen Seite als auch zu seiner weiblichen Jugendliebe findet;
… wie Irma Arnót, eine von Mária Szapárys Freundinnen, später tragische, tapfere Überlebende des Holocaust, kurz vor Kriegsausbruch die Gelegenheit nicht wahrnimmt, sich mit einem jungen Architekten, dem mit besonderer Empathie gezeichneten Alajos Madzar, nach Amerika abzusetzen; wie Hans von Wolkenstein, einer von Ágosts Freunden, als Kind und als Sohn der Baronin zu Wolkenstein im Krieg in einem der Rassenforschung verschriebenen deutschen Internat lebt, alle diese in einem eigenen Rhythmus wiederkehrenden Geschichten scheinen zwar nebeneinanderher zu laufen, aber sie sind doch so verschachtelt, dass man nicht wirklich von Parallelführung sprechen kann. Und in der Verschachtelung liegt auch die Verknüpfung, die entlegenen Winkel der einen Geschichte entpuppen sich als der Hauptschauplatz der anderen, eine Nebenfigur hier taucht dort als Protagonist auf, die eine Geschichte ist über Umwege auch die andere.»