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Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45

© Matrix Buchkonzepte C. Modi & M. Orlowski

Dieses Buch lässt einen fassungslos zurück. Der israelische Historiker Daniel Blatman hat das letzte Kapitel der NS-Schreckensherrschaft so akribisch erforscht wie niemand vor ihm, das Ergebnis ist verstörend: Für die in Richtung Westen aus den Konzentrationslagern Evakuierten gab es keinen Fluchtort; die Häftlingstrecks gerieten mitten hinein in den allgemeinen Rückzug Millionen Deutscher aus den von der Roten Armee überrollten Ostgebieten und die Auflösung der Wehrmacht.
Bei Massakern an den ausgehungerten Juden, Kriegsgefangenen, Sinti und Roma oder Kommunisten mischten auch viele «normale Bürger» tatkräftig mit. Außerhalb von Lagerzaun und Stacheldraht wirkten die abgerissenen Elendsgestalten auf viele Zivilisten offenbar so irritierend «anders» und «beängstigend», dass der Impuls übermächtig war, an ihrer Beseitigung mitzuwirken – wobei es nicht einmal des von Daniel Jonah Goldhagen konstatierten «eliminatorischen Antisemitismus» bedurfte.


Stimmen zum Buch:

«Daniel Blatmans Die Todesmärsche gehört zu jenen bahnbrechenden Werken, die unser Verständnis der Vergangenheit verändern.» (Haaretz)

«Dass das lange tabuierte Thema nun in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wird, ist nicht das geringste Verdienst des großen Werkes von Daniel Blatman. In ihm hat das blutige Finale des kollabierenden NS-Regimes einen ebenso genauen wie sensiblen Chronisten gefunden.» (Die Zeit)

«Blatman zeichnet ein Panorama von moralischem Chaos und ungehurem Leiden, wie es bislang kaum ein wissenschaftliches Werk über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg getan hat.» (Yehuda Bauer)

Rückzug, Zusammenbruch, Liquidierung

Mehr als zehn Jahre sichtete Daniel Blatman, Historker an der Jerusalemer Hebrew University, in aller Welt Material über die Todesmärsche 1944/45. Er wälzte SS-, Wehrmachts- und Polizeidokumente, er sichtete Deportationslisten, Gerichtsakten und Zeitungen in Archiven zwischen Warschau und Washington. Der Befund ist bedrückend eindeutig: «Je mehr sich der Krieg seinem Ende zuneigte und je unübersehbarer die Präsenz der Häftlinge inmitten der deutschen Bevölkerung wurde, desto regelmäßiger beteiligten sich deutsche Zivilisten daran.»

Rund eine Viertelmillion Menschen ehemaliger KZ-Häftlinge kamen in den letzten Kriegsmonaten um, und es waren nicht nur SS-Leute und Wehrmachtssoldaten, die für diesen letzten Akt der Barbarei die Verantwortung trugen. Es war die reinste Menschenjagd, die Volkssturmmänner und Hitlerjungen Hand in Hand mit «wohlanständigen Bürgern» am 8. April 1945 in der norddeutschen Kleinstadt Celle veranstalteten; Rund 300 KZ-Häftlinge, entkräftet und demoralisiert von den wochenlangen Gewaltmärschen bei eisiger Kälte, wurden vom Mob erschlagen und erschossen. Nach Angriffen amerikanische Bomber waren die Gefangenen aus den brennenden Güterwaggons in ein Waldstück geflohen, hier wurden sie gestellt und exekutiert. Vier Tage später übernahmen die Alliierten die Stadt, der Krieg in Celle war zu Ende. Ähnliches ereignete sich drei Tage später auch in Lüneburg.

Auch in Gardelegen bei Magdeburg fanden Hunderte Häftlinge ein schreckliches Ende. Häftlinge diverser Lager waren in dem Ort zusammengetrieben worden; zu ihrer Bewachung fanden sich neben Polizisten, Volkssturm- und Wachmännern auch viele mit Jagdgewehren bewaffnete Zivilisten ein. Als alliierte Truppen auf den Ort vorrückten, wurden die Todgeweihten in einer Scheune zusammengepfercht; dem Inferno entkamen 25 Häftlinge, mehr als 1000 starben bei lebendigem Leibe in den Flammen.

Autoreninfo

Daniel Blatman, geboren 1953 in Israel, ist Direktor des Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry der Hebrew University of Jerusalem. Er hat...
mehr über den Autor
Jagd an der Heimatfront

Die SS mordete auch in den letzten Kriegsmonaten völlig enthemmt. In Palmnicken, 50 Kilometer vor den Toren von Königsberg, trieb eine SS-Einheit über 4000 Häftlinge des Lagers Stutthof am Strand und auf der gefrorenen Ostsee zusammen, mit Maschinengewehrsalven wurden sie niedergemäht. Die Wachmänner führten «in freier Wildbahn» das fort, wozu sie in Auschwitz und Groß-Rosen, in Majdanek und Bergen-Belsen erzogen worden waren – die «Feinde der arischen Rasse» mitleidlos zu liquidieren. Zudem waren diese wandelnden Skelette unliebsame Zeugen des Grauens, das sie erlebt hatten; je weniger das Kriegsende überlebten, umso besser.

Es gab auch jene anderen Deutschen, Menschen, die sich der «genozidären Mentalität» (Blatman) widersetzten, Menschen, die den Hungernden Brot zusteckten, Kartoffeln, Milch. So erfahren wir von stillen Helden wie Hans Feyerabend, dem Direktor der Bernsteinwerke im ostpreußischen Palmnicken, der die Gefangenen mit Essen versorgen ließ. Als er den Plänen des Bürgermeisters und der SS, die Gefangenen zu liquidieren, nichts mehr entgegensetzen konnte, zog er die individuelle Konsequenz: Er erschoss sich.

«Die Mörder: normale Bürger in anormalen Situationen»

Daniel Blatman: «Es versteht sich, dass ohne die Entmenschlichung des Feindes und Fremden die Mörder ihre Taten nicht hätten ausführen können. Unzählige Beispiele zeigen, wie die Mörder ihren Opfern begegneten. Die Mörder der Gruppe von Jüdinnen in Alt Hauland etwa behandelten ihre Opfer als ‚Stücke’. Alfred Jepsen, der für den Mord an Hunderten von Häftlingen in Lüneburg verantwortlich war, behauptete später, sie seien ohnehin schon ‚halbtot’ gewesen. Und als sich die Mörder auf Menschenjagd machten, erhielten die Häftlinge die folkloristisch-makabere Identität von Zebras oder Hasen verpasst. In den Aussagen von Überlebenden ist immer wieder die Rede davon, die Aufseher hätten sie wie streunende und gefährliche Hunde behandelt, die unschädlich gemacht werden mussten …»