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Dan Chaons Thriller Identität ist eines dieser Bücher, das einen frösteln lässt. Nicht so sehr, weil hier Blut fließt, weil getötet wird. Sondern weil die populäre Frage «Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?» hier auf radikale Weise beantwortet wird. «Man konnte jeder x-Beliebige werden. Man konnte jeder x-Beliebige sein …» Drei Aussteiger auf dem Trip ihres Lebens. Drei Geschichten, die sich überkreuzen, überschneiden und bis zur Unauflösbarkeit ineinander verwirren. Chaon lotet die Möglichkeit(en) von Identitätswechsel und Identitätsraub in einer atemberaubenden Story aus. Und nicht nur Jonathan Franzen ist der Ansicht, dass ihm dies erschreckend gut gelungen ist …
«... du wirst nicht verbluten.» Noch immer hat Ryan Schuyler nicht das Bewusstsein verloren, auch wenn ihr der Schmerz halb wahnsinnig macht. Das Auto rast Richtung Krankenhaus, irgendwo im tiefsten Michigan. Zwischen Jay Kozelek und seinem Sohn steht die Kühlbox mit der abgetrennten Hand. Ryans Hand. Was so vielversprechend angefangen hatte, war dann auf fürchterliche Weise aus dem Ruder gelaufen. Als die fremden Männer sie überwältigten, wusste Ryan: Das ist das Ende. Aber es war nicht das Ende …
Als Ray zu seinem leiblichen Vater Jay zog, ahnte er nicht, womit dieser sein Geld verdiente. Es hatte mit der Inszenierung von Ryans «Tod» begonnen: Ein College-Student der Northwestern University war in den Morgenstunden des 20. Oktober in den Fluten des Lake Michigan spurlos verschwunden; eine Leiche hatten Taucher im eisigen Wasser nicht finden können. «Keine neuen Erkenntnisse», meldetet die Polizei. Das war die Chance, die Jay gesucht hatte, um Ryan in seine obskuren Geldgeschäfte einzubauen – wozu hat man einen Sohn. Kurz darauf liest Ryan in diversen Blogs und auf Facebook die ersten Nachrufe auf sein Leben ...
Für Profis ist die Erschaffung von Klonen und Avataren ein Kinderspiel. Identitätsraub ist Fleißarbeit, nicht mehr. Name, Adresse, Geburtsdatum, Mädchennamen der Mutter, Passwörter, Kreditkartendaten usw. Fragmente eines fremden Lebens, im Handumdrehen angeeignet. «Für Ryan waren die Namen so etwas wie Schneckenhäuser …, hohle Hauthüllen, in die man schlüpfte und die sich mit der Zeit zunehmend verfestigten. Zu Beginn war die Identität so dünn wie Gaze: ein Name, eine Sozialversicherungsnummer, eine falsche Adresse. Doch schon bald kamen ein Ausweis mit Foto hinzu, ein Führerschein, ein beruflicher Hintergrund, eine Kreditgeschichte, Kreditkarten, getätigte Käufe und so weiter. Die Identität entwickelte allmählich ein Eigenleben, nahm Substanz an.»
Für Ryan und Jay läuft alles glatt, bis auf ihrem Rechner die ersten Nachrichten von Unbekannten eintreffen. In russischer Sprache. Und dabei bleibt es nicht. Kreditkarten werden gesperrt, Konten geräumt, sie werden beschattet und verfolgt. Aus der fiktiven Bedrohung wird eine sehr reale, blutige. Und am Ende liegt eine abgetrennte Hand auf einem Bett aus Eis …
Faszinierend an Chaons Thriller ist, wie man als Leser ins Schwimmen gerät. Irgendwann weiß man gar nicht mehr, wo hier fester Grund, wo gesicherte Erkenntnisse sind. Um wie viele handelnde Personen geht es hier eigentlich? Wie gesagt: wer ist wer, und wenn ja, wie viele …? Was ist zum Beispiel mit Miles Cheshires verschollenem Zwillingsbruder Hayden? Immer wieder hatte er Spuren hinterlassen, alle endeten im Nichts. Eine Sackgasse nach der anderen.
Hayden hatte schon immer in einer imaginären Welt gelebt. Phantastische Figuren an abenteuerlichen Orten, Lovecraft und Tolkien, Piraten, Außerirdische, Verschwörungstheorien, paranormale Phänomene. Klinische Symptome von Schizophrenie, sagten die Ärzte und verfrachteten ihn in die Psychiatrie. Hayden selbst hielt sich für ein Genie, andere nannten ihn schlicht größenwahnsinnig. «Was wusste Miles denn überhaupt noch von Hayden? Nach zehn Jahren war sein Bruder kaum mehr als eine Mutmaßung – eine Ansammlung von Postulaten und Projektionen, Briefen und E-Mails, randvoll von Paranoia und dunklen Andeutungen.»
Und was ist mit George Orson, der von sich sagt, er habe schon viele Leben gelebt? Der sich mit seiner Freundin Lucy ins Niemandsland von Nebraska abgesetzt hatte – und von dort, im Schutz einer neuen Identität, nach Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, wo ihr Schicksal eine dramatische Wendung nehmen sollte …
Es ist verwirrend. Und unendlich raffiniert. Personen scheinen aus der einen Geschichte in die nächste zu spazieren. Tauchen auf, spielen einen Part, verschwinden. Oder sterben auf rätselhafte Weise. Am Ende zieht Dan Chaon die Schlinge zu …