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Terroranschlag in San Francisco. Tausende sterben, als die Oakland Bay Bridge in die Luft gesprengt wird – für die Heimatschutzbehörde DHS der Anlass, unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung Freiheitsrechte abzuschaffen. Wie viele andere sind Marcus und seine Gamer-Freunde Van, Darryl und Jolu an diesem Tag einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie werden verhaftet und nach Treasure Island verschleppt. Als sie wieder freikommen, hat sich die Stadt in eine Zone totaler Überwachung verwandelt. Mit Hilfe von Xbox und Xnet beginnen Marcus und seine Freunde mit der Sabotage der staatlichen Überwachung – «der Mob» schlägt zurück. Aus einer stillen Revolte wird ein Flächenbrand ...
Cory Doctorows Thriller Little Brother ist grandioser Lesestoff: ernsthafter, spannender und intelligenter als all die öden Serienmord-Exzesse, die zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden. Und politischer sowieso. «Nie war es so spannend, in einem Jugendroman über Kryptografie und Anonymsierungstechniken zu lesen, über die Bedeutung der Privatsphäre, die Folgen des Terrorismus und die Auflehnung gegen den Überwachungsstaat.» (Die Zeit) «Realistisch trotz der Verlagerung in die nahe Zukunft, inspiriert, witzig und beklemmend, ja aufwühlend ...» (Süddeutsche Zeitung)
Unter dem Decknamen w1n5ton (sprich: Winston) ist Marcus seit Jahren in der Gamer Community unterwegs, speziell in Foren, wo er Beiträge zu diversen Themen angewandter Sicherheitsforschung postet. Etwa wie man die Signalkennung im Handy deaktiviert, die SchoolBooks («fieseste Spitzeltechnologie») crackt oder sich unerkannt aus der Schule entfernt, indem man Bewegungsmelder und Gangerkennung – ein biometrisches Identiizierungssystem – austrickst. Dass er ein Hacker der Extraklasse ist, ahnen manche in seinem Umfeld. Aber Marcus tut alles, um seine Tarnung abzusichern. Für manche Coups, die auf sein Konto gehen, könnte man ihn sofort von der Schule schmeißen.
Marcus und seine Freunde sind unterwegs, ALS ES PASSIERT – das, was ihr Leben für immer verändern wird. Zuerst glauben sie, ein schweres Erdbeben wäre über San Francisco hereingebrochen. Aber es ist kein Erdbeben, sondern eine gigantische Explosion. Eine riesige Staubwolke verdunkelt den Himmel, schrille Schreie überall, verängstigte Menschen auf den Straßen. Ddann die Lautsprecherdurchsage: «Suchen Sie umgehend Schutzräume auf.» Erst stürzen Marcus, Jolu, Van und Darryl in die nächstgelegene Station der BART-Schnellbahn an der Powell Street, ehe sie sich besinnen und gegen den Strom der panisch Flüchtenden wieder ins Freie drängen.
Kaum auf der Straße, sehen sie, dass Darryl durch einen Messerstich schwer verletzt wurde. Als sie militärisch aussehende Typen in Overalls um Hilfe bitten, werden sie zu ihrer Verblüffung verhaftet. Mit schneidend scharfen Plastikhandschellen geknebelt und groben Säcken über dem Kopf, werden sie im rasenden Tempo durch die Stadt kutschiert, auf ein Boot geworfen und zu einem Militärgefängnis auf einer Insel in der Bay Area gebracht. «Und da war mir klar, dass wir gar nicht Gefangene irgendwelcher Terroristen waren – ich war ein Gefangener der Vereinigten Staaten.»
Tagelang wird Marcus verhört, von einer Frau mit strengem Haarschnitt und eiskalter Aura: Ms. Zirkelschnitt, wie er sie nennt. So lachhaft es in seinen Ohren klingt, man verdächtigt sie, Teil des terroristischen Kommandos oder Netzwerks zu sein, das die Bay Bridge in die Luft gejagt und Hunderte, Tausende Menschen in den Tod riss. «Du wurdest von der Regierung der Vereinigten Staaten als potenzieller feindlicher Kämpfer in Gewahrsam genommen.» - «Terrorist? Ich kann Dschihad nicht mal buchstabieren ...» Niemals hätte er sich vorstellen können, in eine solche Situation zu kommen. Völlig undenkbar, unter dem Verhördruck einer roboterhaften Hardlinerin wie Ms. Zirkelschnitt zusammenzubrechen und alles preiszugeben, was ihm wichtig war: Handy-Passwort, E-Mail-Passwörter, Serveradresse, Nutzerkennung, alles. Aber genau das passierte ihm.
Als Marcus endlich aus Treasure Island entlassen wird und mit seinen Eltern ein tränenreiches Wiedersehen feiert, beschließt er, «die Schweine vom DHS» mit ihrer totalitären Paranoia nicht ungeschoren davonkommen zu lassen. «‹Ich werde einen Weg finden, sie fertigzumachen›, sagte ich. Es war ein Schwur.» Aber nicht alle seine Freunde können seinen radikalen Weg mitgehen: Van nicht und auch Jolu nur ein Stück weit. Darryl ist nicht wieder aufgetaucht; und auch wenn es niemand ausspricht, glauben sie nicht mehr, ihn jemals lebend wiederzusehen.
Zurückschlagen – aber wie? In seiner Abwesenheit hat irgendwer seinen Laptop verwanzt; jede seiner Tastenbewegung wird registriert. «Fast hätte ich die Wanze rausgenommen. Doch dann begriff ich: Wer immer sie da reingetan hatte, würde merken, wenn sie weg war. Ich ließ sie drin.» Bald hat Marcus die geniale Idee: seine Xbox-Spielekonsole. Speziell das alternative Betriebssystem ParanoidLinux ist wie geschaffen für Dissidenten und Untergrundkommunikation. «Und das Allerbeste – jedenfalls was mich betraf –, war, dass ParanoidXbox paranoid war. Alles, der ganze Datenverkehr, wurde zu winzigen Bruchstücken verquirlt. Man konnte ihn zwar abhören, aber du bekamst nie heraus, wer da sendete, was da gesendet wurde oder an wen gesendet wurde. Total anonymes Web, total anonymer E-Mail-Verkehr, total anonymes Messaging. Genau das, was ich rauchte. Das Einzige, was ich jetzt noch tun musste, war, jeden, den ich kannte, davon zu überzeugen, dass er auch ParanoidXbox zu benutzen.» Und so entsteht Xnet, ein Untergrundnetzwerk, wie es bis dahin noch nie eines gab.
Bei einer mitternächtlichen subversiven Zusammenkunft am Ocean Beach hinter dem Golden Gate Park lernt Marcus Ange kennen, Deckname «Spexgirl»: Liebe auf den zweiten Blick. Ein Mädchen mit einer Leidenschaft für chilischarfe Sachen und mit dem Mut zum Risiko. Der Flashmob-Aufruhr beginnt mit einem Open-Air-Concert im Dolores Park, mit der legendären anarcho-feministischen Punkband von Trudy Doo ...
Cory Doctorow hat seinen Roman explizit für junge Erwachsene geschrieben: rasant, explizit, politisch aktuell. Wo sonst findet man einen Thriller, in dem es auf fast 500 Seiten um Freiheit als individuelles Recht geht, um Freiheit als höchstes Gut einer demokratischen Gesellschaft, um Staatsmacht und verfassungsmäßige Rechte, um Überwachungsparanoia unter dem Vorwand des «war against terror», um Vietnamkrieg und Irak, Hippies, Yippies und Anarchisten?
Doctorow zählt in den USA zu den bekanntesten Internetaktivisten. Er ist seit vielen jahren bei der Online-Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation engagiert. Den Kampf gegen unlizenzierte Onlinekopien von Film, Musik oder Literatur hält er für naiv und kontraproduktiv; konsequent stellt er seine eigenen Bücher als Gratis-Download zur Verfügung. «Kopieren ist Leben, und wer nicht kopiert, ist tot.»