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Cormac McCarthys Roman Kein Land für alte Männer ist ein Ereignis, die großartige Adaption des Stoffes durch die Coen-Brüder ware es nicht minder: «Minimaler Western mit maximaler sprachlicher Präzision» (Stern), «ein Neo-Noir-Western: wertfest, moralfrei, am Ende sind alle tot.» (taz)
1980, irgendwo in der texanischen Wüste. Blaues Schwemmland in der Stille. Steine, Staub, Himmel. Und Blut. Llewelyn Moss, den die Antilopenjagd in die vulkanische Landschaft getrieben hat, glaubt seinen Augen nicht zu trauen, als er das Blutbad wahrnimmt. Von Kugeln durchsiebte Geländewagen, ein paar tote und halbtote Mexikaner, ein Koffer randvoll mit Hundertdollarnoten, eine Menge Heroin,. «Er saß da, betrachtete das Geld, schloss dann den Deckel und verharrte mit gesenktem Kopf. Sein ganzes Leben lag da vor ihm. Tag für Tag, von morgens bis abends, bis zu seinem Tod. Alles konzentriert auf vierzig Pfund Papier in seinem Aktenkoffer.»
Moss, der einfache Schweißer, der in Vietnam das Schießen und das Kämpfen gelernt hat, steht auf einem Schlachtfeld. Ein Massaker hat hier stattgefunden, kein Zweifel Kaum hat er sich mit den zwei Millionen davongemacht, ist ihm ein Profikiller auf den Fersen. Anton Chigurh tötet aus Prinzip. Er tötet auch dann, wenn die Gründe für die Exekution sich längst erledigt haben. Chigurh ist die Inkarnation des Bösen, der zügellosen, entgrenzten Gewalt. Noch im schlimmsten Blutbad braucht er seine Ordnung. Er mag es nicht, wenn Blut an seinen Kleidern, an den Sohlen seiner Schuhe klebt. Da das Bolzenschussgerät sein bevorzugtes Tötungsinstrument ist (und nicht nur zur Schlachtung von Rindern taugt), fließt viel Blut und fliegt viel Hirn. Und kein John Wayne, der ihm das blutige Handwerk legt.
Eigentlich ist es ein friedliches County, in dem Deputy Sheriff Ed Bell seinem Job nachgeht. Aber wo Chigurh ist, ist Kriegsgebiet. Wo er seiner schmutzigen Arbeit nachgeht, färbt sich der Rio Grande blutrot. Die Ästhetik der Coens und die düstere Poesie McCarthys passen perfekt zusammen. Kein Zufall, dass der Autor in den siebziger Jahren nach El Paso gezogen ist, an den «Breitengrad des Blutes», ins Grenzland unter der grellen Sonne, wo Nordamerika und Mexiko aufeinander prallen und sich durchmischen.
Der Roman von Pulitzerpreisträger McCarthy spielt in einer Zeit, als sich der amerikanische Süden radikal veränderte. Früher brachte man sich im Suff um, wegen hundert Dollar Spielschulden oder aus Eifersucht, Autos oder Pferde wurden geklaut, eine Bank ausgeraubt, ein Geldbote niedergeschossen. Jetzt macht eine neue Art von Kriminalität breit: Drogendealer gehen mit Maschinenpistolen auf die Konkurrenten los – auch das ländliche Texas mit seinen heruntergekommenen Motels, den einsamen Tankstellen an den Highwys kriegt sein Stück globalisierte Gewalt ab. Moderne Wildnis. Kein Ort der Sicherheit, nirgends, so ist das Leben. Das ist die Botschaft.
«Niemand schreibt dunklere, abgründigere Bücher, kein anderer, mit Ausnahme Thomas Pynchons, gilt als zurückgezogener, und schließlich ist kein anderer Autor seines Ranges in Deutschland weniger bekannt geworden als der große Apokalyptiker Cormac McCarthy. (…) Seine Passsionsgeschichten sind durchzogen von der Allgegenwart einer sinnlosen Gewalt, die grandiosen Naturbeschreibungen sind immer auch metaphysisch aufgeladene Endzeitbilder der Verwüstung. Vor ihrer gewaltigen Kulisse wird der Mensch unendlich klein.» (Die Zeit)