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In New York sprach Michael Sauer für die Rowohlt Revue mit Colum McCann über dessen neuen Roman Die Große Welt – ein mitreißendes Epos über die Stadt der Städte. Und mehr als nur am Rande eine Auseinandersetzung mit dem Drama vom 11. September 2001. Schließlich hatte Philippe Petit 1974 das Drahtseil für seinen unglaublichen artistischen Akt in mehreren Hundert Metern Höhe gespannt – zwischen den Türmen der Twin Towers.
DAS INTERVIEW
Mr. McCann, Ihr neuestes Buch Die große Welt spielt zum überwiegenden Teil im Jahr 1974. Dennoch ist Ihnen ein hochaktueller Roman gelungen, vielleicht der erste wirkliche 9/11-Roman, obwohl darin weder Terroristen noch der Tag selbst vorkommen.
(Lacht) Die große Welt ist ganz nach meinem Geschmack. Richtig, es gibt darin keine Terroristen und keine Terroristenjäger. Der Roman handelt von den normalen Menschen ihrer Zeit. Die Geschichte spielt in New York im Jahr 1974, eine Epoche, die der Zeit nach dem 11. September sehr ähnlich war.
Eine Zeit der Ernüchterung?
Auch das. Damals befanden sich die Vereinigten Staaten in einem Krieg, der weder legitim noch lösbar war, nämlich dem verflixten Vietnam-Krieg. Das Land war fest in den Händen der korrupten, amoralischen Nixon-Regierung. Gleichzeitig war eine Schwelle erreicht. Die Leute waren bereit für etwas Neues.
Ähnlich war es nach dem 11. September?
New York war nicht wütend. Der Ärger kam später, als er den Leuten eingeredet wurde. Diese Rachegelüste, die dorthin mündeten, unsere Kinder nach Afghanistan und in den Irak zu schicken. Der Betrug, der überall stattfand, die Fotos, die Colin Powell, Bush und Cheney rumzeigten. Darüber wollte ich auch schreiben...
Ihr Roman beginnt mit einem berühmten Drahteilakt anstatt von Betrug …
… ja, als Philippe Petit 1974 auf einem Seil von einem Twin Tower zum anderen balanciert. Dieser kleine, verrückte französische Trapezkünstler kaperte den Zeitgeist mit seinem Drahtseilakt aufs Beste. Er schoss mit Pfeil und Bogen das Seil von einem Twin Tower zum anderen, griff die 20 Kilo schwere Balance-Stange und lief acht Mal zwischen dem Nord- und Südturm hin und her, erhoben von der Welt. Der Bau der Twin Towers waren eine Hochleistung an Willen und Kraft, und Petit kreierte einen schwebenden Moment der absoluten Freiheit und des künstlerischem Triumph in einer Stadt des ewigen Überlebenskampfes. Das Verlangen nach etwas Neuem: Das war das Neue, und das hat Philippe Petit mit seinem Akt des Leichten, Schwebenden eingefangen.
Ihr Buch handelt nun aber gar nicht wirklich von Philippe Petit. Sein Drahtseilakt ist eher die Hintergrundmusik für die anderen Mosaiksteine Ihres Romans, die Schicksale der normalen Menschen.
Seine Magie lässt unten auf den Straßen in den gewöhnlichen Existenzen das Besondere hervortreten, darüber wollte ich schreiben. (Lacht. Steht auf und geht zum Anrufbeantworter und spielt eine Nachricht von Philippe Petit, der mit starkem französischen Akzent spricht: «Peep. Mr. McCann this is Philippe Petit, it is Sunday afternoon.I have heard you wrote a book about me. Is it a documenatry, a melodrama? Please call me and we can discuss it. Peep.»
Haben Sie zurückgerufen?
Ich habe ihm das Buch geschickt.
War er zufrieden?
Die Nachricht auf meinem Anrufbeantworter ist einige Monate alt. Ich habe nichts weiter von ihm gehört. Es ist halt kein Buch über ihn. (Lacht) Die Ursprungsidee zu meinem Roman hätte ihm auf keinen Fall geschmeckt. Da sollte Petit nämlich von dem Seil stürzen. Nach zwei Dritteln sollte er fallen.
War Ihre Ursprungsidee gar das Ende der Hoffnung?
So hat es jedenfalls begonnen, in meinem Kopf zu arbeiten. Das Fallen von Menschen hat uns stärker fasziniert als der Sturz der Türme selber, das war mein Eindruck nach dem 11. September. Neulich erschien ein langer Aufsatz im Rolling Stone Magazine über den Mann in der blauen Krawatte, der aus dem Fenster fällt, und dessen Foto zu einem der großen Bildzeichen des 11. Septembers geworden ist. Der Schriftsteller Don DeLillo hat das Thema des Stürzens in seinem jüngsten Roman Falling Man aufgenommen. Petit hat die Möglichkeit des Fallens einbezogen. Deswegen fasziniert er immer noch.
Sie haben dann doch nicht über das Stürzen geschrieben. Ihr Buch ist am Ende alles andere als hoffnungslos geworden.
Die Hoffnung kommt ja immer unverhofft. Ernsthaft, ein Buch darf niemals jammern. Ich wollte ja auch etwas erschaffen, das Schönheit und Anmut besitzt. Während des Schreibens fiel mir plötzlich ein, dass ich am 12. September 2001 in New York eine Frau auf der Straße einen Schokoladenkuchen essen gesehen habe. Das war wunderschön, und das hat vielleicht für mich beim Schreiben die Wende eingeleitet.
Es gibt drei verschiedene Ich-Erzähler in Ihrem Roman. Eine davon ist eine Prostituierte, einer der Bruder eines Priesters, die Dritte die Tochter einer Prostituierten.
Ich wollte auch ein Buch über Religion oder Glauben schreiben. Ich begann also mit Corrigan, einem irischen Priester 1974 in der Bronx, der sich in eine junge Prostituierte verliebt.
Und später stirbt der unkonventionelle Priester bei einem Autounfall, zusammen mit der jungen Hure Jazzlyn, die er beschützt.
Glauben Sie mir, das habe ich bekämpft. Ich wollte nicht, dass die Zwei ums Leben kommen. Bis ich plötzlich begriff, warum die Beiden starben. Corrigan war der eine Turm, und die junge Prostituierte Jazzlyn war der andere Turm. Und aus dem Tod der Beiden baut sich dann der Rest der Geschichte auf.
Ihr ganzes Herz aber scheint der Figur der Tilly zu gehören, der heroinabhängigen Mutter von Jazzlyn.
Ich habe mich wirklich in Tilly verliebt. Ich weiß nicht, woher sie kam, ich hatte den Drahsteilkünstler, ich hatte Corrigan und die Jazzlyn. Man fährt ja beim Schreiben im Nebel, mit den Lichtern an, aber man sieht nur den kleinen Lichtpegel vor sich. Ich habe sechs Monate nach ihrer Stimme gesucht. Ich bin mit Cops durch die Bronx gefahren, um sie zu finden. Bin durch dreißig Jahre alte Strafregister gegangen. Ich bekam sie nicht zu fassen.
Fünf, sechs Monate habe ich nach ihr gesucht – nichts. Eines Nachts fällt mir ein Satz ein: «The skinniest dog I have ever seen is the one on the side of the greyhound bus.» Das wars. Plötzlich sprach sie. Dann habe ich mich hingesetzt und los geschrieben. Als meine Frau mir morgens auf die Schulter tippte, hatte ich sie, hatte fünf oder sechs Seiten geschrieben. Ich könnte sofort zum Computer gehen, und sie würde sofort wieder loslegen.
Ihr Roman geht zum Ende hin auf wundersame Weise auf. Alles ist plötzlich miteinander verknüpft, alles gehört zusammen. Der Richter, der Tilly ins Gefängnis geschickt hat, ist der Mann der besten Freundin einer Frau, die Tillys Enkelin aufzieht. Corrigans Bruder heiratet die Frau, die im Auto saß, das den Unfall verursacht hat, bei dem Corrigan und Jazzlyn ums Leben kamen …
… ich hatte Sorge, dass ich zu viel zusammengeschnürt hatte. Dass alles zu perfekt geworden war. Aber ich habe versucht, der Geschichte zu lauschen, und ich wollte mich nicht dagegen wehren, auch wenn ich weiß, dass mir das an bestimmten Stellen zum Vorwurf gemacht wird.
Würden Sie Ihren Roman einen Sozialroman nennen?
Ich hoffe. Der Sozialroman stirbt aus. Bis heute hatten wir keine Katrina-Roman. Ich kann mir nicht vorstellen, dass John Steinbeck sich nicht hingesetzt hätte und über New Orleans geschrieben hätte, wäre so etwas zu seiner Zeit geschehen. Man darf als Romancier nicht zum Politiker werden. Aber man ist der Maler einer Fotografie.
Sehen Sie darin Teil Ihrer Aufgabe?
Ich war immer der Ansicht, dass wenn man Bush oder Cheney in ein Zimmer sperren und zwingen würde, sich vorzustellen, jemand anderes zu sein, und das aufzuschreiben, eine Frau auf einem Dach in New Orleans im Ninth Ward, und wenn sie dann aus diesem Zimmer nicht als veränderte Menschen herauskämen, würde ich meine Socken fressen.
(An der Wand von MCanns Arbeitszimmer hängt eine Fotografie von schmutzigen, verstaubten Schuhen).
Wessen Schuhe sind das?
Die Schuhe meines Schwiegervaters. Er war am 11. September in den Twin Towers. Er kam von dort direkt in unsere Wohnung. Er hat seine ganze Kleidung weggeworfen, einschließlich seiner Socken. Nur die Schuhe blieben bei uns vor der Tür stehen. Meine Frau sagte, wir sollten sie behalten.
So begann das Buch in Ihnen zu arbeiten?
Nein. An dem Abend sagte meine damals fünfjährige Tochter zu mir: Opa verbrennt, Opa verbrennt. Aber nein, habe ich geantwortet. Er ist doch da. Von innen verbrennt er, hat sie dann gesagt. (Denkt nach) Es ist schmeichelhaft, wenn Leute sagen, dies sei ein großer 9/11. Roman. Ich frage mich aber tatsächlich, wer am Ende den wirklich großen 11. September-Roman schreiben wird. Es könnte vielleicht erst in zehn Jahren passieren.
Sie haben den Spiegel aufgestellt zwischen der Zeit damals und dem Heute. Damals veränderte ein Drahtseilakt das Klima. Was ist heute der Ausdruck von Hoffnung?
Ganz klar: Präsident Obama.