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Mit Shoah ist Claude Lanzmann weltberühmt geworden. Sein einzigartiger Film über die «Endlösung» hat die Erinnerungskultur geprägt – und Lanzmann selber glaubt auch: ausgelöst. Ein Vierteljahrhundert danach, im Alter von 85 Jahren, zieht er Bilanz und veröffentlicht seine Memoiren: Der patagonische Hase. Auch sie sind ein Monument – nicht nur in eigener Sache.
Sie beginnen mit einem Hohelied auf den Computer und Gedanken über die Guillotine, den geplanten, verordneten, organisierten Tod: «die wichtigste Angelegenheit meines Lebens.» Am Schluss erinnert sich Claude Lanzmann an einen Hasen, der in Patagonien unvermittelt vor seinem Auto die Strasse überquert: «Ich war siebzig, aber mein ganzes Sein hüpfte vor wilder Freude, wie mit zwanzig Jahren.» Der Hase gab dem Erinnerungsbuch den Titel. Die deutsche Übersetzung erscheint im Verlag, der auch Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir publiziert.
In ihrem Bunde war Lanzmann der Dritte. Privat, politisch, publizistisch. In den fünfziger Jahren lebte er mit Simone de Beauvoir zusammen, Sartre hatte stets eine eigene Wohnung. Seit dem Tod von Sartre und Beauvoir ist er der Herausgeber der Zeitschrift Les Temps Modernes.
Seine Erinnerungen sind eine Fundgrube. Lanzmann porträtiert: Familie, Frauen, Zeitgenossen. Er ist der Bruder des Schriftstellers Jacques Lanzmann, der sein halbes Werk unter einem weiblichen Pseudonym veröffentlichte. Die Schwester, eine begabte Schauspielerin und große Schönheit, nahm sich das Leben. Und Lanzmann erzählt. Vom Widerstand, in den er noch als Schüler ging. Vom Vater, der ihm in einem Feuergefecht mit einem Angehörigen der faschistischen Milice das Leben rettete. Wie er sich als Student für Betrügereien als Priester verkleidete. Vom Besuch im Pariser Luxusbordell Le Sphinx zusammen mit seinem Erzeuger und dem Stiefvater, die seine Kurtisane bezahlten. Er kehrte mit seinem Freund Jean Cau, der später Sartres Sekretär wurde, zurück: eine Szene wie bei Flaubert.
Der Schriftsteller Michel Tournier, der nach dem Krieg in Tübingen studierte, holte Claude Lanzmann in die französische Besatzungszone. Das Stipendium beinhaltete sechzig Mahlzeiten pro Monat. Lanzmann hatte ein Zimmer in der Hegelstrasse. Tournier beschrieb diese Zeit schon 1977 in seiner Autobiographie: «Mehr noch als durch seinen wachen Geist und seinen scharfen Verstand wurde er in unserem Grünwiesel durch sein Wesen populär: Ganz der ewige Jude, jammernd, zynisch, mit Absicht ‚unmöglich’ daherredend, baute er eine Theorie nach der andern um die drei großen Probleme seines Lebens: seine Gesundheit, das Geld und die Frauen.» Lanzmann zog nach Berlin weiter.
Mit Shoah schuf er sein eigenes Werk und befreite sich aus dem Schatten von Sartre und Simone de Beauvoir. Zwölf Jahre dauerten die Dreharbeiten, während denen er «die Zeit aufhob». Seine gnadenlose Unerbittlichkeit vermittelt den Opfern eine Identität. Auch darum geht es in seinen Memoiren, die den Begriff des Erinnerns entschlüsseln. Mit Aufarbeiten oder Bewältigen hat das bei Lanzmann nichts zu tun. Er strebt den Sieg über die Zeit an, die «bei Shoah nie aufgehört hat, nicht zu vergehen».
Das haben ihn auch die Hasen in Treblinka, Serbien, Patagonien im Scheinwerferlicht des Autos gelehrt: Er hat stets gebremst. Das Erinnern ist für Claude Lanzmann ein keineswegs unverkrampfter Kampf gegen den Tod: «Ich weiß nicht, was Altern heißt, meine Jugend garantiert die Jugend der Welt. Ich liebe das Leben geradezu verrückt, auch jetzt noch, wo der Abschied von ihm nahe ist.» In seinen Memoiren lässt er es bereits auferstehen: Die Vergegenwärtigung wird die zweite «wichtigste Angelegenheit meines Lebens gewesen sein.»
(Vorabdruck aus: Rowohlt Revue 90, Autor: Jürg Altwegg)