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Christoph Drösser: Hast du Töne?

© picture-alliance/dpa-Report (Fotograf: Wolfgang Thieme)

Man kennt ihn von seiner Stimmt’s?-Kolumne: Christoph Drösser, Mathematiker und Redakteur im Wissen-Ressort der ZEIT. In seinem neuen Buch vertritt er eine spannende These, die unweigerlich die Stimmt’s?-Frage provoziert: dass nämlich jeder Mensch musikalisch sei. «Ich und musikalisch? Wirklich nicht.» Mit der eigenen Unmusikalität zu kokettieren ist gang und gäbe. Drösser räumt in seinem klugen, inspirierenden, beeindruckend materialreichen Werk mit dieser Ansicht auf. Und begründet schwungvoll, weshalb es in keinem Alter zu spät ist, mit dem Musikmachen zu beginnen.

Ein großartiges Frank-Zappa-Zitat vorweg, das aus der Ferne wie eine schlaue Variante von Erich Frieds berühmtem Es ist, was es ist-Gedicht daherkommt: «Information ist nicht Wissen. Wissen ist nicht Weisheit. Weisheit ist nicht Wahrheit. Wahrheit ist nicht Schönheit. Schönheit ist nicht Liebe. Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.»

Die Musik spielt im Kopf

Drössers These: Musik spielt in jeder Kultur eine bedeutende Rolle. Musik berührt unsere Sinne, weckt Erinnerungen, rührt uns manchmal zu Tränen. Menschen zieht es unweigerlich zu Musik, denn Musikalität ist angeboren. Unser Gehirn verlangt nach Musik; schon Babys saugen musikalische Strukturen lustvoll auf – nicht zufällig steht Mozarts melodischer Wohlklang bei Schwangeren hoch in Kurs.

Kein Zufall auch, dass in den vergangenen Jahren durch neue spektakuläre Erkenntnisse in der Hirnforschung das Interesse an neuen Erkenntnissen in Sachen Musik und Musikalität immer mehr in den Vordergrund rückte, wie auch die neuen Texte des New Yorker Neurologen Oliver Sacks unterstreichen (vgl. den Beitrag zu Der einarmige Pianist in diesem Magazin). Christoph Drösser präsentiert in seinem unterhaltsamen und verständlich geschriebenen Buch das, was die moderne Wissenschaft über das Geheimnis der Musik herausgefunden hat. Und kommt zu dem ermutigenden Schluss, dass in jedem von uns ein bisschen Mozart stecke. Na dann, auf geht’s!

Übrigens: Auf dieser Website finden Sie eine Vielzahl von Klangbeispielen zu Themen und Fragen, die das Buch behandelt (im Text taucht an den betreffenden Stellen ein Lautsprechersymbol auf). Unbedingt hineinhören! Worüber Sie in Hast du Töne? etwas lesen & lernen können: Woher die Musik kommt. Die Physiologie des Hörens: Vom Ohr ins Hirn. Von Takten und Tonleitern. Was heißt „musikalisch“? Musik und Gefühl. Die Grammatik der Musik. Woher unsere musikalischen Präferenzen kommen. Musik und Gesundheit.. Was Musikunterricht mit uns macht.

Hier einige von Drössers Thesen in Kurzform:

Autoreninfo

Christoph Drösser, geboren 1958, ist Redakteur im Ressort Wissen der Wochenzeitung "Die Zeit". Von 2004 bis 2006 entwickelte er als Chefredakteur das...
mehr über den Autor
«Die Musik ist die Stenografie des Gefühls» (Leo Tolstoi)

«Nicht ein guter Hörsinn oder die Fingerfertigkeit auf einem Instrument machen Musikalität aus – die Musik spielt im Kopf. Unser Gehirn ist das eigentliche Musikorgan, über das jeder verfügt.»

«Wir nehmen im Verlauf unseres Lebens eine unüberschaubare Menge von Liedern und Stücken in uns auf, und auch das führt zu Musikalität. Einer Musikalität, die nicht mit den klassischen Kriterien zu messen ist – also etwa, ob jemand einen Ton sauber singen oder Intervalle benennen kann. Die Musikalität von Nichtmusikern, die ihr Leben lang nur passiv genossen haben, ist in den vergangenen Jahren ins Interesse der Musikforscher gelangt. Und die kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Laien Musik genauso gut ‹verstehen› wie Experten. Vielleicht nicht auf der abstrakt-analytischen Ebene, weil ihnen dafür die Begriffe fehlen. Aber sehr wohl auf der emotionalen und ‚grammatischen’ Ebene.»

«Heute sind alle Menschen vor allem Musikhörexperten. Jeder von uns hat in seinem Leben mehr Musik gehört als Mozart, Bach und Beethoven zusammen. Quantitativ, aber auch qualitativ: Unser Ohr ist mit musikalischen Klängen aus fünf Jahrhunderten und fünf Erdteilen mehr oder weniger vertraut. Und im digitalen Zeitalter ist Musik verfügbarer denn je. »

«Diese umfassende Erfahrung von Musik hinterlässt ihre Spuren im Gehirn. Das Musizieren sowieso, aber auch das reine Hören ist keineswegs ein passiver Prozess. Jedes musikalische Erlebnis verändert das Denkorgan, wir verinnerlichen Regeln darüber, wie Musik zu klingen hat … Ein Kleinkind findet diejenigen Ton- und Wortkombinationen irgendwann ‹richtig›, die es am meisten hört – sie machen seine Muttersprache aus.»