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Christoph Drösser: Der Physikverführer

© Johanna Goodyear, fotolia.com; Fine Pic; Jochen Quast

Ganz schön einschüchternd, dieser Mann. Christoph Drösser, Redakteur im Ressort Wissen der ZEIT und dort jahrelang u.a. für die erfolgreiche Kolumne Stimmt’s? zuständig, kennt sich als studierter Mathematiker nicht nur in seinem angestammten Revier blendend aus. Nach seinem Bestseller Der PMathematikverführer und die inspirierende Studie Hast du Töne? Warum wir alle musikalisch sind präsentiert er nun sein neues Werk: Der Physikverführer In vierzehn Kapiteln werden wir auf pfiffige und ungemein amüsante Weise an die spannendsten und faszinierendsten Phänomene der Physik herangeführt.

Siehe Kapitel 3: «Die Kraft der zwei Pferde oder Zerreißprobe für blaue Hosen.» Um was es da geht? «Das Logo der Jeansmarke Levi’s ist weltberühmt: Zwei Pferde schaffen es nicht, eine Hose zu zerreißen. Aber sind zwei Pferde tatsächlich stärker als eines?» Oder, anderes Beispiel, Kapitel 9: «Die Party oder Quatsch mit langen Strohhalmen». Hier geht’s um einen physikalisch interessanten Partygag: «Zwei Kinder versuchen, mit einem extra langen Strohhalm Limonade und Sangria in den dritten Stock hinaufzusaugen. Kann das funktionieren – oder gibt es ein «Sauglimit für Flüssigkeiten»?

Im Vorwort des Physikverführers erklärt Christoph Drösser, weshalb Physik unter allen Wissenschaften eine der wichtigsten – und faszinierendsten ist.

VORWORT

Physik ist wie Sex. Manchmal kommt etwas Nützliches dabei heraus. Aber deshalb betreiben wir sie nicht.
Richard Feynman

Als ich nach dem Erfolg des Mathematikverführers gefragt wurde, welcher Disziplin ich mich denn als Nächstes widmen würde, musste ich nicht lange nachdenken – es war klar, dass es um Physik gehen würde. Mathematik habe ich studiert, und sie ist für mich immer noch die Königin der Wissenschaften (und ich würde auf sie das Eingangszitat von Feynman anwenden), aber die Physik fasziniert mich nicht weniger. Schafft die Mathematik aus quasi nichts als einem durch die Evolution geformten Säugetierhirn die komplexesten Gedankenwelten, so gehen die Physiker noch einen Schritt weiter und sagen: Wir können mit mathematischen Gleichungen und Modellen die Welt beschreiben, vielleicht sogar komplett.

Denn die anderen Naturwissenschaften sind ja nichts als Fortschreibungen der Physik: Die Chemie beschäftigt sich mit den Reaktionen zwischen Molekülen, die von der Physik beschrieben werden, die Biologie ist die Wissenschaft vom Leben, das sich durch chemische Reaktionen beschreiben lässt, die wiederum auf die Physik zurückgehen. Damit will ich keinesfalls einem totalen Reduktionismus das Wort reden – ab einer gewissen Stufe der Komplexität hilft die Physik nicht mehr weiter, der Laplace’sche Dämon ist ja ein Fabelwesen (siehe Seite 189). Aber die Physik liegt eben tatsächlich jedem Phänomen in dieser Welt zugrunde, selbst der
Entstehung des gesamten Universums.

Autoreninfo

Christoph Drösser, geboren 1958, ist Redakteur im Ressort Wissen der Wochenzeitung "Die Zeit". Von 2004 bis 2006 entwickelte er als Chefredakteur das...
mehr über den Autor
Beim Kleinsten und Größten ist Physik gefragt

Aber keine Sorge, um die physikalischen Modelle, mit denen die Urknall- oder Stringtheoretiker rechnen, geht es in diesem Buch nicht. Wie schon der Mathematikverführer, so befasst sich auch der Physikverführer vorwiegend mit jenen Grundlagen der Wissenschaft, die für Laien nachvollziehbar sind. Von den Kapiteln 8 und 14 abgesehen, in denen es um Relativitäts- und Quantentheorie geht, heißt das: Wir beschäftigen uns mit einer Welt, in der praktisch alle Phänomene auf die Kollision kleiner oder großer Massen zurückzuführen sind.

Größen wie Kraft, Beschleunigung und Energie reichen aus, um diese Welt zu beschreiben, sei es im Makroskopischen – etwa wenn Autos zusammenstoßen – oder im Mikroskopischen: Temperatur ist die mittlere Bewegungsenergie von Teilchen, die wir uns wie kleine Gummibälle vorstellen, und Druck ist, wenn diese Gummibälle gegen die Wand eines Behälters knallen. Das Buch zeigt, wie weit ein solch naives physikalisches Modell reicht: Immerhin erklärt es, warum Flugzeuge fliegen und warum es unmöglich ist, ein Perpetuum mobile zu bauen. Das ließe sich noch ausdehnen auf elektrische und magnetische Phänomene, die ich in diesem Buch nur am Rande streife.

Aber Moleküle sind keine Gummibälle, sie bestehen aus Atomen, diese wiederum setzen sich aus kleineren Elementarteilchen zusammen. Und wenn Sie immer noch glauben, dass ein Atomkern ein brombeerartiger kleiner Knubbel aus Neutronen und Protonen ist, um den in einiger Entfernung Elektronen kreisen wie Mücken um eine Glühbirne – dann lassen Sie es sich gesagt sein: Auch das sind nur Hilfsvorstellungen, die unsere Phantasie anregen sollen. In der «wirklichen» Physik zerrinnen all diese Kügelchen irgendwann zu Wellenfunktionen, die durch den leeren Raum wabern und nur noch Wahrscheinlichkeiten beschreiben. Konkret vorstellen können sich das auch Physiker nicht mehr, und es gibt einen fast religiösen Streit darüber, wie man die – experimentell gut bestätigten – Resultate der Theorie interpretieren soll (siehe Kapitel 14).

Die Sache mit den Formeln

Wie schon der mathematische Vorgänger, so enthält auch der Physikverführer Formeln. Ich glaube immer noch, dass eine gute mathematische und physikalische Formel einen Zusammenhang besser auf den Punkt bringt als ein blumiger Satz. Andererseits weiß ich, dass man Formeln nicht lesen kann wie einen unterhaltsamen Text, dass man Muße dazu braucht und manchmal sogar Papier und Bleistift zum Nachrechnen. Deshalb habe ich die Abschnitte, in denen gerechnet wird, noch deutlicher kenntlich gemacht. Sie können Sie überschlagen oder für später aufheben und trotzdem den Gedankengang des Kapitels verstehen. Absolut verzichtbar sind sie nicht – sonst hätte ich ja drauf verzichtet!

Dies ist kein Lehrbuch, und es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es soll dem Leser einige physikalische Begriffe anhand von amüsanten Geschichten vermitteln oder wieder ins Gedächtnis zurückrufen, und wenn Sie einen Bereich vermissen, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass mir dazu keine amüsante Geschichte eingefallen ist oder das Buch schon voll war. Ich muss ja kein Curriculum abarbeiten, sondern freue mich, wenn ich bei dem einen oder anderen genug Spaß und Neugier auslöse, dass er die Lücken auf eigene Faust stopfen kann.