Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Christoph Drösser: Der Musikverführer

© Jana Bischoff/Fine Pic, München; Nicole Sturz

Wer kennt ihn nicht von seiner Stimmt’s?-Kolumne: Christoph Drösser, Mathematiker und Redakteur im Wissen-Ressort der ZEIT. In seinem Musikverführer vertritt er eine spannende These, die unweigerlich die Stimmt’s?-Frage provoziert: dass nämlich jeder Mensch musikalisch ist.
Wir haben den begeisterten A-Capella-Sänger Christoph Drösser gebeten, für unsere Leserinnen und Leser einmal den leibhaftigen Musikverführer zu spielen. Indem er die Musik zusammenstellt, die für ihn wichtig war, die Maßstäbe gesetzt und in seiner Entwicklung begleitet hat. Das Resultat kann man mit Fug und Recht den «Soundtrack eines Lebens» nennen. Lassen Sie sich inspirieren!


Die Platten und CDs sind chronologisch geordnet: Begonnen hat alles mit Led Zeppelin, die stilistische Vielfalt ist immens (siehe Miles Davis, Beatles, Genesis, Smiths, Massive Attack, Jan Delay, Buzzcocks). Besonders sei hier auf des Autors eigene Whole Lotta Love Version hingewiesen!

Led Zeppelin, Leonard Cohen, Beatles, Roxy Music, Genesis, Stevie Wonder, Frank Zappa

Led Zeppelin: Houses of the Holy. Ich war 11, meine Schwester 13. Sie feierte ihre erste Tanzparty, ich musste wegen Jungsmangel einspringen und war natürlich völlig eingeschüchtert von den pubertierenden Mädchen. Man tanzte zu eingängigem Bubble-Gum-Pop, aber irgendjemand brachte als Geschenk die Single Whole Lotta Love von Led Zeppelin mit. Die kreischenden Gitarren und vor allem der Schrei von Robert Plant, der kurz vor Schluss die Stille durchreißt, waren aufregend anders – und es war in meiner Erinnerung das erste und einzige Mal, dass meine Eltern wirklich entsetzt waren über die Krachmusik, die ihre Kinder hörten. Houses of the Holy war Led Zeppelins fünfte LP, nicht mehr ganz so wild wie das Debütalbum.

Leonard Cohen Songs of Leonard Cohen. Der große Poet wird an mehreren Stellen in meinem Buch gewürdigt. Ich habe mit 16 auch seine Bücher verschlungen, experimentelle und assoziative Literatur, in der es auch um unerhörten Sex ging. 2009 habe ich ihn dann zum ersten Mal live gesehen – die Songs haben immer noch eine ungeheure Kraft.

The Beatles: White Album. Der Höhepunkt im Schaffen der Beatles. Für mich als Spätgeborenen war das neben den ganzen Geschichten rund um 68 ein Grund, sich zu wünschen, doch zehn Jahre früher auf die Welt gekommen zu sein.

Roxy Music: For Your Pleasure. Ich weiß noch, wie ich die Platte in London gekauft habe. Die intelligenteste Band aus der Glam-Rock-Zeit. Brian Eno brachte avantgardistische Synthesizer-Klänge in die Popmusik.

Genesis: Foxtrot. Genesis war meine Begegnung mit dem, was man damals «Art Rock» nannte: komplizierte Harmonien und Songs, die über eine ganze LP­Seite gingen. Wir haben das Album Ton für Ton mit unserer Band nachgespielt. Die Begeisterung ist dann später etwas erkaltet.

Stevie Wonder: Songs in the Key of Life. Die Doppel-LP von 1976 gehört zu den Kandidaten für das beste Pop-Album aller Zeiten. Jeder der 21 Songs ist ein Knaller, es sind einige der größten Hits von Stevie Wonder darauf.

Frank Zappa: One Size Fits All. An meiner Wand hing schon ein Frank Zappa Poster, bevor ich einen Ton seiner Musik gehört hatte (meine Mutter sagte: «Der nimmt doch bestimmt Drogen!»). Als Erstes kaufte ich mir 200 Motels, die Platte zum Film, die für mich völlig unverständlich war – komische Country-Musik gemischt mit avantgardistischen Orchesterkompositionen. One Size Fits All war eingängiger und der Beginn einer lebenslangen Begeisterung für das viel zu früh verstorbene Musikgenie.

Autoreninfo

Christoph Drösser, geboren 1958, ist Redakteur im Ressort Wissen der Wochenzeitung "Die Zeit". Von 2004 bis 2006 entwickelte er als Chefredakteur das...
mehr über den Autor
Mahavishnu Orchestra, Miles Davis, Steely Dan, Buzzcocks, Talking Heads, Fehlfarben, The Smiths

Mahavishnu Orchestra: Birds of Fire. Auch der Erwerb dieser Platte (wir kauften damals von unserem Taschengeld oft Platten, ohne sie zu kennen, es gab ja kaum die Möglichkeit, sie vorher anzuhören) war eine bewusste Entscheidung, etwas Neues auszuprobie ren. Eine ungemein energiegeladene, wilde Musik zwischen Jazz und Rock, mit krummen Takten und schrägsten Harmonien. Ein paar Jahre lang konnte Musik für mich nicht kompliziert genug sein.

Miles Davis Quintet: Steamin’. Dieser Plattenkauf war das Resultat der Entscheidung, mich für Jazz zu interessieren. Auf der Höhe des Cool Jazz aufgenommen, war diese Aufnahme ziemlich schwer zugänglich, ich konnte anfangs wenig Struktur erkennen, aber der Sound von Davis’ Trompete und John Coltranes Saxo phon eröffneten neue Klangwelten. Heute klingt das alles fast schon konventionell.

Steely Dan: Pretzel Logic. Mein erstes von vielen Alben der Band um Donald Fagen und Walter Becker. Die beiden brachten das Kunststück fertig, ziemlich komplizierte Musik sehr eingängig klingen zu lassen.

Buzzcocks: Singles Going Steady. Die Buzzcocks gehörten zu den melodischeren der britischen Punk-Bands, machten kurze, zweiminütige Popsongs, die sich vor den frühen Beatles nicht verstecken mussten. Für mich die Absage an die überkandidelte Rockmusik, die sich mit ellenlangen Gitarren und Schlagzeugsoli und «künstlerischem» Anspruch ins Abseits manövriert hatte.

Talking Heads: 77. Die Talking Heads gehörten Ende der 70er zu den Bands, die im New Yorker Club CBGB spielten – die amerikanische Variante von Punk und New Wave. Allerdings machte die Band um David Byrne dann eine Menge musikalischer Wandlungen durch, ich habe sie bis zu ihrer Auflösung verfolgt. Byrne wurde dann zum Musik-Intellektuellen, der aber nie wieder zur Kraft der ursprünglichen Talking Heads zurückgefunden hat.

Fehlfarben: "Glut und Asche. Jeder kennt Es geht voran, fast ein Gassenhauer der Neuen Deutschen Welle Anfang der 80er Jahre. Glut und Asche war ihr drittes Album, es war das vorläufige Ende der Band – aber es gibt ein paar wunderschöne, ruhige Songs darauf.

The Smiths: The Queen is Dead. Die Smiths habe ich zusammen mit Bands wie New Order Mitte der 90er für mich entdeckt. Für mich gibt es in jedem Jahrzehnt eine englische Gitarrenband, die auf ihre Weise neue Maßstäbe setzt.

Lloyd Cole & The Commotions, Prince, Massive Attack, Element of Crime, Franz Ferdinand, Jan Delay, James Blake, No Strings Attached

Lloyd Cole and the Commotions: Rattlesnakes. Ein Singer-Songwriter, der seine beste Zeit in den 80er Jahren hatte. Im Jahr 2010 hat er noch einmal eine schöne Platte namens Broken Record gemacht.

Prince: Lovesexy. Ich war frisch in Hamburg, und Prince spielte im St.-Pauli-Stadion. Ich hatte kein Ticket, aber man konnte die Musik auch noch in mehreren Kilometern Entfernung hören.

Massive Attack: Blue Lines. In den 90ern meine Begegnung mit Trip Hop. Die erste Gruppe, bei der ich auch mit Sprechgesang etwas anfangen konnte.

Element of Crime: Romantik. Die Band um den Songschreiber und Schriftsteller Sven Regener («Herr Lehmann») verfolge ich schon seit ihrer ersten Platte 1986, auf der noch englisch gesungen wurde. Eine sehr sparsame Musik mit den unnachahmlich lakonischen Texten von Regener. Eben Romantik.

Franz Ferdinand: You Could Have IT So Much Better. Wenn man älter wird, besteht die Gefahr, dass man sich mit immer gefälligerer Musik umgibt und die lauten Töne meidet. Mir fuhr 2005 die englische Band Franz Ferdinand mit ein paar kräftigen Gitarrenriffs dazwischen.

Jan Delay: Wir Kinder vom Bahnhof Soul. Ich habe mit Hip-Hop nicht viel am Hut, aber es gibt einiges, für das ich mich begeistern kann: Dazu gehören ein paar Sachen von Eminem, und auf Deutsch neben Fettes Brot vor allem Jan Delay. Die Bahnhof Soul-CD ist einfach umwerfend funky.

James Blake: James Blake. Ein ganz frisches Elektronik-Album, sehr kühle Musik, manchmal quälend langsam, teilweise abgefahrene Geräuschcollagen. Mich hat der Song The Wilhelm Scream angefixt, den ich vor ein paar Wochen in einem Podcast gehört habe.

No Strings Attached: No Strings Attached. Kleiner Scherz – das ist das erste und bislang einzige Album meiner eigenen A-Cappella-Band, 2009 veröffentlicht. Aber der Kreis schließt sich: Ich singe darauf eine Version von Led Zeppelins Whole Lotta Love.