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In diesen Tagen kommt es wieder ganz dicke: China ist die Gastnation der Buchmesse in Frankfurt. Und so hören wir viel über Menschenrechtsverletzungen, Repressionen, Raubkopien, unterdrückte Minderheiten, kurz: sämtliche Requisiten des Totalitarismus passieren mal wieder Revue. Manche Kommentator en scheinen allen Ernstes zu glauben, man müsse China erst mal zur westlichen Raison bringen, bevor man das riesige Land ernst neh men dürfe. Christian Y. Schmidt kann da nur staunen, über das, was die westlichen Medien partout sehen wollen und was sie konsequent übersehen. Und Uli Franz? War in einer ganz anderen Mission Richtung Fernost unterwegs ...
Für die flotte Mischung aus ideologischem Auftrag und betörender Ahnungslosigkeit führt er eine Reihe prominenter Beispiele an. Immerhin lebt Schmidt seit fünf Jahren in China – Seit an Seit mit seiner chinesischen Gattin. Der Titanic-Kolumnist behauptet natürlich nicht, dass es sich in China um eine lupenreine Demokratie handele, aber immerhin beobachtet er «die bedeutendsten materiellen Umwälzungen, die die Welt je erlebt hat» – und was das für den Alltag der Menschen bedeutet.
In China passiert während eines einzigen Jahres fünfmal soviel wie in Deutschland, das hat er am eigenen Leib erfahren. Zu dem Blödsinn, den man über China gern kolportiert, gehört die Sache mit dem «l» statt des «r». Tatsächlich rollt der Pekinger das «r» sogar wie ein Siegerländer. Und Schmidt bekennt freimü tig, dass er den Quatsch im Titel seines Buches nur wegen der Verkaufe macht. Im übrigen schwört er, diesen Stumpfsinn künftig zu vermeiden.
Und so ahnt man bald – Christian Y. Schmidt wagt das Unerhörte: Er mag sein chinesisches Leben. Und um das für den Westler verdaulich zu machen, serviert er seine Beobachtungen in fünf Eskalationsstufen, Lektionen genannt: Vorschule, Unter-, Mittel- und Oberstufe – und am Schluss eine Lektion, die gezielt auf das große China-Abitur vorbereitet.
Die Vorschule handelt von Singapur, einer grausamen Gesundheitsdiktatur, in der bis vor kurzem der Oralverkehr noch mit Lebenslänglich bestraft wurde. Hier lebte der Autor zwei Jahre, was ihm ermöglichte, China als einen Hort der Liberalität zu entdecken. Und prompt hören wir von einer Skinhead -Band, die fröhlich rappt: «You are a fucking machine You are working for the fucking government.»
Überhaupt halten sich die Leiden an der Zensur in Grenzen. In Wahrheit gibt es in China fast alles. Und kaum wird ein Buch oder ein Film verboten, legen die Raub kopierer Nachtschichten ein, um für Nachschub zu sorgen. Bei aller Sympathie unterschlägt Schmidt nicht, dass die Chinesen auch jede Menge Macken haben. Dazu zählt etwa die Angewohnheit, das Neujahrsfest zwei Wochen lang in offener Feldschlacht mit Feuerwerkskörpern zu feiern. Dazu zählt auch das ge wöhnungsbedürftige Phänomen, jede Langnase (westliche Ausländer) schenkelklopfend zu begrüßen.
Wir lernen sehr viel über China und die Chinesen. Ähnliches haben wir nie zuvor gehört. Das ist verblüffend, aber auch schreiend komisch. China: – ein gigantisches Spaßpara dies? Wer hätte das gedacht? Nach 200 Seiten steht von unserem China-Bild kein Pixel mehr auf dem anderen. Wir sind freudig verwirrt. Was kostet eigentlich ein Flug nach Peking?
Vielleicht hätte er diese Reise nie gemacht. Vielleicht hätte er dieses Land nie wiedergesehen – wäre es nicht der letzte Wunsch seines Vaters gewesen: Der Sohn solle seine Asche nach Tibet bringen. Für Uli Franz ist es der Anfang eines Abenteuers. Zu Pferde, begleitet von einem kundigen Führer, durchquert er das tibetanische Hochland, passiert hohe Berge und reißende Flüsse – und erreicht bald die sagenumwobende Stadt Lhasa. Immer auf der Hut vor den chinesischen Behörden trifft er schließlich im Kloster Tsurphu ein. Von dort aus klettert er weiter, den Fels hinauf bis zur heiligen Stätte des Buddhismus, wo er die Asche seines Vaters beisetzt.
Eindrucksvoll, äußerst anschaulich und frei von populären Klischees schildert Uli Franz seine Begegnungen mit den Menschen und ihrer Kultur, aber auch seine grandiosen Naturerlebnisse. Der faszinierende Bericht eines Reporters, der über tausend Kilometer durch Tibet reiste – auf dem Dach der Welt.
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Uli Franz
Rowohlt Berlin 288 S.
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