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Christian Ulmen: Für Uwe

© Eva Hillreiner (Illustration); Jens Boldt (Autorenfoto)

Er ist ein Computerfreak, ein Nerd mit Holzfällerhemd und speckigem Bugs-Bunny-Basecap, eine Nervensäge, hart am Rande zum Sozialfall: Uwe Wöllner ist Christian Ulmens Glanzrolle – und eine Figur, die ihrem Autor offenkundig ans Herz gewachsen ist. Nun hat Uwe ein eignes Buch geschrieben, „das ist eine krasse Ehre für mich“. Wer Für Uwe nicht liest, verpasst etwas: einen Antiheldenroman der komischen Art, ein anarchisches Vergnügen. „Der absolute Fremdschämspaß voller absurder Abenteuer!“ (fritz.de)

"Weiß ich jetzt nicht ..."

Christian Ulmen kann sich derzeit über mangelnde Arbeit nicht beklagen: Feuer frei auf allen Kanälen! Spiegel und Bild, Frankfurter Rundschau und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, ARD und ZDF, taz und zitty: überall ist Ulmen-Zeit. Im Kino (in diesem Herbst ist er gleich in drei neuen Spielfilmen zu sehen, u.a. in der Verfilmung von Jan Weilers Erfolgsroman Maria, ihm schmeckt’s nicht), im Radio, im Internet (ulmen.tv) und jetzt auch in den Buchhandlungen. Wer aber derzeit mit dem vielbeschäftigten Künstler und bekennenden Hertha-Fan reden möchte, sollte sich darauf einstellen, dass ihm nicht Christian Ulmen, sondern Uwe Wöllner gegenübersitzt.

So entbehrt es nicht der Komik, im Feuilleton der FAS vom 19. Juli zu verfolgen, wie hilflos und amüsiert zugleich sich FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und sein Kollege Harald Staun an den beiden schrägen Figuren abarbeiten, die zum Interview erschienen sind: Uwe Wöllner und Redakteur Gero Schorch, auch er bestens bekannt von den Uwe-Clips auf ulmen.tv. Dort, wo eine immer größer werdende Fangemeinde Uwes Werdegang vom Kind zum Manne zeigt: in unglaublichen, unsäglichen, absolut großartigen Slapstick-Improvisationen zwischen Puff und Panzer, Speed Dating und Schießtraining, Kickboxen und IQ-Beratung. Die Interviewüberschrift in der FAS bringt die bizarre Begegnung der vier ungleichen Medienprofis wunderbar auf den Punkt: „In Uwe hat die Aufklärung ihr Ende.“ Wow.

Fremdschämen auf höchstem Niveau

Werfen wir noch einen Blick auf Ulmens Fantasiegestalten, die er mit seinem berühmt-brüchtigten Improvisationstalent ins wahre Leben katapultiert hat. Nervensägen (Zitty: „Psychofolter“) sind sie alle, ob der stinkende Prollbarde Knut Hansen mit seinen drittklassigen Witzsongs, das blasiert-aristokratische Arschloch Alexander von Eich oder der infantil-anarchische Uwe Wöllner. Als Ulmen diese Sozialextremisten als Kunstfiguren für sein Real-Life-Experiment Mein neuer Freund bei ProSieben aus dem Hut zauberte, war klar: Die einen würden Uwe & Co lieben, die anderen niedermachen. Und so kam es auch: Mit der Quotenkeule wurde die anarchische Impro-Soap erst aus dem Abendprogramm geprügelt und dann ganz abserviert, was viele vor Wut schäumen ließ: „Wer solche Entscheidungen trifft, hätte auch die Simpsons und Harald Schmidt verhindert und müsste per Staatsvertragsklausel dazu verpflichtet werden, nur noch Klingeltonwerbung zu senden …“ (Nils Minkmar, FAS)

Im Internet findet Ulmen nun die Freiheit, die er für seine Ideen und seinen Arbeitsstil braucht. Mit ulmen.tv (Zweitverwertungsrechte der Clips: MTV und Comedy Central) hat er eine Webplattform geschaffen, die ihrer Zeit weit voraus ist: Kein deutscher Künstler inszeniert sich und seine Arbeit konsequenter im Netz; er hat die marktübliche Verwertungskette durchbrochen, indem er „Internet first“ zum Prinzip erklärte. Andererseits bringt auch nicht jeder das geradezu exzentrische Talent eines Christian Ulmen mit, mit Figuren wie Knut Hansen oder Uwe Wöllner die Welt zu beglücken und gleichzeitig mit erstklassigen Filmangeboten gejagt zu werden, siehe Herr Lehmann, Elementarteilchen, Maria, ihm schmeckt’s nicht oder Männerherzen. Und wie er dort spielt! „Zumindest in Film- und Fernsehrollen hat sich Ulmen vom Enfant terrible der Trash-Glotze zu einem Schauspieler gemausert, der mit reduziertem, sensibel-komischem Spiel in sanften, introvertierten, verhinderten Rollen brilliert.“ (Der Tagesspiegel)

Jetzt spricht Uwe!

Ja, Uwe Wöllner hat ein Buch geschrieben. Okay, ein bisschen hat er sich helfen lassen: von Herrn Schorch, von Leuten im Verlag, auch von Herrn Ulmen, den er irgendwoher kennt. Auf die Idee mit dem Buch sei aber nicht er selbst gekommen, das passiere ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad ganz automatisch. Wer – Zitat Uwe – "einmal seine Fresse in die Kamera gehalten hat, wird garantiert von Verlagsleuten angesprochen“, so sei das eben. Abgesehen davon könnten Boris Becker oder Dieter Bohlen ja auch nicht schreiben und seien doch ganz schön erfolgreich damit . Wer will Uwe da widersprechen!

Diese Lebensgeschichte ist wirklich „voll der Becher“. Uwe Wöllner ist ein Computernerd, ein schräger Vogel, renitent, schwer verpeilt, ein Außenseiter par excellence, der noch mit 30 zu Hause in Hannover-Garbsen lebt, seiner Umwelt schwer auf die Nerven geht und dreimal in der Woche von Mama Milchreis mit Kirschen serviert bekommt. Bis eine tragisch fehlgeleitete Hockeykugel, abgefeuert bei einem Turnier von Niedersachsens Seniorinnen, Mama den Kopf zerschmettert (was uns in den grellsten Tarantino-Schockerfarben ausgemalt wird). Nun nimmt Uwes Leben überraschend eine neue Richtung . Nach einer schwer peinlichen Rede bei Mamas Trauerfeier wird der missratene Sohn nach Berlin verbannt: Sein Vater verschafft ihm eine Einraumwohnung (die im Blitztempo zur Müllkippe wird) und einen Job als Aushilfsbestatter. So viel Pietät muss sein, Six Feet Under lässt grüßen.

Raus aus dem Kinderzimmer, rein ins erwachsene Leben, endlich Kerl werden – wenn das mal so einfach ginge! Wie Uwe in Berlin Anschluss, ja sogar einen Freund findet (den zwölfjährigen Thorsten, der wie eine Elster in Supermärkten klaut, mit seiner Gang wüste Nusslikör-Exzesse abzieht und Uwe für einen „coolen Spasti“ hält), wie er als Aktivist an der Bestattungsfront neue Standards setzt (indem er den „Zurückgebliebenen“, pardon: Hinterbliebenen mitteilt, der tote Papa rieche echt gut, sie selber aber sähen in ihrer Trauer dagegen richtig scheiße aus), vor allem aber, wie er als Liebhaber und frisch gebackener Ehemann der rumänischen Sozialtherapeutin Malina reüssiert, die im Club Jasmin vielen Männern ganz viel Freude macht und so ein nettes Auskommen findet … das muss man einfach lesen!

Falls Sie wissen wollen, wie Christian Ulmen privat so ist – nett ist er. Meistens. Fast immer. Sogar dann, wenn er Leuten gegenübersitzt, die er, bevor er sie kennenlernte, am liebsten an die Wand genagelt hätte: „Als ich vor einiger Zeit (genauer gesagt: zur Zeit von Unter Ulmen bei MTV, d. R.) die Kelly Family in der Sendung hatte, dachte ich auch: ‚Okay, die machst du jetzt mal fertig.’ Und dann kommen die an und sind nett. Redliche Menschen. Die machen Scheißmusik und sehen scheiße aus – aber dann sitzen sie vor mir und ich schaffe es nicht, sie zu zerpflücken.“

Auf Uwe!