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Christian Schüle: Die Bibel irrt

Auch wenn der Buchtitel das vielleicht nahelegt: In Die Bibel irrt wird nicht der streitlustige Atheist mit neuen ketzerischen Einsichten munitionert. Christian Schüle, der als freier Autor u.a. für Die Zeit, National Geographic und mare arbeitet, hat sich an den mutmaßlichen Originalschauplätzen in Ägypten, Israel und Jordanien auf Spurensuche begeben. Wo und warum irrt die Bibel? – das ist die Frage, die ihn bei seinen Forschungen umtreibt. Schüle prüft den Wahrheitsgehalt der sieben berühmtesten Mysterien des Alten Testaments vor dem Hintergrund des aktuellen Wissensstandes in Archäologie, Theologie, Geschichte und Politik.
Sein Fazit: «Längst ist die Bibel über ihre wissenschaftliche Befragung erhaben. Gerade deshalb sollen und müssen Legionen von Forschern den Boden Palästinas auf seinen heiligen Gehalt untersuchen, um die größte Fiktion aller Zeiten am Leben zu erhalten ...»

Die Bibel – eine Collage

Nicht zufällig steht am Anfang die Frage, was denn «Irren» im Zusammenhang mit biblischen Texten überhaupt heißen kann. «Die Bibel irrt im Sinne des Wortes dann, wenn wir unter heutiger Erkenntnis, mit dem Messbesteck archäologischer, geologischer und anthropologischer Erkenntnis sowie der kulturellen Weisheit der Jahrhunderte, über ein Werk urteilen, das nach Einschätzung aller seriösen Bibelhistoriker zwischen dem 8. und dem 2. Jahrhundert vor Christus entstanden ist, wo es weder Kompass noch Satelliten gab, weder Landkarten, Bibliotheken, Radiokarbon-Methoden noch eine Messskala für Erdbeben. Man würde den orientalischen Kulturkreis missverstehen, legte man an ihn Kriterien historisch-kritischer Geschichtsschreibung an. Im Orient wurde und wird Geschichte bis zum heutigen Tag über Geschichten transportiwert – Geschichten, die, um ihre poetische Wirkungskraft zu entfalten, notwendigerweise mit rhetorischen Arabesken und pathetischem Zierrat ornamentiert sind.»

Christian Schüle arbeitet sich in seinem faszinierenden Text quasi von oben nach unten durch: vom biblischen Zentralmythos Sündenfall & Paradies bis zum vielleicht berühmtesten Gegenstand der Menschheitsgeschichte, der Bundeslade mit den Zehn Geboten. Und dies sind die Großmythen zwei bis fünf: Die Sintflut. Sodom und Gomorrha. Moses und der Exodus der Israeliten aus ägyptischer Gefangenschaft. Die Schlacht um Jericho. Und: David und Goliath.

Autoreninfo

Christian Schüle, geboren 1970, studierte Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaften in München und Wien. Er lebt als freier Autor in...
«Die größte Fiktion aller Zeiten»

Was philosophische Tiefe, theologische Aura und epische Wucht angeht, fasziniert die Bibel zeitgenössische Leser nicht weniger als früher. Die Bibel, Gründungsdokument des Judentums und Quelle der christlichen Zivilisation, ist eine Collage, also alles andere als aus einem Guss – das ist wissenschaftlich unbestritten. Während aber die «Maximalisten» mit Hilfe archäologischer Grabungen und exegetischer Finesse die Maxime Die Bibel hat doch recht immer neu zu unterfüttern versuchen, sehen die «Minimalisten» der Kopenhagener Schule im Buch der Bücher «nichts weiter als eine gutmontierte Sammlung ausgedachter Geschichten, die auf keinen nachprüfbaren Tatsachen beruhten. Israel, so meinen sie, sei ein Konzept, erfunden in der hellenistischen Periode des 3. Jahrhunderts vor Christus – eine auch aktuell politisch relevante Ansicht, auf die im Übrigen mancher Palaästinenser im existenziellen Streit mit Israel um den legitimen Besitz des Landes gern zurückgreift.»

Schüles Text ist fokussiert auf das Alte Testament, die sog. Hebräische Bibel («Tenach»), eine Sammlung heiliger Schriften des antiken Judentums (nach offiziellem christlichen Kanon zählen 39 Bücher zum Alten Testament, von den fünf Büchern Mose bis den Büchern der Propheten, entstanden in den Schreibstuben des Tempels). Auch wenn die Autorenschaft der einzelnen Texte unklar ist: Es dürfte bei einer geschätzten Einwohnerzahl von circa 3000 Menschen in Jerusalem und vielleicht fünfzig Schriftkundigen nur ein kleiner Kreis als Urheber in Frage kommen.

Am Beispiel der biblischen Exodus-Erzählung (in ihrer ersten literarischen Fassung vermutlich um 670 vor Christus entstanden) lässt sich Schüles Ansatz demonstrieren. Ob es tatsächlich den mythenumrankten Auszug der Israeliten aus Ägypten gegeben hat, bleibt auch weiterhin im historischen Dunkel. Und doch birgt die Exodus-Erzählung einen relevanten historischen Kern: «Die Legende ist eine Propagandaschrift des theologischen Aufruhrs gegen die Bedrohung durch die assyrische Weltmacht. Die Truppen des assyrischen Königs Sargon II. hatten 722 vor Christus das nördliche Königreich Israel zerstört und die Bevölkerung deportiert. Eine traumatische Erfahrung: Gottes auserwähltes Volk war in Völkchen zerstreut, die Einheit des Gelobten Landes zerschlagen.»

Kein Posaunenschall vor Jericho

Mit dem Niedergang Assyriens hundert Jahre später bot sich in dem entstehenden Machtvakuum in der Levante, dem östlichen Kulturraum des Mittelmeers, die Chance, alle hebräischen Stämme unter dem Dach des Südkönigreichs Juda zu einer Nation zu vereinen. König Josia, so belegt es Schüle, setzte auf nicht weniger als einen revolutionären Akt: «Er dekretiert das Ende von Götzenglauben und Vielgötterei und befiehlt eine Zentralisierung: ein Gott, ein Tempel, ein Kultort, ein Glaube (…)»

Ob wir nach dieser klugen, inspirierenden und unterhaltsamen Reise durch die Mythen und zu den Originalschauplätzen des Alten Testaments wirklich wissen, wo der Garten Eden lag (heißer Tipp: «eine ganz spezielle Bucht im Persischen Golf»), wo sich die Sintflut ereignete (Schwarzes Meer? Persischer Golf?) oder ob der ungleiche Kampf zwischen dem kleinen Hirten David und dem Riesen Goliath stattgefunden hat oder nicht (die Chancen stehen 50:50), ist eine ganz andere Frage.

In einem aber ist sich Christian Schüle ganz sicher: «Es gab keinen Posaunenschall vor Jericho.»

Christian Schüle Rowohlt 256 S.
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