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Chris Mooney: Scream

© Corbis (+ Cover-Schriftzug)

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«In der Mordsache, an der ich gerade arbeite, fesselt der Täter sein Opfer ans Bett und zwingt es, dabei zuzusehen, wie die anderen Mitglieder der Familie abgeschlachtet werden. Dann wählt der Killer Neun-eins-eins, verstellt seine Stimme mit einem Stimmenverzerrer und deponiert eine Bombe am Tatort …» Weshalb der «Sandmann» ganze Familien auf barbarische Weise ermordet und den Ort der Verbrechen dann in Schutt und Asche legt – das ist die Frage, auf die Ex-FBI-Profiler Jack Casey und seine Ermittler lange keine Antwort finden. Bis eine Spur sie direkt in die Hölle auf Erden führt: in eine Forschungsinstitution, in der grausame medizinische Experimente an Jungen im Alter zwischen zwölf und achtzehn Jahren dokumentiert werden, Experimente «im Dienste von Wissenschaft und Verbrechensbekämpfung» …

Chris Mooneys Thrillerdebüt ist hochkomplex, spannend bis zum letzten Umblättern (auf Seite 520!) – und definitiv nichts für schwache Nerven.

Schrei, wenn du kannst …

… es wird dir nichts nützen: Das schießt Larry Roth durch den Kopf, als er wach wird und das charakteristische Geräusch hört: klack-klack, Metall auf Metall. Er ist mit Handschellen ans Bett gefesselt, seine Augen sind verbunden, sein Mund mit grauem Plastikband verklebt. Sein Herz fängt an zu rasen. Panik steigt hoch, die zu schierem Entsetzen wird, als er das Skalpell in der Hand des Fremden sieht … Als Jack Casey, vom Notruf alarmiert, im Haus der Familie Roth im wohlhabenden Marblehead an der North Shore vor Boston eintrifft, bietet sich ihm ein Bild des Grauens: Gegenüber dem Metallbett, auf dem der Psychiater Dr. Roth angekettet liegt, lehnen die Zwillinge, zwei Jungen in kurzen Hosen und T-Shirts, und ihre Mutter, an der Wand; ihre Arme und Beine sind mit Stricken gefesselt, das Blut aus ihren aufgeschlitzten Kehlen hat ihre Körper rot gefärbt. Und nur noch wenige Augenblicke, bis eine Bombe von ungeheurer Detonationskraft hochgeht …

Als Jack Casey diesen blutigen Albtraum erlebt, schlägt die Macht der Erinnerung wie eine Flutwelle über ihm zusammen. Die Erinnerung an den schrecklichsten Moment seines Lebens, als ihm dasselbe widerfuhr wie Dr. Roth: Hilflos hatte der FBI-Mann mit ansehen müssen, wie Miles Hamilton, ein 19-jähriger Psychopath, seine im vierten Monat schwangere Frau Amanda mit dem Skalpell attackierte und verbluten ließ. Keine Nacht und kein Tag seither, an dem Casey nicht an die Exekution seiner Familie durch den «All-American Psycho» dachte. Sein Leben zerbarst nach diesem Horror in Stücke: Einweisung in die psychiatrische Klinik Ocean Point in New Canaan, Connecticut. Alkohol, Wutattacken, Depression, Therapie. Suspendierung durch seinen Arbeitgeber nach zwei «handgreiflichen Vorfällen». Ein neues Leben als Schreiner in Colorado. Bis der Anruf kam, der aus ihm das wieder machte, was er im tiefsten Inneren immer war und sein wollte: Polizist.

Mit besten Grüßen vom Sandmann

Wenige Wochen später werden Patrick und Veronica Dolan und ihr dreizehnjähriger Sohn Alex in ihrem Haus im Neck, einem exklusiven Villenviertel unweit von Boston, umgebracht. Gleiches Muster, gleiche Handschrift, nur eines ist anders: Die in einem Laptop versteckte immense Sprengladung aus Semtex H, einem in Russland hergestellten Plastiksprengstoff, detoniert nicht. Bob Burke, Vietnam-erfahrener Chef der Spezialtruppe für Sprengstoffeinsätze, macht eine überraschende Entdeckung: Die Munition kommt ebenso wie die bei den Roth’ verwendete aus einem FBI-Forschungsinstitut in La Jolla – das kurz darauf nach einem Anschlag dem Erdboden gleichgemacht wird.

Als Jack Casey den Anruf entgegennimmt, weiß er sofort, das der Schrecken von einst wieder aufleben wird. Der Mörder der Roth’ und Dolans – der Sandmann, «das Monster, das ganze Familien im Schlaf auslöscht» – verlangt von ihm, sich aus allen Ermittlungen zurückzuziehen. Andernfalls werde er Caseys Freundin, die Fotografin Taylor Burton, und deren Nichte Rachel, vor seinen Augen umbringen. Casey ermittelt weiter – und der «Sandmann» stellt auf perfide Art unter Beweis, dass er seine Drohung wahrzumachen gedenkt …

Es dauert quälend lange, bis Casey endlich ein Motiv für den tödlichen Feldzug des Gabriel LaRouche findet. Gabriel war einer der Jungen, die im Graves Resozialisations-Center, einem Kinderheim in der Nähe von Harvard, Massachusetts, dem Behavioral Modification Program ausgesetzt waren: ein Programm, das die Möglichkeiten zur Korrektur abweichenden sozialen Verhaltens untersuchte und die minderjährigen Probanden als Versuchskaninchen für Elektroschocks, Neuroleptika, Betablocker und andere Psychopharmaka im Versuchsstadium missbrauchte – für den FBI angewandte Verhaltensforschung an potentiellen zukünftigen Serienmördern, für die internierten Kinder ein Ort des Schreckens, die Hölle auf Erden. Das ist genau as von Casey gesuchte missing link: Dr. Larry Roth war Psychiater in Graves, Veronica Dolan als psychiatrische Krankenschwester für die Ruhigstellung der Patienten zuständig …

Wie in Dantes Inferno

Die Jagd auf den «Sandmann» wird für Casey zum Höllentrip. Denn LaRouche weiß um die dunkle Seite des Polizisten: Casey hatte den berüchtigten Kinderquäler und Kinderschänder Charles Slavitt mit einem Hammer erschlagen. Aber auch Alan Lynch, Direktor der Investigation Support Unit des FBI und Mastermind hinter dem barbarischen Umeriehungsprojekt, scheint entschlossen, den unbequemen Ermittler aus dem Weg zu räumen; weshalb sonst sollte er den Killer Victor Dragos auf ihn ansetzen?

In Scream malt Chris Mooney Bilder von infernalischem Schrecken: von grausam gequälten Menschen, von Kindern, denen alles geraubt wurde, was sie haben: ihre Unbekümmertheit, ihre Unschuld, ihre Lebenslust, ihren Lebensmut. Kinder, zu Tode gequält oder «im Dienste der Wissenschaft» zu körperlichen und seelischen Wracks gemacht. Eines dieser Kinder, das die Torturen überlebte, kehrte den Spieß um und brach zu einem Rachefeldzug auf – der Junge, der zum Monster wurde, der «Sandmann» …