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Ein Roman, der ausschließlich im Altersheim spielt? Das kann doch eigentlich nur schiefgehen! Tut es aber bei Camille de Peretti nicht, ganz im Gegenteil. «Camille de Peretti gelingt ein zarter und boshafter Blick auf einen pittoresken, wunderbaren Sonntag. Man möchte auf keine Stunde, keine Seite verzichten.» (Le Figaro) «Was ins Rührselige oder Zynische hätte abkippen können, ist hier mit einem echten Gespür für Figurenprofile, spitze Wortwechsel und innere Monologe der Einsamkeit ausbalanciert. (...) Auf diese Autorin wird man achten müssen.» (FAZ)
Alles beginnt um 9 Uhr am «Empfang» der Pariser Seniorenresidenz Les Bégonias, an einem Oktobersonntag des Jahres 2005: Ein Ehepaar fragt nach einem Heimplatz für die lästig gewordene alte Mutter und Schwiegermutter. Und dann geht es, Szene um Szene, im Viertelstundentakt und in 64 Kapiteln von Raum zu Raum – in den Aufenthaltsraum, den Speisesaal, die Zimmer der Heimbewohner, in Abstellkammer, Medikamentenraum, Schwesternzimmer, Kapelle und Innenhof.
Jedes Mal werden wir Zeuge einer kurzen Szene, und trotz des engen Korsetts dieses strengen Bauplans entfaltet sich nach und nach eine verblüffend komplexe Welt. Denn Pedretti gelingt es, mit knappsten Mitteln Porträts von Menschen und Orten zu zeichnen; ja, sie entwirft in wenigen Worten ganze Lebensschicksale, die diesen zufälligen Oktobertag im Pariser «Luxus-Sterbehaus» bis tief in die Vergangenheiten der Romangestalten verlängern. Das Heim wird zum Narrenschiff vom Leben gebeutelter Menschen.
Da ist die souveräne, geistig präsente Uralte; die von Albträumen geplagte Kioskbesitzerin, die tückische Pfarrerswitwe, die manisch-depressive ehemalige Staatsanwältin; der selbst ernannte Kapitän Dreyfus; der fröhliche Robert und und und …
Über ihnen wachen der beziehungsunfähige Heimleiter; die liebesbedürftige Krankenschwester Christiane; die wunderbare Hilfspflegerin Josy aus Gouadeloupe, die selbst mit den Schwierigsten gut klarkommt: «Ja, du hast Durst, du hast Hunger, du musst Pipi, irgendwas ist bei dir immer. Ich kenn dich, Nini, du übertreibst, du bist ein Gedicht aus Übertreibung.» Und weil Sonntag Besuchertag ist, kommen ein rührend besorgter Ehemann, ein verlegener Sohn, eine Enkelin mit schlechtem Gewissen …
Es wird getratscht, gegiftet, getröstet und gestorben in Les Bégonias; es gibt kläglichen Sex und sogar eine rührende Liebesgeschichte. Und seltsamerweise möchte man diese Begonienresidenz am Ende nicht auf schnellstem Wege hinter sich lassen, sondern am liebsten noch ein bisschen durchs Schlüsselloch gucken.
(Vorabdruck aus: Rowohlt Revue 91, Autorin: Christel Dormagen)