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Erinnern Sie sich noch an das Buch mit dem schrägen Titel Grüezi Gummihälse!? Dort hat der Schweizer Journalist Bruno Ziauddin auf so kluge wie amüsante Weise dargelegt, weshalb die Deutschen seinen Landsleuten manchmal schwer auf die Nerven gehen. In seinem neuen Buch erzählt er, wie er nach dem Tod des Vaters in ein entlegenes Dorf an der Südspitze Indiens fährt: eine Reise, die vieles in seinem Leben in ein anderes Licht rücken sollte. Er lernt seine weit verzweigte Verwandtschaft kennen (fünf Tanten, 34 Cousins), stößt auf einen bis dahin unbekannten Großvater, darf sich 81facher Onkel zweiten Grades nennen und wird, simsalabim, von Bruno zu Burno. Curry-Connection – die Spurensuche eines Multikultikindes in Zeiten der Globalisierung.
Dabei verfügt Bruno Ziauddin auch so schon über eine buntscheckige Familie; die Eckdaten: «Schweizer Mutter (katholisch), indischer Vater (gebürtiger Moslem), französische Großmutter (katholisch), britisch-schweizerischer Doppelbürger, in Zürich aufgewachsen.» Als er nach dem Tod seines Vaters dessen Unterlagen durchblättert, erfährt er viel Neues – und wird doch mit mehr Fragen als Antworten zurückgelassen. Wie war es möglich, dass ein Junge aus einem bitterarmen Kaff in Tamil Nadu es an eine englische Elite-Uni schafft, sich dort als Ingenieur promoviert, eine Schweizerin heiratet und in seiner neuen Heimat (über schmerzhafte Umwege!) zu einem kultivierten Vorzeigebürger wird, der seine Herkunft wie einen Handschuh abgestreift zu haben scheint?
Dass die emotionale (und monetäre!) Bindung an «die arme indische Verwandtschaft» viel inniger war, das erfährt Bruno Ziauddin auf dieser absurden, schrägen, aufreibenden und berührenden Reise in das Dorf Srivaikuntam, siebzig Kilometer vom Südkap Indiens entfernt, wo Arabisches Meer, Golf von Bengalen und Indischer Ozean sich treffen. Auf den ersten Blick wollte «Zia», sein Vater, Vater nur eines sein: ein «kultivierter» Westeuropäer. «‹Kultiviert› war ohnehin ein wichtiges Wort im Vokabular des Vaters. Eine Art Gütezeichen für alles, was seinem gestrengen abendländischen Wertesystem genügte, vor dem sich Humboldt, Knigge und Queen Victoria gemeinsam verneigt hatten. Er war für Bach und gegen die Beatles, für Krawatten und gegen lange Haare, für Schach und gegen Fußball, für die Herald Tribune und gegen Privatfernsehen. Indien, so schien es mir damals, spielte in seinem Leben nahezu keine Rolle, und indisch an ihm dünkte mich höchstens seine dunkle Haut und die Vorliebe für infernalisch scharfe Currys.»
Auf die Nachricht vom Tod seines Vaters kamen gleich stapelweise Briefe aus Indien, und alle klangen sie ziemlich ähnlich– etwa so: «Meine Augen halten nicht genug Tränen, um zu zeigen den Schmerz. In Liebe, Ummul» oder so: «Nicht Länder weder Entfernungen können unsere Liebe je trennen», vor allem aber so: «Lieber Bruno, ich bin deine Tante. Die vierte Schwester deines Vaters. Bitte sofort nach Indien kommen.» Und so brechen Ziauddin und seine Freundin Silvia schließlich in die Ferne auf, nach Srivaikuntam.
Wer seine Erstbegegnung mit dem indischen Subkontinent noch vor sich hat, wird in Curry-Connection ein ungeschminktes, facettenreiches Bild von dem bekommen, was Indien als multiethnischer Staat mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern, seinen großen Religionen, den schreienden Gegensätzen zwischen Arm und Reich, seinen Millionenstädten («wie eine Kombination aus Karnevalsumzug und Bürgerkrieg») und seiner berückend schönen Landschaften zu bieten hat – nicht zu vergessen das Tohuwabohu, das Fahrten in Bussen, Bahnen oder Rikschas zu unvergesslichen Erinnerungen machen. «Rikschas zum Beispiel eignen sich vortrefflich für Menschen mit einem Interesse an Nahtoderfahrungen …»
Für Bruno (den bald alle der Einfachheit halber Burno nannten) und Silvia bedeutete die familiäre Umklammerung vor allem eines: essen, essen, essen. Außedem: Verwandtenbesuche machen. Immer neue Cousins und Cousinen kennenlernen. Sich Namen und Gesichter einprägen. Auf harten Plastikstühlen sitzen. Die immer gleichen Ermahnungen über sich ergehen lassen, die in dem Mantra kulminierten: «Next time baby!» Aber wer wie Burno, pardon: Bruno Ziauddin eine Mission verfolgt, der ist hart im Nehmen.
Immer bleibt er seinem fremden Vater auf den Fersen; er will endlich wissen, wer sein Vater war, wie er zu dem wurde, was er war. Er sucht dessen Spuren in Zürich und London (wo er am Imperial College 1953 seinen Doktortitel gemacht hatte), in Madras (Loyola College) und Srivaikuntam, in Accra, der Hauptstadt Ghanas, und in Palayamkottai (St. Xavier’s College). Auch wenn ihm sein Vater in manchen Facetten seiner Persönlichkeit fremd bleibt, eines weiß Ziauddin sicher: Sein Vater war ein außergewöhnlicher Mensch, «eine singuläre Erscheinung. Die Hautfarbe eines Afrikaners, die Lebhaftgkeit eines Griechen, den Pedantismus eines preußischen Beamten, die Pfeife einen englischen Landadligen und das Béret eines provenzalischen Pétanquespielers.»
Dass die Schweiz nicht eben als fremdenfreundliches Land gilt, ist bekannt. Das musste auch Ziauddin Senior am eigenen Leib erfahren. Eine Einbürgerung war üblich, wenn der Kandidat zwölf Jahre ununterbrochen in der Alpenrepublik gelebt hatte – es sei denn, er stammte aus einem – Zitat – «kulturfremden Gebiet», und Indien war für Schweizer Beamte krass «kulturfremd». Also musste man als Möchtegernschweizer seine Eignung durch den glaubhaften Nachweis seiner Westtauglichkeit erbringen – welche Demütigung für einen Mann wie ihn! «Mit anderen Worten:
Der promovierte Ingenieur, britische Staatsbürger, Beethovenkenner, Kipling-Bewunderer, Messdiener, SWR2-Hörer, Leserbriefschreiber und Leberknödelliebhaber, der in der Straßenbahn die Jugendlichen aufforderte, die Füe von den Sitzen zu nehmen, sich bei Temperaturen von über 25 Grad über die Sauhitze beschwerte, mehr als die Hälfte seines Lebens in Europa verbracht hatte und seit fünfzehn Jahren mit einer Einheimischen verheiratete war, dieser damals fünfzigjährige Mann musste beweisen, dass er kein Neger war. Dass er mit einer Gabel umzugehen wusste, sich eine Krawatte umbinden konnte, die Sonntagsruhe beachtete, nichts mit Polygamie zu schaffen hatte, die freiheitlich-demokratische Staatsordnung einem Kalifat vorzog, regelmäßig duschte und sich im Schrebergarten keinen Elefanten hielt …»