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Medien-Mönch, Online-Pater, «Headhunter Gottes»: Kein Zufall, dass gerade Bruder Paulus zu einem der bekanntesten deutschen Ordensmänner wurde. Ein charismatischer Streiter für den Glauben, der auf seiner Homepage fünf Jahre lang die morgendliche Top-Schlagzeile der BILD-Zeitung kommentierte, der eine eigene Fernsehsendung besaß, bei Harald Schmidt auftrat und einem großen Publikum durch zahllose Vorträge und Veröffentlichungen bekannt wurde. Sein neues Buch Das Leben findet jetzt statt! lädt zu einem faszinierenden Rundgang durch ein modernes Kloster ein. Und ist doch viel mehr, nämlich ein Plädoyer wider unsere moderne «Vertröstungsgesellschaft».
Modernes Klosterleben ist so ganz anders, als man es als Leser von Umberto Ecos Der Name der Rose oder anderen Historienschmökern vermuten könnte. Das Leben eines Franziskanermönchs wird nur der führen können, der von einem starken Willen und einer bedingungslosen Gottesliebe getragen wird. Eigentumslosigkeit, Gehorsam, keusche Ehelosigkeit – auf diesen Pfeilern beruht die Gemeinschaft der Kapuziner seit den Zeiten des Ordensgründers Franz von Assisi, des heiligen Franziskus, im 13. Jahrhundert.
Gottes Wege mögen unergründlich sein, der von Bruder Paulus aber erscheint von bemerkenswerter, geradezu schnörkelloser Konsequenz. Direkt nach dem Abitur am Gymnasium Remigianum in Borken trat Bernd Terwitte den Kapuzinern bei, wählte sich den Ordensnamen Paulus, ein Name, der für ihn Willensstärke und Tatkraft symbolisiert: vom Christenverfolger Saulus zum Christen Paulus Der 1985 in Münster ordinierte Priester leitete das Kloster zum Mitleben in Stühlingen, gründete die Kapuzinerniederlassung in Gera, bevor ihn die Ordensleitung 1998 als Guardian («Wächter») in das Kapuzinerkloster Liebfrauen in Frankfurt/M. berief, nur einen Steinwurf vom Hochhaus der Commerzbank entfernt.
Seit Februar 2006 leitet Bruder Paulus das Kapuzinerkloster Dieburg bei Darmstadt als neues Zentrum für Berufungspastoral der Kapuziner. Dort geht es um Nachwuchswerbung für seinen kleinen Orden (1978: 550, 2006: 200 Ordensbrüder; Durchschnittalter: 68 Jahre) – das Kloster als Assessment-Center. «Ich bin der Headhunter Gottes», so hat er in einem Interview mit der ZEIT seine Aufgabe umrissen. «Ich rede mit jungen Leuten, die vielleicht Geschäftsführer einer Bank werden wollen, ob es nicht besser wäre, sie würden das Geld für Schulen in Indonesien oder in Mexiko verwalten. Ich werbe um die besten Männer in Deutschland. Ich will die Männer, die eigentlich gern von erfolgreichen Männern geheiratet worden wären. Die will ich fragen, ob sie nicht eigentlich von Gott bestimmt sind, diesen Weg zu gehen.»
So klingt Selbstbewusstsein. Der 49jährige Westfale ist ein ernsthafter, kluger, sprachmächtiger Mann, der seine Ansichten mit Emphase vorträgt. Sein jetzt bei Rowohlt erschienenes Buch trägt, wie es sich für diesen Mann gehört, einen kämpferischen Untertitel: Ein Anschlag auf die Vertröstungsgesellschaft, eine Streitschrift wider die Unzufriedenheit als oberste Lebensmaxime. Aufgebaut ist es wie ein Rundgang durch ein Kloster, 19 Kapitel, 19 Stationen: Klosteranlage, Klosterpforte, Sprechzimmer, Klosterkirche, Chorraum, Klosterküche, Refektorium, Klosterzelle I und II, Zellengang, Klostergarten, Waschküche, Bad, Vorratsraum, Ökonomie, Beichtstuhl, Gästezimmer, Krankenzimmer, Armenstube.
In seiner plastischen, lebendigen Sprache versteht es Bruder Paulus, das alltägliche, auf Gebet und Meditation, Stille und seelsorgerische Aktivität gerichtete Leben seines Klosters erfahrbar zu machen, das im Gegensatz zu manch mächtigem, prächtigem Benediktinerkloster absolut karg, schlicht und prosaisch wirkt – und gerade deshalb für die Ordensbrüder den Schutzraum für ihre spirituelle Gemeinschaft und die Nähe zu Gott bietet. Schlichte Architektur, unaufwendige Ästhetik – «unser Kloster ist die Welt.»
«Dieses Kloster hier kann und will sich nicht selbst versorgen. Es ist angewiesen auf das, was die Leute bringen: Brot, Gartenerträge, Farbe, Zeit zur freiwilligen Mitarbeit und auch Geld. Das ist das Geheimnis der Stärke des franziskanischen Lebens: Wir haben eine Lebensform gewählt, die auf Unterstützung ausgerichtet ist. Wir brauchen unsere Nachbarn. Wir sind von unseren Mitmenschen abhängig. Und wir sagen es ihnen auch.»
Passend zu den 19 Stationen des Klosterrundgangs verhandelt Bruder Paulus mit leidenschaftlicher Strenge die Themen unserer Zeit: Gier und Geiz, Mitleid- und Distanzlosigkeit, Übersexualisierung, Fitnesswahn, Fastfood,«Tonterror» (Alltagsgeschwätz, Musikberieselung), Verdrängung von Krankheit und Tod.
Seine Botschaft, die Essenz franziskanischen Denkens und Glaubens, findet sich im Epilog in konzentrierter Form: «Wer meint, es könne noch besser kommen, und wen das Gute deswegen nie zufrieden stellt, ist gefährlich dumm. (…) Das Leben fängt heute an. Wir sind wie Wasser: Wenn es steht, weil es sich für morgen aufbewahren will, wird es faul. (…) Vom Geben ist noch einer arm geworden. Erst wer gibt, wird empfangen. Nur wer heute lebt, baut an einem Morgen mit, das keine Traumfabrik ist, sondern eine Welt, in der alle gern im Heute leben.»