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Millionen Menschen leiden unter Depressionen, Angstzuständen, Ess- oder Schlafstörungen. Borwin Bandelow, Professor an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen, prüft in seinem Buch Wenn die Seele leidet Ursachen und Therapien der häufigsten seelischen Erkrankungen.
Ein Fußballtorhüter wirft sich vor den Zug. Schülerinnen stopfen kiloweise Cheeseburger und Marzipantorte in sich hinein und erbrechen anschließend alles auf der Toilette. Ein 50-jähriger Maurer kann seine Wohnung nicht verlassen, ehe er genau sieben Mal kontrolliert hat, ob der Gasherd abgestellt ist. Eine Bank-Azubi fliegt, weil sie immer wieder zu spät, übermüdet und schließlich gar nicht mehr zur Arbeit erscheint. Der Grund: Sieben Tage die Woche sitzt sie bis morgens um vier vor ihrem Computer und spielt Die Siedler.
Sie sind verrückt, hätte man früher dazu gesagt. Heute weiß man: Ihre Seele leidet. Und ihre Krankheit belastet sie nicht weniger als andere eine Nierenkolik, eine schwere Grippe oder eine Mittelohrentzündung. Dazu kommt: Sie werden oft mit ihren Problemen alleingelassen. Denn wenn auch in Deutschland das Verständnis für psychiatrische Krankheiten in den letzten Jahren zugenommen hat, weiß man doch immer noch viel zu wenig über die Gründe ihrer Entstehung und die verschiedenen Wege, sie zu behandeln.
Hier setzt das Buch von Borwin Bandelow an. In einer verständlichen Sprache, angereichert mit zahlreichen Fallbeispielen aus seiner Praxis, erklärt der erfahrene Psychiater, wie es zu Borderline-Störungen, Schizophrenie oder Demenz kommt. Welche Vorgänge im Gehirn sind verantwortlich, wenn jemand an Elektrosmog zu ersticken glaubt? Was passiert, wenn jemand gar nicht mehr von seinen Joints loskommt? Welchen Kick erlebt die Gattin des Stadtverordneten, wenn sie im Supermarkt heimlich einen billigen Lippenstift einsteckt?
Anschaulich beschreibt der Autor das Zusammenspiel von Rezeptoren, Synapsen und Neurotransmittern im «Kabelsalat» des Gehirns – und er hat gute Nachrichten: Es gibt mittlerweile für fast alle psychischen Erkrankungen nachgewiesen wirksame Behandlungsformen. Freilich muss man sie erstmal finden. Denn so breit wie das Spektrum der Krankheiten, so unübersichtlich ist das Angebot an – wirklicher oder vermeintlicher – Hilfe: Medikamente, psychiatrische Therapien, elektrische Methoden...
Bezogen auf jede Krankheitsform gibt er einen Überblick, was sich bisher als nützlich, sinnlos oder gar kontraproduktiv erwiesen hat, und erläutert auch die Kriterien, anhand derer die Wirksamkeit überprüft wird. Er listet mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten auf, stellt Fragebögen vor, anhand derer der Leser und die Leserin eine mögliche eigene Gefährdung erkennen kann und übersetzt schließlich auch das einschlägige Fachchinesisch der Wissenschaft.
Erfreulicherweise gibt es heute viele Psychiater, die vom Olymp der Halbgötter in Weiß herabgestiegen sind und den Dialog mit den Patienten und der Öffentlichkeit suchen. Borwin Bandelow ist einer der besten von ihnen. Sein Werk hat das Zeug, zum psychiatrischen Handbuch für jeden Haushalt zu werden.
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Gunter Hauser)