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Boris Meyn: Kontamination

© iStockphoto.com; picture-alliance

Nahe der alten Dynamitfabrik Nobel an der Elbe wird eine Leiche gefunden. Inger Oswald, der Tote, war Heimatforscher und Vater einer an Leukämie verstorbenen Tochter. Er war ein unbequemer Mann – und einer brisanten Sache auf der Spur. Bei seinen Nachforschungen stürzt Kommissar Gero Herbst von der Polizeidirektion Ratzeburg bald auf unter den Teppich gekehrten Dreck aus sechs Jahrzehnten: immer noch sehr geheim, immer noch tödlich. Und er erfährt von einem Amerikaner, der im Frühjahr 1945 mit dem Fallschirm über Feindesland absprang, einen Geigerzähler und eine strategische Mission im Kopf …
Wir haben mit Boris Meyn über seinen neuen Kriminalroman gesprochen, dessen Aktualität angesichts von Fukushima beinahe obszön wirkt.

DAS INTERVIEW

In der Region um Geesthacht dürfte Ihr neues Buch für Furore sorgen. Pulverfass Deutschlands (u.a. mit der Sprengstofffabrik von Alfred Nobel), Kriegswaffenproduktion im 3. Reich, Atomforschungszentrum GKSS, Leukämie-Cluster Elbmarsch, AKW Krümmel (mit seinen Dutzenden von Störfällen), Anti-Atomkraft-Protest, es gibt kaum ein heißes Thema, das Sie nicht angepackt haben. Erwarten Sie heftige Reaktionen? Die politischen Fronten laufen dort ja bekanntlich oft mitten durch Familien und Freundschaften ...
Nicht nur in der Geesthachter Region, wie ich hoffe. Asse, Jülich, Cadarache, Tschernobyl – um nur ein paar weitere Standorte zu nennen. Informationen dazu sind jedermann zugänglich, oder eben auch nicht. Ich habe sie nur ein wenig «verdichtet», auch um das Interesse an den Ungereimtheiten zu schüren und vielleicht eine breitere Öffentlichkeit zu informieren. Der Informationsstand in der nicht akut betroffenen Bevölkerung ist erschreckend. Beispiel Gorleben: Mit dem geplanten Endlager assoziiert die Mehrzahl in Salzstöcken eingelagerte Castoren. Dass die strahlenden Dinger unter Zelten und Wellblechhütten auf der Wiese stehen, ist nur einer Minderheit bekannt. Diese Informationspolitik ist politisch natürlich willkommen, wenn nicht sogar gewollt, denn anderenfalls würden sich mehr Menschen mit den Demonstranten und Protestlern identifizieren etc. Von daher freue ich mich auf jede noch so kontroverse Diskussion, so lange sie sachlich geführt wird.

Als das verheerende Unheil über Japan hereinbrach mit Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe – ist Ihnen da nicht durch den Kopf geschossen, dass Sie noch nie ein auch nur annähernd brisantes Thema bearbeitet haben?
Es ist natürlich ein makabrer Zufall. Buchcover und Titel standen ja bereits vor einem Jahr fest, und die Zeitebene der Gegenwart spielt im Jahr 2009. Noch makabrer ist der Umstand, dass ich 2009 bei einem Gespräch mit dem Verlag über geplante Werbemaßnahmen die Frage stellte, ob der Titel denn als Bestseller beworben würde, wenn zeitgleich ein Atomkraftwerk in die Luft fliegen würde ... Was bleibt, ist ein bitterer Beigeschmack.

Autoreninfo

Jahrgang 1961, ist promovierter Kunst- und Bauhistoriker. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur Hamburger Architektur- und...
mehr über den Autor
Rätsel der Vergangenheit

Sie müssen für die Recherchen zu Kontamination lange in Archiven gesessen haben. Eine der spannendsten Geschichten Ihres Romans rekonstruiert die selektive Bombardierungspolitik der Alliierten in den letzten Kriegsmonaten und die überstürzte Demontage von Produktionsanlagen in Düneberg durch die Engländer. Haben Sie in den Archiven Antworten auf einige Rätsel der Vergangenheit gefunden?
Aus wissenschaftlicher Sicht bleiben es Vermutungen, da die entsprechenden militärhistorischen Archive der ehemaligen Alliierten nach wie vor nicht zugänglich sind. Ich hatte jedoch einige verlässliche Informanten, die mich mit (gesprochenem) Material versorgt haben. Das ist ein sehr heikles Thema. Waffengeschäfte sind, auch heute noch, von Politik und Regierungen – egal in welchem Land – kaum zu kontrollieren. Ich gehöre keiner Weltverschwörungs-Gemeinde an, ich bin Romanautor ... Zu meinen Schilderungen im Buch mag sich jeder denken, was er glaubt.

Gab es ein historisches Vorbild für jenen «Steward Jackson» in Ihrem Roman, den britischen Offizier, der ohne das Glück, eine Deutsche wie die wunderbare Martha Oswald zu treffen, vermutlich an seinem Geheimauftrag auf dem Gelände der Munitionsfabriken gescheitert wäre?
Der über Büchen gerammte und abgestürzte Bomber ist Realität. «Fliegende Festungen» hatten in der Regel zehn Besatzungsmitglieder. Der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten. Im Wrack fand man acht tote Personen, die später auf dem Büchener Friedhof beerdigt wurden. Fehlt ein Besatzungsmitglied. Das ist der Moment, wo ich als Krimiautor wach werde – Person, Auftrag und Geschichte des Steward Jackson sind hingegen rein fiktiv.

Für die Leser von Kontamination ist nicht leicht auszumachen, wo die Grenzen zwischen historisch gesicherten Fakten und Fiktion laufen. Wie groß war die Versuchung, im Sinne einer spektakulären Aufladung des Plots die offenen Fragen zu beantworten, speziell die nach mit Nuklearsprengstoff bestückten deutschen «Vergeltungswaffen» und nach dem Unfall auf dem GKSS-Gelände vom 12.9.1986?
In meinen historischen Hamburg-Romanen klärt darüber stets ein Epilog auf. Darauf habe ich bei diesem Buch bewusst verzichtet, denn unter Wissenschaftlern wird das Thema immer noch kontrovers diskutiert, und eine realistische Gesamtdarstellung der Forschung hätte wohl den Rahmen eines Epilogs gesprengt. Bei der Verknüpfung von Realität und Fiktion kann es natürlich nicht sein, dass reelle Personen für einen fiktiven Mord zur Verantwortung gezogen werden, von daher müssen Realität und Fiktion bei der Lösung des Kriminalfalls getrennt bleiben – anderenfalls würde ein solches Buch schnell Juristen auf den Plan rufen. Es bleibt also eine Gratwanderung und ein Spagat zwischen Aktualität und Fiktion. Vieles wäre denkbar, so manches könnte sein ... Anderes ist ziemlich sicher. Dafür gibt es Zeitzeugen, die verständlicherweise nicht genannt werden möchten, und Ergebnisse empirischer Forschung. Die Existenz der PAC-Kügelchen ist unbestreitbar. Ihre Zusammensetzung ist belegt, die Methode ihrer Herstellung ist eindeutig. Wäre es ein harmloses Produkt zur Futtermittelherstellung, dann wären die Vorgänge im September 1986 längst aufgeklärt.

Schauen wir mal, Kommissar Herbst …

Sie schreiben «klassische historische Romane», Der Tote im Fleet etwa oder Die rote Stadt, die in Hamburg um die Mitte des 19. Jahrhunderts spielen, und daneben Romane, die mit mehr als einem Bein in der Gegenwart stehen. Muss man sich den Autor Boris Meyn wie einen Zeitreisenden vorstellen, der vormittags im 19. Jahrhundert und in der nachmittäglichen Schreibsession unterwegs ist?
Nein, die Bücher unterliegen einer strikten Trennung – sowohl bei der Recherche, als auch beim Schreiben. In der Hinsicht arbeite ich sehr diszipliniert. Ausgenommen sind da Beobachtungen im alltäglichen Leben. Als Autor gewöhnt man sich an, interessante Dinge, Charaktere und Figuren gedanklich zu speichern, um sie bei Bedarf abzurufen und einzubinden.

Letzte Frage: Werden Kriminalkommissar Gero Herbst und sein Ratzeburger Team weiter ermitteln?
Im November erscheint Totenwall – der sechste Roman aus der Bischop-Reihe. Danach schauen wir mal ...