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Birand Bingül: Der Hodscha und die Piepenkötter

© Milena Djuranovic (Illustr.)

Hat Allah Humor? Schätzt er es, wenn sein Prediger heimlich Bruce Springsteen hört und ausgerech­net mit einem Fußballspiel den Bau einer Moschee voranbringen will? Birand Bingüls Allah jedenfalls hat Verständnis für die unfrommen Versuche seines lokalen Vertreters, sich das Leben zu erleichtern. In Bingüls Kleinstadt-Komödie Der Hodscha und die Piepenkötter plaudert Gott mit Nuri, dem neuen Vorstand der türkischen Gemeinde, locker über dessen Probleme, Schwächen und fragwürdigen Gemeinheiten, denn Nuri Hodscha will ja nur das Beste: ein würdiges Gotteshaus in einer Kleinstadt, die eigentlich findet, dass der Moslem mit dem rußigen Hinterhofschuppen einer Spedition bereits einen völlig angemessenen Ort zum Predigen hat.

Hodschas Gegenspielerin, die CDU-Bürgermeisterin Ursel Piepenkötter, die kurz vor ihrer Wiederwahl steht, muss sich nicht mit ihrem Gott, sondern mit den Profilneurotikern der Lokalpolitik besprechen. Und die haben – anders als Allah – gar keinen Humor, denn sie sind Nazis, Lokalreporter oder Mitglieder der christlichen Frauengruppe. Und mit Nuri Hodschas Initiative für den Bau einer richtigen Moschee mit Minarett, Muezzin und allem anderen, wovon der deutsche Spießer schlecht träumt, hat die Piepenkötter plötzlich richtig Stunk. Man will ja nicht rassistisch oder intolerant sein, aber anderseits muss sie immer an die Wähler denken.

Mit Allah und Bruce Springsteen im Bunde

Bingül, Journalist und Filmemacher, hat sich mit seinem Roman also genau dorthin begeben, wo man zunächst keinerlei interessante Stoffe erwartet: ins Kleinstädtische, Kleingeistige, Kleinkarierte. Aber für eine Parodie auf die so erbittert geführte Integrationsdebatte liefert genau dies Milieu einen Parcours herrlichster Fett­näpfchen. Nach dem Vorbild von Don Camillo und Peppone schildert Bingül den Zweikampf des eigensinnigen Religionsgelehrten mit der eigensüchtigen Bürgermeisterin in immer absurderen Episoden gemeiner Tricks und gegenseitiger Erpressung – wobei die Sympathiewerte beider Intriganten mit ihren Niederlagen stets mehr steigen als mit ihren Siegen.

In dieser politischen Burleske fehlt es erfreulich an allem, was die reale Debatte so unerfreulich gemacht hat: Schuldzuweisungen, Pauschalurteile und Rechthaberei werden hier dauernd ad absurdum geführt, Stereotype sind stets Anlass für Satire, bockige Vorurteile blamieren sich vor freundlichen Manövern. Und so entfaltet dieser moderne Schelmenroman die ganze integrative Kraft des Humors, um die Front­bildung unterhaltsam auf­zuweichen. Deutsche Identität, so lehrt Bingüls lustiger Moscheenstreit, kann deutsch sein und türkisch sein, sie ist aber vor allem nicht witzig. Also lachen wir darüber.

(Aus: Rowohlt Revue 91, Autor: Till Briegleb)

Autoreninfo

Birand Bingül, geb. 1974, ist Journalist und Autor. Der WDR-Redakteur hat sich viele Jahre intensiv mit den Themen Integration und Migration...
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