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Ganz Namibia ächzt unter der brütenden Januarhitze. Die Kalaschnikow im Arm, wartet ein Schwarzer im Schutz dichter Büsche oberhalb einer Wohnanlage. Wer hier im Windhoeker Stadtteil Ludwigsdorf lebt, hat es geschafft: ein kleines Paradies, in dem stacheldrahtbewehrte Mauern die Bewohner vor der schäbigen Außenwelt, vor all der Armut und dem Dreck abschirmen. «Als er die AK-47 in Anschlag brachte, spürte er den Drang, dem Mann dort unten noch etwas zuzurufen. Dass man früher oder später seine Rechnung bezahlen müsse. Dass im Tod mehr Wahrheit als im Leben liege...» Dann drückt er ab.
Slang van Zyl ist nicht das letzte Opfer des Mannes, der eine Mission verfolgt. Der Mann ist todkrank, und er weiß es. Er ist entschlossen, die ihm verbleibende Zeit zu nutzen, für seinen Seelenfrieden und das Glück seiner Familie. Nichts und niemand kann ihn daran hindern, den Auftrag zu Ende führen. Er wird alle töten, die an der Verschwörung gegen den SWAPO-Funktionär Anton Lubowski beteiligt waren, damals, im September 1989, nicht weit von der Stelle, an der van Zyl für dieses Verbrechen mit seinem Leben bezahlte. Als Angehöriger der privilegierten weißen Oberschicht und Absolvent der Elite-Universitäten von Kapstadt und Stellenbosch war Lubowski nicht unbedingt prädestiniert zum Aktivisten des schwarzen Befreiungskampfes; genau das macht ihn für die südafrikanische Faschistengruppe ‹Afrikaner Weerstandsbeweging› zum personifizierten Hassobjekt, die Nr. 1 auf der Abschussliste aller rechten Ultras im südlichen Afrika – ein Todgeweihter, exekutiert am 12. September 1989.
Jetzt also ist ein schwarzer Rächer unterwegs, ein Killer, der nichts zu verlieren hat. Die junge schwarze Kriminalinspektorin Clemencia Garises ist die einzige, die seinen Plan durchkreuzen kann. Unglücklicherweise muss sie sich aber noch an einer anderen Front herumschlagen, mit ihren exzentrischen Tanten Selma, Matilda und dem Rest der Mischpoke. Mit ihnen in dem winzigen Häuschen im brodelnden schwarzen Township Katatura zusammenzuleben, raubt ihr den letzten Nerv – als hätte sie es als Frau und Schwarze im namibischen Polizeiapparat nicht schon schwer genug. Clemencia ist das, was man eine moderne Polizistin nennt: Ausbildung am Iyambo Police College, Master in Kriminalistik, sechsmonatiges Praktikum bei den Kollegen in Helsinki. Umso bizarrer, dass sie sich zu Hause mit einer wie Tante Matilda herumschlagen muss, die auf Voodoo-Heilung spezialisiert ist, von ihrem jüngeren Bruder Melvin ganz zu schweigen, der immer mit einem Bein im Knast steht.
Der Tote von Ludwigsdorf, Slang van Zyl, war in den 80er Jahren Agent des Civil Corporation Bureau, einer Spezialabteilung des südafrikanischen Geheimdienstes, die im Dienste der «großen weißen Sache» ihre Gegner drangsalierte, folterte und ermordete. Eines ihrer Opfer war der SWAPO-Funktionär Anton Lubowski. Als Leser erleben wir atemlos, wie die Ermittler von Windhoeks Serious Crime Unit immer einen Schritt zu spät kommen. Das Gemetzel nimmt seinen Lauf, ein Tatbeteiligter nach dem anderen wird aus dem Weg geräumt. Aber wer kann zwanzig Jahren nach dem Lubowski-Mord ein Interesse haben, die Drahtzieher von einst zur Verantwortung zu ziehen?
Es gibt Romane, die ohne ein «notwendiges Nachwort» des Autors nicht auskommen; Die Stunde des Schakals ist so ein Fall. Bernhard Jaumann, für seine Montesecco-Krimireihe mit dem Friedrich-Glauser-Preis (2003) und dem Deutschen Krimipreis (2009) ausgezeichnet, präsentiert in seinem mitreißenden Politthriller seine (oder eine) Version des wohl spektakulärsten Mordes in der Geschichte Namibias. Bis heute gibt es ungeklärte Fragen über die Hintergründe des Verbrechens. Wäre es denkbar, dass Lubowski als stellvertretender Chef der SWAPO-Verwaltung im Auftrag seiner eigenen Leute umgebracht wurde? Weil er Kontakte zum südafrikanischen Apartheid-Regime unterhielt und Insiderinformationen über die SWAPO an den Feind lieferte? Oder weil er als Verantwortlicher für die finanziellen Transaktionen der Befreiungsfront und späteren Staatspartei von Dingen wusste, von denen er besser nie gehört hätte?
Es sind auch diese offenen Fragen, die den Autor – vergleichbar mit Don DeLillos glanzvoller Fiktionalisierung des Kennedy-Mordes (Sieben Sekunden, 1988) – zu seinem Politthriller inspiriert haben. Bernhard Jaumann zeichnet das Bild einer postkolonialen Gesellschaft, die schwer an der Last der eigenen Geschichte leidet: an der Unausrottbarkeit rassischer Stigmatisierung, dem dramatischen Gefälle zwischen Arm und Reich, der allgegenwärtigen Gewalt, der Korrumpierbarkeit durch die Macht.
Nach diesem Roman dürfen Jaumanns Leser sich auf ein Wiedersehen mit der toughen, eigensinnigen Polizistin Clemencia Garises und ihrer wilden Mischpoke freuen – bei ihrem nächsten Fall.