![]()
Ist es eine gute Idee, mit einem zwanzig Jahre alten Auto 6500 km vom beschaulichen Oberstaufen im Allgäu in die jordanische Wüste zu gondeln? Für den Comedian Bernhard Hoëcker und seinen Kumpel Tobias Zimmermann heißt die Antwort: Ja, ja und noch mal ja – schließlich fährt man ja Meilenweit für (k)ein Kamel - wenn das kein Anreiz ist! Die Rallye ist ein irrwitziges Unterfangen, das Buch über die Rallye ein abgefahrenes Vergnügen!
+++ Genaueres erzählt Ihnen Bernhard Hoëcker übrigens gerne selbst! Bitte klicken Sie hier rechts auf das VIDEO-Symbol, und schon fahren Sie ein Stück weit die Strecke zwischen Allgäu und Amman ab. Viel Vergnügen! +++
Ein verrückteres Autorennen als die Allgäu-Orient-Rallye dürfte man so schnell nicht finden. Fest steht von vornherein dabei nur Weniges – das Ziel (Amman, die Hauptstadt Jordaniens), der Siegespreis (ein Kamel), die üblichen Schikanen: Die teilnehmenden Autos dürfen nicht teurer als 2000 Euro und/oder müssen älter als 20 Jahre sein; in jedem zu durchfahrenden Land müssen Noten und Text der jeweiligen Nationalhymne (oder eines anderen landestypischen Lieds) besorgt werden. Und die Streckenwahl ist durch diverse Regularien beträchtlich eingeschränkt: keine Mautstraßen, keine Autobahnen, keine Fähren, keine Transporte mit Bahn oder Flieger, keine Übernachtung teurer als zehn Euro pro Nacht und Nase, kein GPS.
Kein Wunder also, dass der aus Renate, Tobi und Bernhard bestehenden «SOKO Strecke» eine mehr als verantwortungsvolle Aufgabe beschieden war; intime Kenntnisse des Geocaching durch die Volvo-Crew konnte da einfach nicht von Nachteil sein (siehe: Bernhard Hoëcker: Aufzeichnungen eines Schnitzeljägers, rororo 62252). Das StaubMaul-Team der Allgäu-Orient-Rallye 2009 besteht aus drei Wagen und sechs Menschen. Carsten und Fritz chauffieren einen Mercedes 300 SE, Jahrgang 1986, Renate und Chris sind in einem roten BMW 525i unterwegs, Bernhard und Tobi in einem Volvo.
Zu den lustigsten Seiten dieses ziemlich flippigen Buches zählt die wechselnde Erzählperspektive: mal ist Hoëcker dran, mal Zimmermann. Einer schreibt, der andere kommentiert; manchmal hört sich das an wie ein Livemitschnitt: Sie unterbrechen und kommentieren einander, geben im Wechsel Schlaues und Albernes, Informatives und Skurriles zum Besten. Netterweise wurde dem Rallyebuch vom Verlag durchgehende Vierfarbigkeit spendiert, so dass man die Rede- und Dazwischenrede-Anteile der beiden Protagonisten auf den ersten Blick identifiziert – Bernhard: orange, Tobi: grün. (Und die beiden Kombattanten, das sei hier angemerkt, stehen sich in Sachen rhetorischer Finesse in nichts nach.)
Das klingt dann ungefähr so: Der Preis für das Siegerteam in Amman sei ja bekanntlich «ein Kamel arabischer Bauart», schreibt Hoëcker. Umgehend fährt ihm Freund Tobi dazwischen: «Kaum will man sich entspannt zurücklehnen und deinen Ausführungen folgen, da wirfst du einem schon einen sprachlichen Knüppel zwischen den Hypothalamus. Warum sagst du nicht einfach ‹Dromedar›, sondern drückst dich so verquast aus?» Das kann Bernhard natürlich nicht auf sich sitzen lassen: «Lieber Tobi den gängigen Streit um die Begrifflichkeit ‹Kamel›-‹Dromedar› möchte ich an dieser Stelle direkt beenden, indem ich kundtue, dass es sich bei dem Begriff ‹Kamel› um die Bezeichnung der Familie und obendrein das einzige Mitglied der Familie ‹Schwielensohler› handelt. Das Dromedar mit einem Höcker (man lege das ‹D› auf den Rücken, und schon hat man sich die Anzahl gemerkt) bezeichnet dagegen die Gattung der ‹Altweltkamele› usw. usf.»
Aber ob Ein- oder Zweihöckriger, das Problem mit der Siegestrophäe ist ein ganz anderes: Wegen der hierzulande geltenden rigiden Einfuhrbestimmungen ist es unmöglich, das erbeutete Altweltkamel im heimischen Vorgarten an die Palme zu binden, womit dem Sieger nichts anderes übrig bleibt, «als den Preis im Land zu lassen und sich gelegentlich per Videokonferenz mit ihm in Verbindung zu setzen».
Ohne die McDonalds dieser Welt wäre eine Desperadounternehmung wie diese Rallye überhaupt nicht vorstellbar. Warum? Hören wir mal kurz in den Bordfunk der Volvo-Mannschaft rein … «Die unter Survival-Puristen noch nicht ganzheitlich verbreitete Akzeptanz der Verwendung amerikanischer Fresstempel in einem Abenteuerszenario birgt durchaus einige Vorteile. Beispielsweise kann man einen gewissen Standard bei der Toilettenhygiene erwarten und bei einem Papptässchen trinkbaren Kaffees meist kostenfrei im Internet recherchieren und Berichte an die Menschen daheim schicken.» Aha.
Über Österreich, Ungarn und Rumänien geht es bereits am Tag 6 nach Istanbul. Auch hier in der von Touristenbataillonen heimgesuchten Millionenstadt am Bosporus zählt das Aufspüren einer Herberge für die Nacht (Sie erinnern sich: 10 Euro max.) zu den anspruchsvollsten Herausforderungen der Teilnehmer.
Zwischendurch gibt es naturgemäß reichlich Zeit zum Reden und Diskutieren. Gestritten wird über die unterschiedlichsten Themen, weltpolitisch relevante wie alltagsbanale: Demokratie und Blutvergießen, Döner und Raspelrettich, Champagner und Chili, Falco und Freileitungsmasten, Gilgamesch-Epos und Bakschisch, MacGyver und Atatürk, kurz: alles, was streckenbedingt oder umständehalber eben so anfällt.
Umständehalber fallen auch die Kontakte zur indigenen resp. autochthonen Bevölkerung und ihrer heimischen Pflanzen- und Tierwelt recht unterschiedlich aus. Vom kappadokischen Bauern und ungarischen Höllenhund über den Universitätsdirektor von Kirikkale und die bildhübsche rumänische Grenzerin (die wissen lässt, alles, wirklich ALLES könne fotografiert werden!) bis zum Mitglied des jordanischen Königshauses, Prinzessin Basma, die in einer ungemein langwierigen Prozedur (kein Tropfen Alkohol, nicht einer!) in Amman die Siegesfeier moderierte – ein einziges Abenteuer. Und dass man als Deutscher im Ausland gern über markante Personen der nationalen Vergangenheit eingeordnet wird (siehe oben) – Schlamm drüber.
Das sechsköpfige Team StaubMaul kam, das soll der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden, gesund und vollzählig am Zielort an. Eine feine Leistung, wir gratulieren. Und die Rückfahrt? Nix Fahrt, Rückflug: Die runtergenudelten fahrbaren Untersätze bleiben alle am Zielort der Rallye zurück, im Glanz eines rotglühenden Sonnenuntergangs. «Schade, es war so schön.» Das nennt man praktizierte Völkerfreundschaft!
in den Warenkorb
Bernhard Hoëcker
rororo 224 S.
in den Warenkorb