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Nicholas Hook, Lügner, Dieb, Gauner, Bastard, aber eben auch der beste aller Bogenschützen unter den Leibeigenen von Lord Slayton. Er ist ein Kerl wie ein Baum, mit einem Brustkorb wie ein Fass, Armen, die Dreschflegeln gleichen, und zwei Händen mit der Kraft unerbittlicher Schraubstöcke. Die brauchte er auch, um den mächtigen Eibenbogen zu spannen, den größten im englischen Königreich.
Und genau dieses, sein außergewöhnliches Können, rettet ihn, als er in London einen Priester schlägt. Ein Sakrileg! Hook soll hängen, flüchtet und lässt sich als Soldat anstellen. Einen guten Bogenschützen kann man immer gebrauchen.
+++Hier können Sie sich den Trailer zum Buch anschauen+++
Ein Leben als Bogenschütze – das ist der Weg zum Ruhm für den einfachen Mann. Es gibt Bogenschützen, die es bis zum Ritter gebracht haben: Robert Knolles, Thomas Hookton - ehrfürchtig flüstert man sich ihre Namen an den Lagerfeuern zu. Viel wahrscheinlicher aber ist es der Weg in den Tod. Und den lernt Hook von nun an in tausendfacher Form kennen.
Es ist eine dumpfe, düstere Zeit, dies beginnende 15. Jahrhundert. Die Welt scheint unveränderlich eingerichtet: Das einfache Volk ist zum Schuften geboren. Die Priester hauen sich den Wanst voll, greifen unter jeden Weiberrock und jagen angebliche Abweichler vom wahren Glauben: «Die schwarzen Krähen haben Geschmack am Menschen-Verbrennen gefunden». Und mit der Erschaffung der Frauen, so die Überzeugung der Männer, hat Gott ohnehin einen Fehler gemacht.
Im belagerten Soisson in Frankreich kämpft Hook als Söldner. Hier hört er zum erstenmal jenes Geräusch, das entsteht, wenn Tausende von Pfeilen gleichzeitig lossirren. Es klingt, «als habe der Teufel seine Harfe gezupft», und es wird ihn von nun an nie mehr verlassen.
Als die Franzosen die Stadt einnehmen, lernt er die Panik kennen, das Chaos und die Verzweiflung, die über die Menschen kommen, wenn eine Horde von Schlächtern losgelassen wird. «Es ist alles nur Schreien und Schmerz und Bastarde in Metallpanzern, die dich umbringen wollen. Es ist blutig und die Männer schreien nach ihren Müttern.»
Doch mitten im Grauen beginnen die Heiligen mit ihm zu sprechen. St. Crispin und St. Crispinian geben seinem Leben eine neue Richtung. Als er sieht, wie ein Adliger einer Nonne die Tracht aufschlitzt, ersticht er ihn. Melisande, die Französin, wird seine Geliebte, auch wenn ihr Vater der «Herr der Hölle« ist, jener Mann der ungerührt zusieht, wie englische Gefangene unendlich langsam verstümmelt werden. Man wird sich wiedersehen, schon bald....
In England wartet neue Arbeit. Ein Feldzug steht bevor, König Henry will den Thron von Frankreich an sich bringen, den Gott ihm, wie er glaubt, verliehen hat. Mit 1500 Schiffen und 12 000 Mann - wahre Engländer, «Waliser Krautfürze und Zwerge, dreckige schottische Speichellecker» - setzt er über in die Normandie. Aber die Einnahme der Stadt Harfleurs, die als Aufwärmübung gedacht war, erweist sich als schwieriges Unterfangen. Die Mauern halten allen Kanonenkugeln stand, die Verteidiger wehren jeden Ansturm mit einem Armbrusthagel und heißem Fischöl ab, die Ruhr, die im englischen Heer ausbricht, macht den Schlachtplatz zur Kloake. Und als die Belagerer Tunnel graben, um die Befestigungen zum Einsturz zu bringen, wühlen sich auch die Franzosen unter der Erde voran und unter Tage kommt es zu schrecklichen Kämpfen.
Es ist ein Schlachtengemälde von atemberaubender Dichte, das Bernard Cornwell hier ausbreitet, ein patriotisches Hohelied vom einfachen Soldaten. Es saugt den Leser mitten hinein ins Getümmel, ein einziges Donnern und Bersten hebt an, ein Schreien und Sterben, ein Wirbel, in dem Streitäxte krachen und Knochen splittern und der Gestank nach Leichen und Gedärmen übermächtig über den schlammigen Feldern liegt.
Immer wieder bricht für die Kämpfenden der jüngste Tag an, und mitten im Gemetzel erfährt der Leser ganz nebenbei alles, aber auch wirklich alles über das Festungswesen und den Ablauf einer Belagerung: Was Breitköpfe sind, warum eine Barbakane gestürmt werden muss und wie man eine Sau baut. Es ist eine atemberaubende Live-Reportage aus der Vergangenheit, ein rauchendes, farbenprächtiges, tosendes Stück Mittelalter und nicht zuletzt eine Einführung in die Schönheit und die Geheimnisse des Bogenschießens
Dann ist Harfleurs genommen und der Sommer vorbei. Da ist nichts, wofür sich das Sterben und die Verschwendung der Schätze Englands gelohnt hätte. Mit so dürftigem Erfolg kann König Henry nicht zurückkehren. Er braucht Krieg, mehr Krieg. In der Picardie, bei Azincourt wartet das Heer der Franzosen. Es ist wohlgenährt, guttrainiert, siegessicher - und fünfmal so groß wie der Haufen zerlumpter, stinkender, versehrter Engländer. Am 25. Oktober 1415 treffen sie aufeinander. Es wird ein Tag, der als «La malheureuse journèe» in die Geschichte Frankreichs eingehen wird, der Tag des nationalen Unglücks …
(aus: Rowohlt Revue 88, Autor: Thilo Vondeheide)