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B. de Cosnac/D. Krämer-Anderson/S. Stamer: Drei-Länder-Chat

© Eva Häberle

Drei Freundinnen, drei Länder, ein Projekt: sich per E-Mail austauschen über ihren Alltag, ihre Freuden und Leiden, Hoffnungen und Ängste. Es sind nicht die üblichen Mails, die man im Freundeskreis kursieren lässt. Denn egal ob es um private Dinge oder die große Politik geht, reflektieren «die Französin» Bettina de Cosnac, «die Amerikanerin» Dagmar Krämer-Anderson und «die Deutsche» Sabine Stamer immer die jeweiligen nationalen Besonderheiten, Macken und Klischees. Und so ist tatsächlich ein Drei-Länder-Chat entstanden, mit interessanten, amüsanten und häufig unbekannten Informationen, die man so leicht in keinem Reiseführer findet. Kurz – ein Kulturführer für den alltäglichen Grenzverkehr, klug und temperamentvoll, launig und lustig.

Globalisierung von unten – so kann sie aussehen

Sabine Stamer, Hörfunk- und Fernsehjournalistin und Buchautorin, lebt mit ihrem Mann, Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow, in Hamburg. In Washington, wo ihre beiden Töchter geboren wurden, lernte sie die studierte Politikwissenschaftlerin Dagmar Krämer-Anderson kennen, die heute mit ihrem Mann Barry und den zwei Töchtern Zöe, 13, und Anna, 9, im beschaulichen Unistädtchen Princeton unweit von New York City wohnt. Bettina de Cosnac ist zwar eine waschechte Berlinerin, aber gemäß der unumstößlichen Wahrheit, dass man zwar Berge versetzen kann, nicht aber einen Franzosen aus Frankreich, lebt die freie Journalistin mit ihrem Mann Honoré und den Söhnen Louis, 11, und Archembaud, 9, in der Nähe vom Paris.

Die Themen der transnationalen Chats sind weit gestreut: vom Charme programmierbarer Kaffeemaschinen und sadomasochistischen Besuchen im Fitnessstudio um 6 Uhr (morgens!) über den frischen Wind, den die Première Dame Carla Bruni als glamouröse Sarkozy-Gattin in den Präsidenten-Palast bringt, bis zu den Besonderheiten der Bildungs- und Sozialversicherungssysteme. Was nicht heißt, dass wir nicht auch alles Wissenswerte über die Füllung des obligatorischen Thanksgiving-Truthahns, die Unsitte des textilen Saunierens, die nationale Spezifik des Komasaufens (anderswo unter dem Label «English drinking» bekannt) oder den globalen Verfall der Tischmanieren erführen.

Aufschlussreich sind aber auch die politischen «Großthemen», die zwischen Paris, Princeton und Hamburg in engagierten Debatten hin und her fliegen: die Ganztagsschule in den USA und Frankreich; Ökologie im kleinen und großen Maßstab; «französischer Drill vs. deutsche Kuschelpädagogik»; Immigranten und Emigranten; Sex im Amt (Willy Brandt, Günther Verheugen, Bill Clinton, Jacques Chirac etc.). Hören wir doch einfach mal an drei Stellen in den Drei-Länder-Chat hinein …

My country – right or wrong

Sabine Stamer (irritiert über das Abstandhalten, die verkrampfte Distanziertheit beim Einkaufen oder bei Spaziergängen): «Kein Gruß, kein Blick, erst recht kein Lächeln. So schieben sich zwei Leute auf einem ein Meter schmalen Pfad in Övelgönne aneinander vorbei. (…) Etwas wehmütig denke ich an Washington zurück, wo mir mindestens einmal pro Woche irgendeine unbekannte Person versichert hat, dass mein Pullover hübsch sei oder meine Frisur sehr gelungen. Oder die lachende Schwarze, die mir auf offener Straße vorsichtig auf meinen schwangeren Bauch klopfte und wissen wollte, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. In Norddeutschland würden solche Vertraulichkeiten umgehend eine Fehlgeburt einleiten. ‹Viel Glück!›, wünschte mir die unbekannte Straßenbekanntschaft in Georgetown. So ein Kontakt gilt hier als oberflächlich.»

Bettina de Cosnac (über die Last, als Kind in Frankreich ein ganz normaler Schüler sein zu wollen): «In Frankreich muss man sein Leben lang der Erste, Beste und Schnellste sein, um Lehrer und Eltern zu gefallen, um in der Schule, an der Eliteuniversität, im Beruf vorwärtszukommen. (…) Schule wird in Frankreich wohl eher für die Lehrer gemacht, nicht für die Schüler. Um das Leben der Pädagogen zu vereinfachen, werden beispielsweise zu Schuljahresbeginn gnadenlos Freunde getrennt. So soll eine potenzielle Bandenbildung – selbst bei Vier-, Fünf- und Sechsjährigen – vermieden werden. Dass die Kinder dadurch nicht lernen, Freundschaften zu pflegen, stört niemanden – außer den kleinen Rackern selbst.»

Dagmar Krämer-Anderson (zur Frage, wie viel Urlaub der amerikanische Mensch brauche): «In meinem ersten Job bei der Werbeagentur Leo Burnett, frisch von der Uni kommend, sollte ich mit mageren zehn Tagen Jahresurlaub zufrieden sein?! Bei meinem Einstellungsgespräch wurde mein ungläubiger Blick mit ‹Ja, wir sind hier stolz, unseren Berufsanfängern so viele Urlaubstage anzubieten› beantwortet. Was ich damals nicht wusste: In den USA haben viele Berufsanfänger im ersten Jahr überhaupt keinen Anspruch auf Urlaub. Bei Juristen in Anwaltskanzleien oder Medizinern in der Facharztausbildung ist es sogar nicht unüblich, in den ersten drei Jahren ganz auf Urlaub zu verzichten oder nur hier und da ein paar Tage freizunehmen.»

Bettina de Cosnac, Dagmar Krämer-Anderson, Sabine Stamer rororo 256 S.
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