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Axel Simon: Tatütata für Peter Sputnik

© Bernd Pfarr

Die Welt ist verrückt. Buchstäblich. Die Zeit ist aus den Fugen (wie Hamlet sagt). Denn wie anders ließe sich erklären, dass die Zeiger der Uhr hier wie irre rund und rund um das Ziffernblatt jagen, dort hingegen sogar der Sekundenzeiger beschaulich verharrt, als müsste er, bevor er dann doch die nächste Sekunde anzeigt, sich erst erheben. Von einer Bank zum Beispiel. An einem Bushaltestellenhäuschen zum Beispiel. Weil der Überlandbus kommt zum Beispiel, an dessen Steuerkranz, wie jeden Tag, der Peter Sputnik dreht, der seine Fahrgäste mit Namen kennt und die alten Damen, sind sie eingeschlafen, auch schon mal aus dem Bus trägt und auf der Bank absetzt, wo der Sekundenzeiger dann wieder beschaulich verharrt, bevor er umspringt Warum sich hetzen?

Weltenretter Sputnik ...

Andernorts hingegen ist Eile geboten. Auf der anderen Seite der ungleichzeitigen Gesellschaft, die Axel Simon in seinem Roman Tatütata für Peter Sputnik beschreibt, muss nämlich flugs die Welt gerettet werden. Der Weltenrat – verkörpert durch Biggs, Ti Liang und Millberger, „die Chefs von allem“ – ist in tiefer Sorge. Der unberechenbare, brandgefährliche V hat – ja, was? Eine Wunderwaffe entwickelt? „Wenn V diese Hölle tatsächlich entfesselt, kostet das … Wie viele sind wir zurzeit? … Kostet das 6,8 Milliarden Menschen das Leben.“ Und helfen, helfen kann ausgerechnet einzig und allein der, der einzig und allein am Steuerkranz des Überlandbusses drehen will und auf keinen Fall am Rad der Welt. Peter Sputnik, jawohl!

Peter Sputnik – ein wenig dicklich –, der es gern übersichtlich mag. Der jeden Abend im Eiscafé Cortina einen Krokantbecher bestellt, das Frollein Gitti anhimmelt, das dort bedient, und sich die Gummibündchen seines Blousons bis hoch zu den Ellbogen schiebt, als wären die seligen Achtzigerjahre nie vergangen, als klemmte der Sekundenzeiger glücklich und für immer und sei nie umgesprungen in Richtung neue Zeit.

Peter Sputnik nämlich ist ein Superheld. Er kann fliegen, er kann mit bloßer Muskelkraft Züge stoppen (das ist ihm als Junge mal passiert), er kann sogar mal eben ins All fliegen und in einer fernen Galaxie mit Kometen schmeißen. Und doch kann man getrost behaupten: Peter Sputnik, dem Helden dieses Roman, geht dieser Roman ganz gewaltig auf die Nerven. Oh, dieses Gerenne! Dieses Gerette! Dieses Geflüchte! Diese atemlose Spannung! Dieser ätzende Witz! Diese Undurchschaubarkeit! Überrumpelung! Tempoverschärfung! Unterhaltung! Und, überhaupt: was da alles passiert! Da taucht, zum Beispiel ein halbseidener Kunstwerkklauer namens Seidensprung auf (der die Abschweifung – Ausschweifung? – gewissemaßen im Namen trägt). Da werden hochkarätige Wissenschaftler in einem mehr oder minder luftdicht verschlossenen „village“ kaserniert. Da muss Peter Sputnik einer einarmigen MiG-Pilotin begegnen, die obendrein von einem hochbegabten Huhn umschwärmt wird, das es auch nicht lassen kann, seinen Senf dazuzugeben. Hei und auwei!, wie Peter Sputnik gerne ruft. Was soll das alles? Was ist nur passiert?

... einer muss es ja schließlich tun

Vielleicht das: Axel Simon, Enkel eines Hufschieds, Sohn eines Schuhmachers, Studienabbrecher, Ex-Regieassistent, Ex-Regisseur, Ex-Werbetexter (McDonald’s, Coca-Cola) hat Thomas Pynchon (der ja auch mal über ein/einen/eine „V“ spekuliert hat) auf die deutsche Provinz losgelassen. Postmoderne in der Pampas! Pop im Herrgottswinkel! Große Verschwörung zwischen Geranienkästen! Globalisierung im Cortina (das wahrscheinlich nicht mal ein italienisches Eiscafé ist)!

„Es geht“, verrät ein vorangestelltes Motto, „um Liebe und Vergeltung und das Geheimnis des Krokantbechers.“ Aber dann hängt Simon doch noch eine Klammer an: „(Ach was, es geht um alles.)“

Die Sache ist: das stimmt. Denn Tatütata für Peter Sputnik ist nicht weniger als der Roman einer Generation, die unter der Käseglocke der Bonner Republik erwachsen geworden ist – gewissermaßen im Zeitalter des Sputniks –, mit vielen alten Damen namens Böll im Bus gefahren ist und sich auf einmal – hast-du-dich-versehen – in einer neuen Welt wiederfindet. Eben noch unter dem Raketenschirm – dem Topfhut von Pynchons Parabel gewissermaßen –, und jetzt: Weltenrat, V-Verschwörung und überlebensnotwendige Weltenrettung. Wer sollte da – wie Peter Sputnik – nicht überfordert sein? Wer sollte da – wie Peter Sputnik – die Nostalgie im Krokantbecher nicht bis zur Neige auskosten wollen? Wer sollte da – wie Peter Sputnik, genau – nicht lieber Busfahren als Fliegen wollen?

Ach, nicht einmal das Tatütata – dieses krokantbraune, pistanziengrüne Geräusch, bekannt aus „Tatort“ und „Polizeiruf“ – ist, was es einmal war.

(aus: Rowohlt Revue 88, Autor: Wieland Freund)