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«Armistead Maupin lesen ist wie Schokolade essen. Die Welt seiner Stadtgeeschichten ist ein verlässlich schöner Ort und schon lange Teil des Mythos von San Francisco geworden.» (Die Welt) «Das sind die witzigsten Romane, die es zur Zeit gibt», schwärmte die Times damals von Armistead Maupins Stadtgeschichten, die wie eine amerikanische «Lindenstraße» daherkommen – nur um Klassen besser. 1977 als tägliche Kolumne für den San Francisco Chronicle begonnen, schlugen die «Tales of the City» wie eine Bombe ein.
800 Worte täglich, das war der Stoff, auf den die in die Hunderttausende gehende Fangemeinde der Stadtgeschichten wartete: eine mitreißende, brillant geschriebene «Seifenoper im Zeitungsformat» (FAZ). An der Barbary Lane 28 mit ihren Bewohnern wird die Alltagschronik eines Jahrzehnts zwischen Post-Hippie-Romantik und Aidsschock aufgeblättert. «If you're going to San Francisco,
be sure to wear some flowers in your hair.
If you come to San Francisco, summertime will be a love-in there», heißt es in Scott McKenzies Flower-Power-Hymne von 1967. Aber die Zeit ist weitergegangen, das San Francisco von heute ist eben auch gut vierzig Jahre älter geworden. Und doch gibt es eine gute Nachricht: Michael Tolliver lebt: die Fortsetzung des Kultklassikers bei rororo.
Wo sonst als in der hügeligen Metropole der Bay Area, der Welthauptstadt der Schwulen und Lesben, hätten die Episoden um Anna Madrigal und Mary Ann Singleton, Michael «Mouse» Tolliver und Mona, D’oro und DeDe spielen sollen? San Francisco, Stadt der Ausreißer und der Katzen, der Beatniks und Hippies, wo es nur einen Steinwurf vom Silicon Valley entfernt sogar noch Trotzkisten gibt und, noch größere Sensation!, ein funktionierendes Nahverkehrssystem. San Francisco, das Eldorado der ausgeflippten Künstler, der verstoßenen Söhne und Aussteigern jeder Couleur. «Es ist merkwürdig, aber von jedem, der verschwindet, heißt es, er sei hinterher in San Francisco gesehen worden.» (Oscar Wilde)
Anna Madrigal: «Es gibt in dieser Stadt so viele reizende Männer.» Mary Ann: «Aber sie sind nur reizend zueinander.» Anna: «Das greift tatsächlich um sich.» Mary Ann: «Bei Ihnen hört sich das an wie eine Grippe. Ich finde es deprimierend.» Anna: «Nimm es als Herausforderung. Wenn eine Frau in dieser Stadt triumphiert, ist der Triumph total …» Sex and the city – so klang das damals.
Wie jung sie damals waren, Michael und Brian, Mona und Mary Ann – damals, als die schräge Barbary-Lane-Kommune unter den Fittichen der bezaubernden Anna Madrigal ihre von Cannabisdüften umwölkte Gegenwelt bewohnte! Nun sind eineinhalb Jahrzehnte ins Land gegangen, und endlich erfahren wir, wie es mit den Protagonisten von Armistead Maupins legendärer Kultserie weitergegangen ist. Jetzt heißt es: Fortsetzung folgt! Michael Tolliver lebt ist ein wunderbarer Abschluss der «amerikanischen Lindenstraße» melancholisch und weise, amüsant und gespickt mit hinreißenden Dialogen.
Es ist viel passiert im Leben von Michael Tolliver. Das Wichtigste in Kurzform: Er ist HIV-infiziert, aber dank neuer Medikamentencocktails hat er die Krakheiut halbwegs im Griff; auch wenn die T-Zellen manchmal aus unerfindlichen Gründen verrückt spielen, sieht er ziemlich hoffnungsfroh in die Zukunft. Andererseits ist er Realist genug, um zu sehen, dass ihn «der Doppelhammer von HIV und fortgeschrittenem Alter zu einem ziemlich unsicheren Kandidaten in der ‹Und-sie-leben-glücklich-bis-an-iihr-Ende»-Abteilung» macht Sein erster Lover Jon ist an Aids gestorben, sein Ex-Freund Thack hat ihn verlassen, und Anna Madrigals urgemütliches Haus in der Barbary Lane 28 am Russian Hill existiert nicht mehr. Seine Baumschule Plant Parenthhod an der Clement Avenue hat er an seinen Geschäftspartner und Freund Brian Hawkins verkauft, jetzt gärtnert Michael von morgens bis abends.
Ach ja, Michael ist verheiratet, standesamtlich und mit allem Pipapo: «Ich war reif für Ben … – ein handfester Kerl wie auf einer Daguerreotypie, lässig männlich und von zartem Gemüt.» Michaels Ben, ein Möbeldesigner, ist zig Jahre jünger, für den Ehren silberergrauten Michael das Glück schlechthin. Michael kann es gar nicht fassen, dass Ben alles an ihm zu mögen scheint, selbst den «dicker werdenden Rumpf, den verweichlichten Hintern und die grauen Haare, die sich flächenbrandartig auf meinem Brustkorb ausbreiteten». Und was das leidige Thema Treue angeht, auch darin sind sie sich einig: «Du bist zu jung, um monogam zu sein, und ich bin zu alt.» Anders gesagt: Offen ist ihre offene Zweierbeziehung nur für Ben, sieht man einmal von dem gemeinsamen Dreier mit Patreese ab, dem Krankenpfleger von Michaels Mutter.
Und San Francisco? Ist nicht mehr das alte. Oder gab es damals auch schon Typen, die sich über Sachen wie die kulturelle Bedeutung von Paris Hiltons Hund in die Haare kriegten? «Vor einigen Jahren, als ich noch nicht verheiratet war, begann sich der Charme der Stadt doch ziemlich zu verflüchtigen. All die Dotcommer, die in ihren SUVs und Hummers wie Gottkönige auf dem Mittelstreifen durch die Noe Street rasten, als ritten sie eine Attacke gegen ein Drittweltland. All die frischgebackenen Tunten im Badlands und die Kleinstadttucken, die ihre Kleinstadtmacken mit ins Castro-Viertel schleppten …»
Wieso sollte sich auch nur die laszive Insel mitten im Herzen von Kalifornien nicht verändern, wenn alles um drumherum umgepolt wird? Mit ungebrochener Spottlust knöpft sich Armistead Maupin sexuellen Dogmatiker, konservative Fanatiker (Anita Bryant, Jeb Bush etc.) und andere schräge Vögel vor, beispielsweise die Ökokiffer mit ihren Vaporisatoren. «Ein Vaporisator, für die Nichteingeweihten, dient dazu, Cannabis gerade so weit zu erhitzen, dass die psychoaktiven Stoffe freigesetzt werden, aber kein die Atemwege schädigender Rauch entsteht. Bei Gesundheitsaposteln und Senioren sind sie der letzte Schrei.» Dass wir von Maupin auch über sexuelle Spezialfälle wie Michaels gärtnernden Kumpel Jake Greenleaf, einen Transmann («Wir waren ein Paar, das der Gärtnerhimmel zusammengebracht hatte»), auf den neuesten Stand der Dinge gebracht werden, versteht sich von selbst.
Michael Tolliver hat unter Schmerzen lernen müssen, zwischen seiner biologischen und seiner logischen Familie, seinen geliebten Barbary-Lane-Freunden, zu unterscheiden. «Um das mal ins rechte Licht zu rücken: Meine Familie weiß seit dreißig Jahren, dass ich schwul bin … Meine Familie liebte mich, schon richtig, doch für sie bedeutete diese Liebe, dass sie mir vergaben, und nicht, dass sie mich akzeptierten. Und obwohl Mama und Papa letzten Endes zwei meiner drei Partner kennengelernt hatten – den, der gestorben, und den, der gegangen war –, sahen sie überhaupt keinen Anlass, ihren Standpunkt zu ändern. Bequemerweise hatten sie mein Leben damals auf einen ‹Lebensstil› reduziert, den sie einfach von mir abspalten und von Herzen verabscheuen konnten, ohne die Angst, als ‹unchristlich› zu gelten.»