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Armin Rohde: Größenwahn und Lampenfieber

© Privat (A. Rohde)

Vielleicht ist dieses Buch nicht die Wahrheit über Schauspieler, aber ganz sicher ist es die Wahrheit über den Theater- und Filmschauspieler Armin Rohde. Wie man den gebürtigen Gladbecker aus vielen seiner Filme kennt, so tritt er seinen Lesern auch hier entgegen: direkt, zupackend, mit offenem Visier. Größenwahn und Lampenfieber ist eine ungewöhnliche, spannende Künstlerbiographie – und ein kleines Lehrbuch der Schauspielkunst. Kurzweilig und anregungsreich zu lesen ist Rohdes Buch auch für jeden, der absolut unverdächtig ist, sich über Schleich- und Seitenwege einen Platz auf den (Theater- und TV-) Bühnen dieser Republik erobern zu wollen ...

Dachdecker, Auftragskiller, Schauspieler

Die Sache beginnt, typisch Rohde, mit ordentlich Schmackes. Eingangsfrage: Was ist und was macht eigentlich ein Schauspieler? Anders gesagt: «Ein Dachdecker deckt Dächer, ein Automechaniker repariert Autos, ein Auftragskiller bringt Leute um, ein Seiltänzer macht Gleichgewichtsübungen und versucht, nicht runterzufallen. Aber was macht eigentlich ein Schauspieler? Außer natürlich Rotwein trinken, Freudenhäuser besuchen, lange schlafen und sich auf roten Teppichen feiern zu lassen?» Womit wir in medias res wären …

Wen hat Armin Rohde nicht schon alles gespielt? Den schwulen Metzger Horst (Der bewegte Mann), den Schönheitschirurgen Dr. Siggi Gelber (in Helmut Dietls Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief), den Landstreicher Norbert (in Der Campus), Bierchen (in Sönke Wortmanns Kleine Haie), Kommissar Erichsen (in der ZDF-Serie Nachtschicht, Regie: Lars Becker), außerdem Unmengen bedeutender Theaterrollen – immerhin stand Rohde mehr als zwölf Jahre als Theaterschauspieler auf Bochumer, Wuppertaler und Bielefelder Bühnen.

Und nach wie vor ist die Schauspielerei – ob auf den Brettern, die die Welt bedeuten oder vor der Filmkamera – für ihn der Traumberuf schlechthin: Auch nach dreißig Jahren sei er «immer noch verliebt in diese faszinierende Art zu arbeiten». Der erste Schauspieler, den er als solchen wahrnahm, war Mario Adorf: Wer einmal den Schurken Santer in einer Karl-May-Verfilmung war und dann der Gefreite Wagner in der Kasernenhofsatire 08/15, der musste mindestens zwei Personen sein – oder eben: Schauspieler. Pina Bauschs Choreographie von Igor Strawinskys Le sacre du printemps wurde für den Wuppertaler Gymnasiasten zum Initiationserlebnis schlechthin: «Ich hatte so etwas Aufregendes noch nie gesehen, elektrisiert ist überhaupt kein Ausdruck dafür. Ich stand in Flammen. Man konnte ohne Worte schauspielern. Ein Blick, eine Geste konnte mehr sagen als tausend Worte.»

«Folkwang, das klang wie Himmel, Walhalla und Olymp zusammen»

Den schauspielerischen Grob- und den Feinschliff erhielt Rohde im idyllischen Essen-Werden, in der berühmten Folkwang-Hochschule. Folkwang, das hieß: Sprecherziehung, Gymnastik, Pantomime, Fechten, Clownsausbildung, Haiku-Minimalismus («Wörter durchschmecken»), Tanz, Improvisation, Raumkoordinations-Training, Die Folkwang-Sozialisation hatte aber nicht zur Folge, dass die attraktiven Rollen ihm von da an wie gebratene Tauben in den Mund flogen. Rohde gab in bestimmten Stücken die perfekte Rampensau ab, wusste aber stets, dass er noch ganz anderes in petto hatte. «Historische, große Theaterrollen, die wollte man mir lange nicht geben, dafür galt ich als zu unterhaltsam, als zu unseriös, als zu ‹ruhrpottmäßig› proletarisch. Erst nachdem ich zwischen 1992 und 1994 im Bochumer Theater sechsundsechzigmal den Ödipus spielte, galt ich ‹über Nacht› als sogenannter Charakterdarsteller.»

Eine seiner ersten Fernsehrollen hatte er in dem Film Verworrene Bilanzen – es war ein einziger Satz, den er dem großen Gottfried John an den Kopf zu werfen hatte, auf Kölsch: «Verpiss disch, Jung, sungs wichs isch dir op dinge Konfirmandenanzoch …»

Einige Einsichten aus dem Erfahrungsschatz des Armin Rohde, dem übrigens folgender Satz seiner gesschätzten Kolleginnen Esther Schweins, Heike Makatsch und Minh Khai Phan-Thi durchaus nicht missfallen hat: «Armin, ein für alle Mal, du bist nicht dick, du bist ein guter Schwerer, ein Kerl …»

Goldene Regeln nach Armin Rohde

Große Schauspieler. «Über die Jahre habe ich immer wieder feststellen können, dass die Schauspieler, die ich für herausragend halte, meist auch die mit der größten Sorgfalt und Kollegialität beim Drehen sind» (einer wie Götz George oder Ben Kingsley beispielsweise).

Begabung & Handwerk. «Zur Begabung, das eigene innere Erleben einer Figur zur Verfügung zu stellen, sodass es für den Zuschauer sehenswert ist, kommt das Handwerk hinzu. Begabung hat man, oder man hat sie nicht. Sie ist kein Verdienst, sie ist Gnade. Und dann beginnt die Arbeit.»

Schauspielschule. «Für den einen kann eine Schauspielschule genau das Richtige sein, für den anderen absolut vergeudete Zeit. Paradebeispiel für Letzteres ist Jürgen Vogel. Sein Prädikat ist ‹Der ohne Schauspielschule›, und dennoch hat er so ziemlich jeden Filmpreis erspielt, der in Europa vergeben wird. (…) Vogel war dennoch nie ein Amateur. Er ist eine Ausnahmebegabung mit treffsicherem Instinkt und entspannter Klugheit.»

Künstlerische Freiheit. «Als Schauspieler stehe ich unter Vertrag und bin, wie es in nüchternem Vertragsdeutsch heißt, ‹weisungsgebunden› und habe rein rechtlich den Anordnungen des Regisseurs Folge zu leisten, selbst wenn sie noch so hirnrissig erscheinen. Ich muss also zu allem bereit sein: mich gegebenenfalls nackt ausziehen oder mit einer brennenden Kerze im Hintern die Internationale singen. Was aber ist noch künstlerische Freiheit, was ergibt einen Sinn und was grenzt dagegen an Körperverletzung? Wie kann ich gute Einfälle von Neurosen, Machtgelüsten und sadistischen Vorlieben eines Spielführers unterscheiden?»

Distanz & Anverwandlung. «Ich brauche einen bestimmten Abstand, durch den ich immer noch weiß, dass ich derjenige bin, der mit der Figur spielt. Keinesfalls darf die Figur mit mir machen, was sie will. Tritt das ein, kann ich sie nicht mehr steuern. In einem solchen Fall wäre ich kein Schauspieler, sondern Hysteriker. (…) Aber es gibt Momente, da reißt sich die Figur wie ein wildes Tier von der Kette …, sie überrumpelt den Schauspieler. Ich hab keine Ahnung, wie das passiert, es passiert einfach.»

Eiserne Regel. «Fahre niemals zum Regisseur und biete dich für eine Rolle an! Niemals! Ein Tabu! Ein guter Regisseur kommt selber auf die Idee, dich anzurufen.» (Daran hat sich Herr R. im wesentlichen gehalten: Er ist nicht zu Tom Tykwer hingefahren, sondern hat sich ihm auf dem AB anempfohlen. Das Resultat: Lola rennt ...)

Film & Theater. «Je mehr Filme ich drehte, umso mehr verstand ich, wie sehr sich Theater und Film voneinander unterscheiden. Nur eines begreife ich bis heute nicht: Warum es am Theater oft so hysterisch zugeht. Warum da ein nervöser Regisseur sitzt, der seine Schauspieler verrückt macht, der acht bis zwölf Wochen Zeit hat, eine Inszenierung auf die Beine zu stellen, alle Abteilungen sind in Rufweite, man ist im Trockenen, kein Straßenlärm, kein Flugzeug stört, nirgendwo stehen neugierige Passanten rum, aber ständig hat man das Gefühl, dass die Arbeit kaum zu schaffen ist. Wie gesagt: Ich begreif es nicht.»

Bekanntheit. «Ich habe festgestellt, dass das Bedürfnis, bekannt zu sein, in dem Maße abnimmt, in dem man bekannt wird …»