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Ann Cleeves: Totenblüte

Dass Ann Cleeves’ auf den Shetland-Inseln spielender Romanzyklus eine große Fangemeinde fand und mit dem Duncan Lawrie Dagger Award die weltweit wichtigste Auszeichnung der Kriminalliteratur erhielt, überrascht nicht. Es ist die klare, unprätentiöse Art, Land und Leute zu beschreiben, ohne sie zur folkloristischen Kulisse zu degradieren, die ihren Romanen den besonderen Reiz gibt. Der Charme der kargen, rauen Landschaft, die abrupten Wechsel von Wind und Wetter, das einfache, einsame Leben – all das wird hier lebendig. Nun legt Ann Cleeves, Mitglied des illustren Krimizirkels «Murder Squad», den ersten Band einer neuen Serie um die sehr spezielle Polizeiinspektorin Vera Stanhope vor: Totenblüte – eine Entdeckung. Oder, wie es bei Spiegel Online so schön heißt: «Ein Schwergewicht auf dem deutschen Krimimarkt».

Vera Stanhope ist weder attraktiv, noch charmant oder feinfühlig. Nein, so ist die Chefin des Polizeikommissariats von Northumbria nicht. Sie kommt, leger gesagt, nicht einmal sonderlich sympathisch rüber. Sie ist dick, sie achtet keinen Deut auf ihre Kleidung, sie trinkt zu viel, sie ist laut. Die Hoffnung auf einen Mann an ihrer Seite, geschweige denn eine Familie, hat sie längst begraben (und Kinder hält sie sowieso für «ziemlich überschätzt»). Sie tritt sarkastisch und schlagfertig auf, ihre suggestive Fragetechnik ist berüchtigt. Stanhope besitzt ein außergewöhnliches kriminalistisches Gespür. Columbo-mäßig lullt sie bei Verhören ihr Gegenüber ein; ihr scharfer Verstand und ihre Intuition machen sie unberechenbar. Zu ihren gezielt eingesetzten Nervereien zählt, dass sie Gott und die Welt mit «Herzchen» anzureden pflegt. Und so jagt sie ihre Opfer solange über Hölzchen und Stöckchen, über Haupt- und Nebenwege, bis diese einen Fehler machen und etwas preisgeben, was sie nie preisgeben wollten.

«Ich bin’s, Herzchen, Vera Stanhope ...»

Diese kriminalistischen Qualitäten benötigt sic auch dringend bei der Aufklärung zweier Verbrechen, die – trotz beinahe aufdringlicher Übereinstimmung in ihrer Inszenierung – auf rätselhafte Weise wie Solitäre wirken. Der 16-jährige Luke Armstrong wurde erdrosselt zu Hause in der Badewanne gefunden, inmitten eines Blütenmeers aus wilden Blumen. Wenige Tage später wird in unmittelbarer Nähe des ersten Tatorts, bei einer Vogelbeobachtungsstation an der wild-romantischen Küste von Northumberland, eine weitere Leiche entdeckt: die junge, bildschöne Lily Marsh, Referendarin an der Grundschule in Hepworth. Auch sie erdrosselt, auch ihr Körper von Margeriten, Mohnblumen und Butterblumen umspült.

Auch wenn Vera Stanhope zunächst keinerlei Verbindungen zwischen den beiden Morden, geschweige denn ein Motiv erkennt, eines weiß sie sicher – mindestens einer der vier Vogelkundler, die Lily gefunden haben, ist in den Fall involviert. Es ist ein Kleeblatt von Freunden, die nichts zu verbinden scheint als das Aufspüren und Klassifizieren seltener Vögel: Peter Calvert, Botaniker an der Universität; der Bibliothekar und Hobbyautor Samuel Parr; der Tontechniker Gary Wright; und Clive Stringer, Präparator im Hancock-Museum, der noch immer mit seiner egomanen Mutter unter einem Dach lebt und fast autistisch wirkt, wenn es nicht gerade um Vögel geht.

Autoreninfo

Ann Cleeves, geboren in Herefordshire, arbeitete als Zwanzigjährige zwei Jahre lang als Köchin auf Fair Isle. Heute lebt sie mit ihrer Familie in West...
mehr über die Autorin
Ein klassischer Who-done-it-Krimi

Natürlich kommen auch die Polizeibeamten in Ann Cleeves’ Romanen nicht ohne DNA-Tests und andere wissenschaftlich basierte Methoden der Verbrechensaufklärung aus. Aber all das läuft dezent im Hintergrund mit (wie in der realen Polizeiarbeit) und wird nicht mit schrillem Schockerkalkül inszeniert. Vera Stanhope ist alles andere als ein zimperlicher Typ, sie wirft so schnell nichts um, auch die blutigen Schnippeleien bei der Obduktion in der Rechtsmedizin nicht, ohne die heute kein Krimi mehr auszukommen scheint.

Die Stärken der gewichtigen Ermittlerin aber liegen eindeutig im Verhör; sie ist geduldig wie ein buddhistischer Mönch, wenn es darum geht, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten – und dann ganz unbuddhistisch zuzuschlagen. Tatzeugen und Tatverdächtigen stellt sie so lange Frage um Frage, bis ein unbedachter Satz fällt, bis sich jemand verrät. Hat sie einmal Witterung aufgenommen, lässt sie nicht mehr los, verbeißt sich wie ein Bluthund in seine Beute. Das als Leser zu verfolgen ist ungleich spannender als dem berühmt-berüchtigten Y-Schnitt des Pathologen zuzusehen.

Die Blumen des Bösen

Bald gibt es erste Spuren, nur wie sie zusammenhängen, durchblicken weder Inspector Stanhope noch ihr Kollege Joe Ashworth. Luke, der tote Junge, war seit dem Moment traumatisiert, als sein bester (und einziger) Freund in den Fluten der Tyne ertrank. Auch wenn er ihm nicht helfen konnte, gab sich Luke die Schuld an Tom Sharps Tod; bei der Gedenkfeier hatten die Menschen Blumen und Blüten ins Wasser geworfen … Samuel Parrs Frau Claire beging Selbstmord; nun hat er eine Affäre mit Felicity, der Frau seines besten Freundes Peter Calvert. Der wiederum, Gerüchten zufolge, eine deutlich jüngere Geliebte haben soll. Außerdem im Angebot: wacklige Alibis, merkwürdige Neigungen, verkorkste Biografien und irritierend viele «Zufälle».

Erst als Laura Armstrong, Lukes jüngere Schwester, auf dem Weg zur Schule verschleppt wird, fügen sich auf einmal alle Indizien wie Mosaiksteine. Und die Suche nach dem Mädchen wird zu einem Spiel auf Messers Schneide …