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Angelo Colagrossi: Blunagalli hat kein Humor

© Sebastian Hänel

Ein Mann sitzt im ICE von Düsseldorf nach Hamburg. Er ist hochgradig aufgeregt, kribblig, nervös. Denn Angelo Colagrossi weiß: Dies ist sein Tag. Schließlich will ein namhafter Filmproduzent mit ihm über sein Drehbuch Amore und so’n Quatsch reden. Endlich! Hätte er geahnt, was ihm auf dieser Fahrt mit der Deutschen Bahn so alles zustößt – er hätte sich besser an die Autobahnauffahrt gestellt, Daumen raus und ab in den Norden! Wäre flotter gewesen.
So aber lernt er in den folgenden endlosen Stunden eine ganze Menge. Über sich als Italiener in Deutschland, über deutsche Sprache und Wesensart, über eine schöne Französin mit Ökokeksen (die sich dann als Belgierin entpuppt), vor allem aber über das Bahnfahren als eine der ergreifendsten Formen von modernem Abenteuerurlaub. Wer wie Angelo Colagrossi so vieles in so kurzer Zeit erlebt, hat Stoff genug für ein ganzes Buch …


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Wir wissen nicht, ob Colagrossi schon einmal die Webseite slogans.de besucht hat. Dort findet man auch zwanzig Slogans der Marke Deutsche Bahn, jeder einzelne hätte eine prachtvolle Zwischenüberschrift für Herr Blunagalli hat kein Humor abgegeben: Wer zügig fahren will, fährt mit der Bahn. (Zum Beispiel Düsseldorf-Hamburg: 16, in Worten: sechzehn Stunden!). Mehr als fahren. (Viel mehr als fahren! Wer steuert schon bei einer Bahnfahrt aus NRW nach Hamburg die Provinzstadt Osnabrück gleich dreimal an?) Wir wollen, dass Sie erholt ankommen. (Das hat Colagrossi sich sicher auch gewünscht.) Urlaub von Anfang an. (Das ist einer dieser Sätze, der einen nolens volens zum Mörder machen kann …)

Es fährt ein Zug nach nirgendwo

Nein, eine Werbeschrift für die Deutsche Bahn ist dieses Buch nicht. Wir aber lesen es mit äußerstem Vergnügen, weil Colagrossi, geboren 1960 in Rom, ein gewiefter und gewitzter Profischreiber ist. Er ist der Verfasser mehrerer TV-Comedyserien; gemeinsam mit Hape Kerkeling und Angelina Maccarone schrieb er die Hörspiele Ein Mann, ein Fjord und Amore und so’n Quatsch; unter seiner Regie wurden Horst Schlämmer – Isch kandidiere! und Ein Mann, ein Fjord verfilmt. (Übrigens: den Blunagalli-Buchtitel haben wir Heinz Schenk zu verdanken, dem berühmt-berüchtigten Showmaster und Schauspieler, der durch den «Blauen Bock» älteren Semestern bestens bekannt sein dürfte.)

Aber gehen wir erstmal einen Schritt zurück im Leben des Angelo C. Was treibt einen Römer nach Deutschland, zum Beispiel ins Rheinland, nach Düsseldorf? Das kann so einiges sein: die Arbeit, die Liebe, die Freunde, die Wälder. Die Lebensart und die Esskultur vielleicht weniger, auch wenn der mittlerweile in Berlin lebende Römer heute manches Urdeutsche nicht mehr missen möchte. Schon als Kind, glaubt er, sei sein Weg vorgezeichnet gewesen: «Ich war blond wie ein Kornfeld im Juli und wurde als ‹Il Tedesco› verspottet – der Deutsche.» Und doch gilt auch für ihn die eiserne Regel: «Italiener bleibt man sein Leben lang – auch ohne eine Pizzeria aufzumachen. Trotzdem schreibe ich meine Drehbücher auf Deutsch – also … auf Neu-Deutsch, das kann ich richtig gut. Und ich schreibe es mit dem allergrößten Selbstbewusstsein, seit ich von Italien nach hierher gezogen bin. Alt-Deutsch ist erst später dazugekommen …»

Es ist nämlich so: In Sachen Grammatikkenntnisse macht kein Deutscher dem geborenen Römer Colagrossi so schnell etwas vor; gestählt durch diverse Deutschkurse in Volkshochschulkursen und bei Goethe-Instituten kennt er sich mit den Tücken der deutschen Sprache aus wie kaum ein anderer – eigentlich. Andererseits: «Manche Leute sind tatsächlich fassungslos, dass ich nach all den Jahren noch immer so ein, sagen wir mal, anspruchsvolles Deutsch spreche. Dabei kenne ich die Grundlagen der Grammatik fast in- und auswendig! Leider sind sie mir meistens zu eng, und ich komme einfach nicht dazu, sie in meinem Alltag zum Einsatz zu bringen. Das liegt sicherlich auch an meinem Charakter: Ich bin schnell und immer aufgeregt und zu meinem Tempo passen die Regeln schlichtweg nicht.»

Autoreninfo

Angelo Colagrossi, geboren 1960 in Rom, ist Autor und Regisseur. Er ist Produzent und Autor mehrerer TV-Comedyserien, unter anderem "Total normal" mit...
mehr über den Autor
Last Exit Osnabrück

Nun also in Kurzform das, was Colagrossi an jenem Tag zustößt, der eigentlich «sein Tag» hätte werden sollen: 14.10 Uhr, Abfahrt Düsseldorf HBF, pünktlich. 16.23 Uhr: Osnabrück HBF: verlockend schimmernder Schnee in der Dämmerung. Kurz darauf die Durchsage: Ein Baum ist unter der Last des Schnees auf die Schienen gefallen – also: warten, bis die Feuerwehr eintrifft. Kurz nach 19.50 Uhr: keine Feuerwehr; dafür bekommt eine Schwangere unter lebhafter Anteilnahme der Menschen im Zug ihr Kind. Willkommen bei der Deutschen Bahn! Kostenlose Getränke im Bord-Bistro.

20.44 Uhr: Eine Stimmung wie auf der Titanic (nur mit der noch immer vagen Hoffnung auf ein Happy End); kollektive Polonaise mit Busenwunder Renate. Noch ein Bier. 22.08 Uhr: Die Feuerwehr trifft ein. Lauter Jubel … Was in den folgenden acht (8!) Stunden noch alles passiert, spottet jeder Beschreibung. Und noch zweimal muss die DB-Notgemeinschaft durch das Nadelöhr Osnabrück HBF. Ein wahrhafter magischer Ort!