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Drei Jahre leiden sie getrennt voneinander – der zögerliche Tibo und seine Sekretärin Agathe. Bis eine Magierin den beden Liebenden auf die Sprünge hilft. Andrew Nicolls Liebeslotterie ist eine herrliche Räuberpistole und ein vibrierendes Buch des Lebens.
Sie haben noch nie von dem Örtchen Dot gehört? Jenem tief im magisch-verträumten Baltikum verborgenen Städtchen, dessen Gewässer als nicht schiffbar gelten und in dessen Bürgermeisteramt sich große Herzensangelegenheit zutragen? Jener sagenhaften Traumwelt, die sich auf keiner Landkarte finden läst? Kein Problem! Tauchen Sie ein in Andrew Nicolls fabelhaften, an jenem fiktiven, weltenfernen Ort spielenden Roman Die Liebeslotterie, und sie werden dieses Städtchen nie mehr vergessen – versprochen! Denn mit seiner Liebesgeschichte um dessen eigenbrötlerischen Bürgermeister Tibo Krovic und seine hinreißende Sekretärin Agathe Stopak ist dem Schotten ein literarisches Kunststück geglückt, das einem den Glauben an die magische Zauberkraft des Erzählens wiedergibt.
Genau betrachtet ist Nicolls Geschichte von zweien, die lange nicht zueinander finden, an sich so wunderbar altbekannt wie alles, was in Dot zwischen dem Hell- und Dunkelwerden geschieht. Doch wie es Nicoll vermag, das amouröse, von allerlei Fallstricken begleitete Hin-und Her seiner beiden sich ruhelos nacheinander Sehnenden zu einem Hohelied auf die Liebe selbst zu steigern, das ist famos.
Eine Liebesgeschichte also? Ja, und was für eine! Denn Andrew Nicoll, der seinen viel gerühmten Debütroman auf seinen täglichen Zugfahrten zur Arbeit in die Redaktion der „Scottish Sun“ in Dublin niederschrieb, scheut nicht eine Sekunde davor zurück, seinen Lesern an die Herzen zu greifen. Vor allem aber: Hier ist ein ausgemachter Flunkerer am Werk – ein geborener Fabulierer, der weiß, wie man Altbekanntes neu erzählt. So folgt man ihm wie mit angehaltenem Atem bis zur letzten der insgesamt 462 Seiten,- getrieben von dem dringenden Wunsch, das ganze emotionale Auf- und Ab seiner beiden Protagonisten möge in Gottes Namen ein gutes Ende nehmen. Denn schon nach wenigen Seiten Lektüre hat man das irritierende Verlangen, hier und da koranaigierend in den Lauf der Geschichte eingreifen zu wollen, um nur ja sicherzustellen, dass hier zusammenfindet, was unter allen Umständen zusammen gehört.
Tibo Krovic, allmächtiges Stadtoberhaupt von Dot, verehrt Agathe, seine verheiratete, von einem Häuschen in Dalmatien träumende Vorzimmerdame, mit der Verve und der Inbrunst eines Mannes, der in Amtsdingen mit Macht zur Tat schreitet – in Herzensangelegenheiten dagegen seltsam zögerlich agiert. Und so reichen seine Vorstöße in ihre Richtung nicht weiter als bis zu einer Serie gemeinsamer Mittagessen, obgleich Agathe, die ihres Mannes, eines saufenden Anstreichers, längst überdrüssig ist, währenddessen nichts unversucht lässt, Tibo den Weg ins gemeinsame Glück zu weisen. Trotzdem vermag der es nicht, es beim Schopf zu packen. Und so wirft sich die emotional ausgehungerte Agathe nach Monaten des geduldigen Ausharrens schließlich entnervt dem windigen Hector, einem malenden Cousin ihres Mannes, in die Arme – und Tibo sieht sich schlagartig um sein Glück gebracht.
Drei endlos lange Jahre gehen ins Land, in denen Tibo aus der Halbdistanz zermürbt und um alle Illusionen beraubt miterleben muss, wie Agathe zusehends in ihr Unglück treibt. Die Servietten, auf denen sie einst gemeinsam Pläne für das Häuschen in Dalmatien schmiedeten, liegen vergilbt in Agathes Schreibtischschublade, und der Homer-Band, den Tibo Agathe geschenkt hat, hat längst ungelesen Staub angesetzt. Nein, nichts deutet darauf hin, dass Tibos Schicksal noch jemals eine Wendung in die richtige Richtung nehmen sollte.
Bis sich unversehens Mamma Cesare, Wirtin und passionierte Magierin, der Sache annimmt - und Nicolls ohnehin rasantes Märchen auf den letzten Seiten noch mehr Fahrt aufnimmt: Hectors Leiche wird geborgen, und die verzagte Agathe verwandelt sich – weil es ihr Schöpfer so will - kurzerhand in eine Dalmatiner Hündin, die fortan nicht mehr von Tibos Seite weicht. Doch weil Andrew Nicoll ein gewievter Trickser und begnadeter Schwerenöter ist, der keine halben Sachen macht, schickt er Tibo und seine Agathe auf eine letzte, alles ins Lot bringende Reise, sodass seine herrliche Räuberpistole damit schließt, dass Tibo und die wieder Mensch gewordene Agathe gemeinsam in einem großen weißen Haus an der dalmatischen Küste leben, Wein trinken und Oliven essen und ihren Kinder von Homer erzählen. Zudem hat er ganz nebenbei Dot auf der poetischen Landkarte verewigt.
Faulkners Diktum folgend, wonach ein gelungener Roman auf der Stelle tanzen und seinen Leser in ein sanftes Schwingen versetzen solle, ist Andrew Nicoll mit seiner Liebeslotterie etwas Besonderes geglückt: ein lange Herz zerreißendes, von der ersten bis zur letzten Seite vibrierendes Buch des Lebens – geschrieben von einem, der begriffen hat, dass es beim Schreiben um nichts weniger als die Wahrheit gehen sollte, auch wenn sie erstunken und erlogen ist!
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Peter Henning)