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Es ist eiskalt an diesem Neujahrstag in Celle. Mehmet Duman ist im BMW seines älteren Bruders unterwegs; in Gedanken ist er bei der großgewachsenen blonden Deutschen, die er am Abend zuvor in der Disco angesprochen hat. Es ist schon fast stockdunkel, als der junge Kurde bei den Fabrikhallen am Schützenplatz eine Bewegung wahrnimmt. Die Kugel aus dem Gewehr eines Scharfschützen trifft ihn im Kopf; als er auf dem Boden aufschlägt, hat sein Herz schon aufgehört zu schlagen … Die Schwester im Jenseits, Andree Hesses dritter Roman um Kommissar Arno Hennings, verknüpft spannend und in dramaturgisch überzeugender Weise die überschaubare, kleine Welt der alten Herzogstadt Celle mit einem der Krisenherde der Weltpolitik: dem bewaffneten Kampf für ein freies Kurdistan.
Hennings ist an diesem Neujahrstag 2006 in einer ziemlich derangierten Verfassung aus Danzig zurückgekehrt. Der Besuch bei Aglaja und dem anderthalb Jahre alten gemeinsamen Sohn Andrzej stand unter keinem guten Stern; er spürt, dass ihre Wege immer weiter auseinander gehen. In Celle stürzt er sich verbissen in die Ermittlungen, die viel Fingerspitzengefühl verlangen. Mehmet war nicht nur Kurde, er war yezidischer Kurde. «Der größte Teil der Kurden ist islamisiert worden, die Yeziden nicht. Es sind keine Moslems. deshalb werden sie von den Türken und den Arabern nicht nur als Kurden, sondern auch als Ungläubige verfolgt.»
Vor kurzem erst war Mehmet aus der JVA Göttingen entlassen worden, wo er wegen Drogenhandel und Körperverletzung einsaß. Kein Job, keine Perspektive, dafür aber Typen aus der Drogenszene, die hinter ihm her waren. Und Schläger einer rechtsradikalen Kameradschaft, die sich in der Kneipe Märkische Botschaft trafen. Kurden, Drogen, Nazis – darf’s sonst noch was sein, fragt sich Kommissar Hennings missmutig. Als auch noch der angesehene Arzt Dr. El Tahir plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist, wird der Fall immer komplizierter. Mehmet war gegen den erklärten Willen El Tahirs mit dessen Tochter Layla liiert, die an einer Überdosis Rauschgift starb …
In Rückblicken wird die grausame Vorgeschichte von Mehmets Hinrichtung erzählt. Begonnen hatte alles im März 1987 in der irakischen Provinz Dohuk, als Saddam Hussein Soldateska fast die gesamte Familie der jungen Nasira ermordete, weil ihr Vater als Peshmerga in den kurdischen Bergen kämpfte. Es waren die Jahre, als das Saddam-Regime seinen Vernichtungsfeldzug gegen die Aufständischen startete. Kurdische Gebiete wurden systematisch bombardiert, Abertausende starben durch Bomben, Feuer, Giftgas, Folter. Im Rahmen der barbarischen Anfal-Kampagne gegen die kurdische Bevölkerung im Nordirak fanden mehr als 180.000 Menschen den Tod, 3000 Dörfer wurden ausgelöscht.
Die junge Kurdin Ronahi Duman, die Schwester des Toten, wird für Hennings zur Schlüsselfigur der verwickelten Ermittlungen. Ronahi irritiert ihn, fasziniert ihn – und liefert ihm am Ende den Schlüssel zum Verständnis für mehr als nur diesen einen Mord. Denn nur sie weiß, wer El Tahir wirklich ist …