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Andrea Camilleri: Von der Liebe zum Radfahren

© picture-alliance/akg-images

Es ist ein schmaler autobiographischer Text, aber eine literarische Preziose. Er erzählt von einer Begegnung zweier Berühmtheiten – zu einer Zeit, als der eine, Andrea Camilleri, noch ein kleiner Junge war und noch nicht einer der berühmten Romanciers Italiens. Und der andere, Robert Capa, im Zweiten Weltkrieg Kriegsberichterstatter der US Army in Europa eingesetzt – und noch nicht der legendäre Gründer von Magnum Photos. Das gute Dutzend Capa-Fotos lässt im Kopf des Lesers einen realistischen, atmosphärisch dichten Film in Schwarz-Weiß ablaufen: Bombenkrieg, Hunger, Angst, wechselnde Frontverläufe. Und mittendrin ein Junge, Andrea, der in wichtiger Mission unterwegs ist.

Krieg und Frieden

«Kurz nachdem die Alliierten in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1943 auf Sizilien gelandet waren, positionierte sich die deutsche Division Hermann Göring auf einer Verteidigungslinie, die durch Serradifalco verlief …» – genau durch den Ort, in den sich Camilleris Familie geflüchtet hatte. Nur sein bei der Hafenkommandantur beschäftigter Vater durfte Porto Empedocle, ihre Heimatstadt, nicht verlassen.

In der Villa seiner Tante Concettina hoffen die Camilleris, den Krieg mit heiler Haut zu überstehen. Andrea zieht sich am liebsten zum Lesen in den kleinen Turm der Villa zurück. Dort besucht ihn hin und wieder der Onkel, der an einer, wie es so schön heißt, «leichten Form von Wahnsinn» litt. Manche Wörter, die sein Enkel ihm vorliest, lassen ihn Tränen der Heiterkeit lachen, Wörter wie Mond, Ameise, Herz oder Gesundheit. Den leicht wahnsinnigen Onkel scheint nur noch eines umzutreiben: Zigaretten. Einmal gelang ihm ein großer, ein legendärer Coup: In seiner Generalsuniform aus dem Ersten Weltkrieg zwang er einen Autokonvoi der Deutschen zum Anhalten und forderte die Soldaten auf, ihm sämtliche Zigarettenvorräte auszuhändigen. Ein Ansinnen, dem diese, verblüfft wie belustigt, unverzüglich nachkamen …

Autoreninfo

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle, Sizilien, geboren. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur und lehrte über zwanzig Jahre...
mehr über den Autor
Die Tempel von Agrigent

Direkt gegenüber der Villa hatten die Soldaten der Division Göring ihr Lager aufgeschlagen. Fatal an der Nähe zu den «deutschen Freunden» war, dass die Camilleris damit automatisch im Fadenkreuz allierter Bombenangriffe der Alliierten waren. Zum Glück dauerte es nicht mehr lange, dann war der Krieg in Serradifalco vorbei. Als er zum ersten Mal einen schwarzen Soldaten in einem Jeep der US Army vorbeifahren sieht, glaubt es auch Andrea.

Ob auch der Vater den Krieg wohlbehalten überstanden hatte, das war nun die Frage aller Fragen. Und so machte sich Andrea mit dem Fahrrad auf den Weg ins 50 Kilometer entfernte Porto Empedocle – kein leichtes Unterfangen bei all den Trümmern aus Metall, Stein und geborstenem Glas auf den Straßen. Weil er seinen Vater unversehrt antraf, machte er sich sofort wieder auf den Heimweg, um die frohe Kunde zu überbringen. Vorher aber muss er unbedingt nach Agrigent, in die Stadt der historischen Tempelanlagen.

Ihn quält die Sorge, sie könnten im Bombenhagel zerstört worden sein. Er muss es einfach mit eigenen Augen sehen. Ein Jeep mit zum Fuß des Tempels der Concordia, wo ihm ein fotografierender Soldat auffällt, just in dem Moment, als am Himmel ohrenbetäubender Lärm losbricht – Robert Capa …