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Andrea Camilleri: M wie Mafia

© Basso Camarsa (Autorenfoto)

Die Welt kannte ihn jahrzehntelang nur als Phantombild: Bernardo «Binnu» Provenzano, den capo dei tutti capi, den Boss aller Bosse. Als Jungmafioso hatte er sich als gnadenloser Kller hervorgetan; später, als Chef des mächtigsten Mafia-Clans Siziliens, beendete er mit harter Hand die Massakerstrategie der «Firma», weil diese sich schlicht als geschäftsschädigend erwies. Dreiundvierzig Jahre agierte er aus dem Untergrund: von Ort zu Ort, von Unterschlupf zu Unterschlupf weiterziehend – bis er im März 2006 in der Nähe seiner Heimatstadt Corleone verhaftet wurde. Andrea Camilleri erzählt die spektakuläre Geschichte Provenzanos, verpackt in ein ebenso spannendes wie formal originelles Lexikon über die Mafia.

«Du bist kein Schriftsteller. Du bist ein Kriegsberichterstatter, der mitten im Kugelhagel schreibt …» Rosetta Camilleri Ausspruch könnte auch und vor allem diesem Projekt ihres Mannes gegolten haben. Sich mit der Mafia zu beschäftigen, mit den Strukturen, Techniken und Drahtziehern des organisierten Verbrechens in Italien, kann lebensgefährlich sein, wie man weiß. Aber wer wie Camilleri mit so leichter Hand, souverän und amüsant, scharfsinnig und sarkastisch, über die «ehrenwerte Gesellschaft» schreibt, der hat eines nicht: Angst.

«Der Galgen ist für die Armen, die Gerechtigkeit für die Doofen»

M wie Mafia hat mit reißerischer Frontberichterstattung nicht das Geringste zu tun. Gestützt auf die Auswertung von Provenzanos legendären pizzini – zu winzigen Päckchen gefaltete und mit Tesafilm versiegelte Papiere, mit denen die Aktivitäten der Organisation bis in die skurrilsten Details gesteuert werden –, wird die auf den ersten Blick archaische, aber im Untergrundalltag verblüffend effektive Kommunikation der sizilianischen Mafia bis zur Verhaftung des Bosses der Corleonesi verständlich. Camilleris Idee, eine «große» Mafia-Biografie in Form einer alphabetischen Chronik zu erzählen (von A wie «Abschrift» und «Abtauchen» bis – überraschend – Z wie «ichoriengemüse») könnte man riskant nennen; aber wie er über diesen Dreh sein Mafia-Wissen organisiert und präsentiert, ist brillant.

Und oft ausgesprochen vergnüglich. Siehe Seite 90: «MAFIA. Von diesem Wort findet sich in Provenzanos pizzini nicht die geringste Spur. Keine Spur auch in den pizzini, die er empfangen hat. Das ist – mit Verlaub gesagt – so ähnlich, als würden der Fiat-Vorstand und die Fiat-Vertragshändler in ihren Geschäftsbriefen niemals das Wort Fiat erwähnen.»

Die Killerkarriere Provenzanos scheint sehr früh begonnen zu haben, mit dem Mord an einem Freund aus Corleone, den er nach einem Streit ganz nach biblischem Muster erschlug: «Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.» Später pflegte er sich bei der Klärung von Differenzen und der Ausführung von Aufträgen der lupara, einer abgesägten Schrotflinte, oder der Kalaschnikow zu bedienen. Den Spitznamen «’u tratturi», «der Traktor», verdiente er sich durch redlich: ein Plattmacher der schnörkellosen Sorte. Provenzano habe, so Ober-Mafioso Luciano Liggio, «geschossen wie ein Gott», aber «das Gehirn eines Huhns». Auch Tommaso Buscetta, Kronzeuge der ersten Stunde, bestätigt, dass Riina über deutlich mehr Intelligenz verfüge, als Provenzano, Liggios zweiter Statthalter.

Totò Riinas verlorener Krieg

Umso bemerkenswerter, dass es Bernardo Provenzano war, der einen radikalen Strategiewechsel der Mafia durchsetzte. Er scheint als Erster begriffen zu haben, dass die Massakerpolitik des Corleonesen Totò Riinas die Organisation in der Bevölkerung diskredierte und ihre Geschäftsgrundlage auf Dauer zu ruinieren drohte. Riina stand für die militärische Option: Liquidation missliebiger Politiker, Richter, Industrieller, Journalisten, Polizisten, wann immer einer den «Ehrenwerten» ernsthaft im Wege stand – wie am 23. Mai 1992, als Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, verantwortlich für den Maxi-Prozess von Palrmo 1986–1987, mitsamt Gattin und Begleitschutz in Capaci in die Luft gesprengt wurde, wenige Wochen, nachdem dessen Kollege und Freund Paolo Borsellino ermordet worden war. Damit musste Schluss sein, die wütenden Anti-Mafia-Massendemonstrationen waren ein deutliches Zeichen. In dieser Hinsicht war die Verhaftung Riinas im Januar 1993 ein Segen. «Die Cosa Nostra ist zu einer reinen Tötungsmaschine mutiert», erklärte der frühere Provenzano-Vertraute und spätere Kronzeuge Luigi Illardo 1994.

Aus dem Untergrund forderte Provenzano von den Mafia-Familien zehn Jahre Zeit, um, wie Camilleri schreibt, die «großen Probleme der Organisation zu lösen», u.a. die Abschaffung der lebenslangen Freiheitsstrafe und der Haftverschärfung für Mafiosi (§ 41b des Strafgesetzbuches), der Kronzeugenregelung und des Gesetzes zur Beschlagnahme illegaler erworbener Vermögenswerte. Vor allem aber galt sein konspirativer Einsatz der Normalisierung, der «Legalisierung» der Mafia-Aktivitäten. O-Ton Camilleri: «Hieß das etwa auch: Schusswaffen verboten? Jawohl, meine Herren, Schluss mit dem Rumgeballer, ab jetzt keine Leichen mehr!» Die Linie lautete: Vergessen machen, dass die Mafia überhaupt existiert.

Das einzige Buch in dem Feldhaus von Montagna die Cavalli, dem Ort der Verhaftung Provenzanos in der Nähe von Corleone, war die Bibel: in einer Ausgabe der Vatikanischen Verlagsanstalt. Die Spottlust geht mit Camilleri immer wieder durch, wenn er auf die Ummantelung von Anordnungen des Mafiabosses durch Bibelzitate oder vage religiöse Phrasen zu sprechen kommt – und die ständig einfließenden Demutsbekundungen, die in krassem Gegensatz zu Riinas herrischem Ton und Gestus standen: «Mein bescheidener Wunsch ist, euch zu bitten … Der ich geboren bin, zu dienen». Provenzano befahl nicht: er riet, er teilte mit, er wünschte.

Teil des Problems, Teil der Lösung

Nach und nach formt sich ein lebendiges Bild davon, wie die Mafia funktioniert und was sie für Sizilien, für Italien bedeutet. Die lexikalische Struktur gibt Camilleri auch die Möglichkeit, über (relevante) Randfragen zu schreiben: Wie lief die ärztliche Versorgung des Untergetauchten (der wegen einer Prostatakrebs-Operation 2003 sogar nach Frankreich «geschmuggelt» wurde)? Wie waren die Ave Marias und Anrufungen des gütigen Gottes in den «Provenzano-Code» eingebunden?

Und weshalb war es so gut wie ausgeschlossen war, Ehefrauen von Mafiosi zu einer Aussage gegen ihre Männer zu bewegen, obwohl sie in deren verbrecherisches Tun (Mord, Erpressung, Verschleppung, Geldwäsche etc.) oft bis ins Detail eingeweiht waren. Unter Berufung auf den Staatsanwalt Michele Prestipino ist Camilleri überzeugt, dass es in den Mafia-Familien so etwas wie einen ungeschriebenen«Ehevertrag» geben muss: «Die Frau akzeptiert das vorbehaltlose Bündnis mit dem Ehemann unter der Bedingung, dass die gemeinsamen Kinder so weit wie möglich der Verpflichtung zur Nachfolge enthoben sind oder sogar vor der Ansteckung mit dem Mafia-Virus geschützt werden. Das ist ein Handel, den die Ehefrau vorschlägt: ihre Komplizenschaft gegen die Rettung der Kinder.»

Übrigens: Krimileser profitieren von M wie Mafia ungemein, lernen sie doch hier, manche verschlüsselte Botschaften der Mörder zu dechiffrieren. Stein im Mund: ein Verräter – einer, der auspacken wollte. Schuh auf der Brust: ein Deserteur. Abgeschnittene Hoden im Mund des Toten: außereheliches Verhältnis mit der Frau eines Mafioso. Oder, anderer Zusammenhang: Sucht man jemanden auf, um dessen Bücher in Ordnung zu bringen, heißt das nichts anderes, als „Schulden“ auf massive Art einzufordern. Wie das vor sich geht, kennt man aus Dutzenden Hollywood-Filmen: angezündetes Auto, verwüstetes Restaurant, gebrochene Gliedmaßen. Oder schlicht und ergreifend: Liquidation.

Apropos Hollywood: Bernardo Provenzano soll nach Aussagen zahlreicher Vertrauter nur einmal gelacht zu haben, dann aber schallend: Als er sich im Kreise von Getreuen einen Film ansah, den Mafia-Klassiker Der Pate