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Seine Kriminalromane um Commissario Montalbano haben Camilleri weltberühmt gemacht. Nach seiner von Roberto Innocenti hinreißend illustrierten Erzählung Das Medaillon ist bei Kindler jetzt der Roman Die Pension Eva erschienen. «Knapp, mit stimmiger Dramaturgie, erzählt Camilleri eine Geschichte von Mitmenschlichkeit, Melancholie, Weisheit und Fürsorge. Wer im Alter so ohne Zorn und voller Zufriedenheit auf die Jugend zurückschauen kann, darf sich glücklich nennen.» (NDR Kultur)
«Die Pension Eva zeugt von einer solchen erzählerischen Leichtigkeit, ja Glückseligkeit, dass feststeht: Der Fall Camilleri ist – trotz des weltweiten Erfolgs – noch lange nicht abgeschlossen.» (Corriere della Sera)
Wie autobiographisch inspiriert dieser schmale, reiche Text ist, verrät die Nachbemerkung Camilleris. Dort erfahren wir nicht nur, dass er diesen «erzählerischen Ausflug» erst kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahres unternommen habe; er erwähnt auch, dass Nenè. der Held seiner Geschichte, denselben Namen trage, mit dem ihn selbst früher alle riefen. Die Pension Eva erzählt von der sexuellen Initiation des Jungen Nenè, der nicht zufällig in jenem fiktiven Vigatà zu Hause ist, das so verblüffend Camilleris Heimatstadt ähnelt: dem Küstenstädtchen Porto Empedocle in der Provinz Agrigento, aus dem auch Luigi Pirandello, Siziliens berühmtester Dichter, stammt.
Angela, seine Cousine, ist Nenès erste große Liebe. Mit ihr verkriecht er sich auf den Dachboden, wo ihre Balgereien immer körperlicher werden – bis berauschend wilde Doktorspiele Nenè einen Vorgeschmack auf die Wonnen der körperlichen Liebe geben. Angela wird krank, wird zur Kur und auf eine andere Schule geschickt, nach Cammarata. Als er sie wiedersieht, ist Angela zu einer jungen Frau gereift: attraktiv, unnahbar – und verlobt. Ihre Stelle nimmt irgendwann die Witwe Argirò ein: Die Mutter seines Schulfreundes Matteo verführt ihn, wie sie schon zahllose andere vor ihm verführt hat. «Weißt du, wie man die Witwe Argirò in der Stadt nennt? Das Schulschiff. Seit fünf Jahren gibt es hier in der Gegend keine Jungen, der nicht seine erste Kreuzfahrt bei ihr macht.»
Es ist die Zeit, als in Sizilien der Krieg zwischen den Mussolini-Faschisten und ihren mächtigen deutschen Verbündeten einerseits und den alliierten Truppen auf der anderen Seite hin und her wogt. Die Zeit, als die Häuser, Kirchen und Plätze von Vigatà von den Bomberstaffeln der Engländer und Amerikaner ins Visier genommen werden und Straßenzüge sich in Trümmerlandschaften verwandeln. Für Nenè und seine Freunde Jacolino und Ciccion sind es die Jahre, in denen sie ihre Unschuld verlieren, in jeder erdenklichen Weise.
Welches Glück, als Jacolinos Vater die Leitung der Pension Eva übernimmt, des stadtbekannten Bordells? Als er noch ein Kind war, hatte man Nenè erzählt, in dieser eigenartigen dreistöckigen Villa, die man leicht für unbewohnt hätte halten können, bezahlten erwachsene Männer dafür, nackte fremde Frauen anzuschauen. Seit den Lehrstunden bei der Witwe Argirò weiß Nenè, dass es zwischen Frauen und Männern um ganz anderes als bloßes Anschauen geht. Und er hat neue Wörter gelernt für all das Verruchte und doch so Anziehende.
Einmal in der Woche, am Montag, dem Ruhetag, dürfen die Jungen die meist nur wenige Jahre älteren Prostituierten besuchen («als Freundinnen, nicht als Huren»), um mit ihnen gemeinsam zu essen, zu reden und von besseren Zeiten zu träumen. Jung und heiß und entdeckungslustig, wie sie sind, bleibt es natürlich nicht nur beim Reden. Als der Krieg endlich vorbei ist, merken die Jungen, wie sehr sie sich verändert haben. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Aus grünen Jungs sind erwachsene Männer geworden. Ein neues Leben beginnt.