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Andrea Camilleri: Die Farbe der Sonne

Wenn es ein Mysterium um Andrea Camilleri gibt, dann sein später Erfolg als Schriftsteller. Nicht dass seine berufliche Karriere vorher eine einzige Tristesse gewesen wäre, im Gegenteil. Bei der RAI, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Italiens, hatte er einst eine auf sechs Monate befristete Stelle angetreten. Er blieb dreißig Jahre, nach 120 Theaterinszenierungen, 80 Fernsehproduktionen und 1300 Regiearbeiten für das Radio Erfolglosigkeit sieht anders aus. Seit er aber die Regiearbeit und die bis dahin gepflegte Kunstprosa an den Nagel hängte und sich auf «massentaugliche Literatur» unterschiedlicher Genres verlegte, avancierte der in Rom lebende Sizilianer zu einem der meistgelesenen Autoren Italiens, Seine Montalbano-Krimis haben ihn weltberühmt gemacht. Wie brillant er aber auch als Autor historischer Stoffe agiert, zeigt er in seinem bei Kindler erschienenen Caravaggio-Roman Die Farbe der Sonne – ein literarisches Kabinettstück

Wie Camilleri sich in Hitchcock-artiger Manier als handelnde Figur in diesen Historienroman mit kriminalistischem Hintergrund einschmuggelt, ist ganz schön pfiffig – und demonstriert einmal mehr, mit welcher Lust und List der 1925 in Porto Emdepocle, Sizilien, geborene Romancier zu schreiben pflegt. In Sachen Caravaggio nahm alles im Spätfrühling 2004 bei der Aufführung einer antiken Tragödie im Teatro Negro in Syracus seinen Lauf: der Beginn eines Katz-und-Maus-Spiels: Ein wenig anziehend wirkender und noch weniger angenehm riechender Mann hatte den Platz neben seinem eingenommen und ihm unbemerkt einen Zettel zugesteckt.

Die Vision der Schwarzen Sonne

Adressiert war der Kassiber ‹An den Schriftsteller Andrea Camilleri›, die Anweisung klar: Er müsse umgehend eine bestimmte Telefonnummer anrufen. Camilleri, als Krimiautor von Natur aus neugierig, tut es – um am folgenden Tag, wie in einer Episode aus einem drittklassigen Gangsterfilm, auf verschlungenen Wegen (und mit einer dunklen Binde vor den Augen) in ein Landhaus in der Nähe von Bronté gebracht zu werden. Dort überreichte ihm ein etwa fünfzigjähriger Fremder, der sich Carlo nannte, ein Manuskriptkonvolut, zusammengehalten von zwei dünnen Sperrholzbrettchen: angeblich die verschollenen Tagebuchaufzeichnungen des Malers Caravaggio nach seiner Flucht nach Malta. Es sei der letzte Wunsch seiner jüngst verstorbenen Frau, einer geborenen Minniti – Caravaggios Freund und Fluchtgefährte war Mario Minniti –, Camilleri diese Papiere zugänglich zu machen. Man ließ ihm nur ein paar Stunden Zeit, die wichtigsten Passagen abzuschreiben, bevor er wieder in sein Hotel zurückgebracht wurde ...

Und so erleben wir Nachgeborenen, wie der geniale Maler, der in Rom im Affekt zum Mörder geworden war, nach Malta flieht. Nach einem Jahr als Novize im Konvent der Malteser soll er zum Gratialritter geschlagen werden; «die Ernennung hätte die automatische Aufhebung des Todesurteils bewirkt, das gegen ihn in Rom wegen des Mordes an einem gewissen Ranuccio Tomassoni im Verlauf einer Schlägerei um Spielschulden verhängt worden war.»

Seine Zeit in Malta nutzte der Maler auch zur Beschäftigung mit dem irritierenden Phänomen der Schwarzen Sonne. Schon in Neapel war «des Tages Licht unerträglich geworden, Linderung fand ich nur in einem Zimmer, welches bewusst so gestaltet war, dem Lichte zu wehren». Mit Hilfe einer Flüssigkeit, die ihm die heilkundige Zauberin Celestina zubereitete, trifft es ihn wie ein Schlag: die Sonne strahlt schwarzes Licht aus, «welches die Menschen und die Dinge nicht gänzlich verdunkelet, sondern sie teils noch kenntlich ließ.»

Autoreninfo

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle, Sizilien, geboren. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur und lehrte über zwanzig Jahre...
mehr über den Autor
«… zurück sind die Hunde der Nacht»

Ob die schwarze Sonne nun Teufelswerk war oder nicht, bewegt Caravaggio weniger als ihre Auswirkung auf die Hell-Dunkel-Struktur seiner Gemälde. «Ich habe angefangen, an der Enthauptung Johannes des Täufers zu arbeiten, und das schwarze Licht der schwarzen Sonne verließ mich nimmer. Für mich gibt’s keinen Unterschied mehr zwischen der Nacht und dem Tage.»

Das Unglück bleibt fest an Caravaggios Seite. Unter abenteuerlichen Umständen im Oktober 1608 aus der Festung St. Angela geflohen, kann er auch auf seinen nächsten Stationen die Meute seiner Verfolger nicht abschütteln, die ihm ans Leder wollen, die Meuchelmörder des Malteserordens, die päpstlichen Wachen und andere selbst ernannte Vollstrecker der Gerechtigkeit. Ob in Agrigent oder Licata, in Syrakus, Messina oder Palermo – kaum angekommen, muss der Maler schon wieder für die Flucht rüsten. Er ist körperlich angeschlagen, seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Immer häufiger ängstigen ihn Halluzinationen mit wilden, wirren Schreckbildern: Schatten der Todesangst, die nach ihm greifen. Als letzter Ausweg bleibt ihm die Flucht aufs Festland: «Morgen bei Nacht wird’ ich nach Neapel mich einschiffen, als Frater verkleidet, um dem Tode ein Schnippgen u schlagen …»

Und dann folgt ein Postscriptum, ganz nach Art und Geschmack des großen Krimiautors Andrea Camilleri: Am Stadtrand von Catania wurde im Januar 2005 ein von der Mafia exekutierter Mann gefunden, bei dem es sich um niemand anderen als den geheimnisvollen Fremden aus dem Landhaus handelt …